Guten Tag,

Ihr Magisterprüfungspass ist fertig bearbeitet und kann an der Studien Service Stelle A zu den Öffnungszeiten abgeholt werden.

Fünf Jahre. Knapp fünf Jahre hat es gedauert, das komplette Studium abzuschließen. Und dann bekommst du – wie alle dreitausend anderen geisteswissenschaftlichen Absolventen dieses Jahr auch – eine zweizeilige E-Mail, in der dir mitgeteilt wird, dass du deinen bearbeiteten, zuvor von dir ausgefüllten Prüfungspass abholen kannst, der deiner Arbeit beigelegt werden muss. Es fühlt sich an wie ein schlechter Scherz. Ein unwürdiger, bürokratischer Abschluss einer, nunja, langen Reihe bürokratischer Hürden.

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Das schlechte Gewissen treibt mich auch bei 38 Grad in die Hauptbibliothek. An zwei von sieben Tagen zumindest. Ich kann zuhause nicht arbeiten, habe ich festgestellt. Gut, dass diese späte Einsicht überhaupt noch kommt. Ich sitze also mit etwa zwanzig anderen um 9:52 in dem berühmten Harry-Potter-Saal und lese und markiere und unterstreiche und fasse zusammen. Over and over again. Und frage mich, was danach kommt und ob ich irgendwann in meinem geballten Strebertum nicht diese Phase ausgelassen habe, dich sich gemeinhin Orientierungslosigkeit nennt. Die meine Freundinnen fast alle hatten, irgendwann nach der Matura oder nach dem Abbruch des Studiums im dritten Jahr. Nicht ich. Nicht ich. Ich habe weitergemacht, weil ich immer weitergemacht habe und aufgeben anders als etwas zu beenden nie eine Option war.

Ich muss mir mit dieser Arbeit nichts mehr beweisen, ich bin fertig, ich habe fertig studiert. 2013 habe ich über einen anderen Master nachgedacht und mich dann für Wien entschieden, der Einfachhalt halber. Dieses Jahr soll das anders werden, die Bequemlichkeit darf nicht noch einmal über meinen Wohnort oder Arbeitsplatz entscheiden.

Während ich die Arbeit in mühsamer Kleinstarbeit in drei Teile gliedere und versuche, mir in den 14 verschiedenen Word-Dokumenten einen Überblick über das zu verschaffen, was ich schon (re)produziert habe, geistern mir Zukunftsvisionen im Kopf herum. Alles kann, jetzt. Ich bin frei, wie noch nie in meinem Leben zuvor und diese Freiheit geht mit dem Druck einher, sie auch ausreichend zu nutzen.

Ich höre Menschen, die mir sagen, wie gut ich es doch habe, dass sie gerne mit mir tauschen würden, statt im Büro festzuhängen, dass ich gerade den Sommer meines Lebens hätte und das Leben vor mir. Und es stimmt, was sie sagen und ich möchte nicht anders als so und doch macht es mir Angst, ganz tief drinnen, dass es vorbei sein wird. Alles, endgültig, an dieser Fakultät und vielleicht auch in dieser Stadt.

Genügsamkeit wäre ein gutes Stichwort. Meine Akademisierung ist (vorerst) abgeschlossen, das, was ich jahrelang überkompensieren wollte, steht bald schwarz auf weiß wie ein Beweis meiner Fertigkeiten vor meinem Namen. Was bedeutet es überhaupt, diesen Titel „verliehen“ zu bekommen? Sind Gedanken wie diese normal? Auch ein Teil des Prozesses, der mit dem Abschluss eines Studiums zusammenhängt? Weil plötzlich nicht mehr Jahre vor dir, sondern hinter dir liegen und man irgendwie erwartet hatte, dass danach alles klar erscheint und so unklar ist es auch wieder nicht, ich weiß besser als zuvor, wo ich nicht hinmöchte.

Ein fortwährendes Ausloten der Neins, der Abers, der Vielleicht-Dochs. Das Sichten neuer Projekte, die man schon anfängt, ohne die alten richtig hinter sich gelassen zu haben.

Ich warte, sehnsüchtig, auf den Neubeginn. Mein Herz schlägt schnell. Mein Brustkorb fühlt sich zu klein an, für die Welt da draußen. Während ich arbeite, verarbeite ich. Während ich neue Städte entdeckte, plane ich. Immer mit einem Auge in die Zukunft schielend.

Sie wird kommen, sie wird wunderbar. Ich hoffe nur, ein wenig weniger an der Ungewissheit zu verzweifeln.