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How to pitch: Dinge, die mir im Journalismus niemand erklärt hat

15. Februar 2016

Dieses Jahr im Herbst sind es fünf Jahre. Fünf Jahre im Journalismus, ein dreiviertel Jahr davon als Freie, den Rest habe ich mal mehr, mal weniger regelmäßig in drei sehr unterschiedlichen Redaktionen verbracht. Ich habe also quasi schon immer neben dem Studium versucht, im Journalismus Fuß zu fassen. Das war schön und spannend, manchmal auch sehr anstrengend und kräftezehrend. Es gibt so vieles, das man anfangs weder weiß, noch einschätzen kann. Dinge, die einem niemand erklärt.

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Da ich nicht vorhabe, einen Eintrag über die grauenhaften Arbeitsbedingungen von freien Journalisten zu verfassen um mich darüber zu beschweren, wie wenig und wie spät viele – auch sehr gute – Medienbetriebe zahlen, dachte ich, dass es motivierender wäre all die Tipps zu sammeln, die ich von Redaktionskonferenzen und Kongressen mitgenommen habe. Damit ihr es leichter habt.

Bevor ihr euch über die verspätete (oder keine Antwort) von den Chefredakteuren wundert, berücksichtigt am besten folgende Fakten.

Vor dem Pitch: Bitte Nachsicht haben

  • Die Chefs vom Dienst müssen nicht nur die Freien betreuen (bis sie diese für gut befunden und an jemand anderes “abgegeben“ haben), sondern vor allem: ihre eigenen Mitarbeiter. Die eigenen Mitarbeiter sorgen täglich für das Grundrauschen, für Investigatives, für fixe Formate. Nur damit steht das Projekt am Ende. Sie kommen: Vor euch und haben lange für ihre Position gekämpft
  • Die Chefs vom Dienst haben neben den diversen Prozessen des Auswählens (Gatekeeping) auch die Funktion des Redigierens und Feedback-Gebens. Sie müssen sich sowohl um Tagesaktuelles als auch Langfristiges kümmern, die Zahlen im Kopf behalten, den Social Media Auftritt beobachten und für ein gesamt stimmiges Konzept sorgen
  • Ich bin keine Chefin und bekomme trotzdem täglich so viele Mails, dass ich sie kaum durchsehen kann. Stellt euch vor, wie viele Mails die Chefs bekommen. Es werden zwischen 60 bis 1000+ sein, je nach Medienbetrieb und Größe.
  • Viele Redaktionen sind bereits „voll“ und haben zudem genug fixe Freie. Trotzdem: Bist du gut, hast du ein hervorragendes Thema, das zum Medium passt, stehen die Chancen gut.

Wie? Ich habe selbst unzählige schlechte Pitches bekommen, als ich in leitender Position war und beobachte seit Jahren den Prozess der Auswahl. Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich diese Liste anlege, aber ich hoffe, sie hilft allen Einsteigerinnen und Einsteigern bei ihrem nächsten Pitch.

Was du unbedingt vermeiden solltest:

  • Anreden wie: „Liebe Medienvertreter“. Nein, ich bin nicht die liebe Medienvertreterin. Kommt sofort in die Tonne
  • Eine E-Mail, deren Ende ich nicht absehen kann.
  • Erstmal 5 Absätze zu deiner Person und deinen Praktika in Berlin, Singapur, den Auslandsaufenthalt vor vier Jahren in Schottland und dass du gerne babygesittet hast, während du noch zur Schule gingst. Alles Details, die – leider – niemanden mehr interessieren. Es geht um deinen Text. Wie du schreibst, wo du geschrieben hast. Deine fünf Diploma und Master sind relativ irrelevant. Frag dich eher: Wie hilfst du uns?
  • Hänge keine Bachelorzeugnisse oder Ähnliches bei einem einfachen Pitch an. Ain’t nobody got time for that. Selbst, wenn du keinen Studienabschluss hast, kann es gut sein, dass du besser schreibst als jemand mit. Ein Studium hat noch in den seltensten Fällen zur Edelfeder qualifiziert.
  • Fertige Texte anhängen: Ganz schwierig, denn das bedeutet in den meisten Fällen, dass die Redaktion noch viel redigieren muss, da du das Thema vorher nicht abgesprochen hast. Zudem wirkt es, als ob du deinen Text (am besten noch mit dem Betreff: Spannender Bericht zur Demo über XY) einfach random an alle Medien geschickt hast und nun darauf hoffst, irgendwo unter zu kommen.
  • Mehr als 3 Vorschläge pitchen: Überfordert und wirkt unschlüssig

Besser:

Bevor du wild darauf losschickst, informierst du dich über das Medium und sorgst dafür die Redaktion von dem Gedanken zu überzeugen, dass du WIRKLICH und zwar WIRKLICH für sie schreiben möchtest. Das geht so:

  • Du liest das Medium, über Minimum 2 Wochen

lack of familiarity with the publication is the most common.

  • Du machst dich mit den Ressorts und dem Wording bekannt
  • Du weißt, welche Person für was zuständig ist. So kannst du deine Themenvorschläge direkt an die Person aus zB. dem Kulturressort pitchen. Oder der Netzwelt (denn die Ressortleiter haben meist mehr Zeit als die Chefs, zumindest in der Theorie)
  • Du weißt, welche Themenbereiche abgedeckt sind, und was fehlt

Das Thema

  • Der Titel! Überlege dir, wie deine Überschrift (Küchenzuruf-Methode) lauten würde und schreibe ihn zu deinem Vorschlag dazu.
    • Hast du beim Formulieren der Headline Schwierigkeiten, ist dein Thema vielleicht nicht ausreichend eingegrenzt
  • Es ist leichter, für einen Themenbereich zu pitchen, der unterrepräsentiert ist
    • Wenn du weißt, dass es zwei fixe Personen gibt, die über Gender schreiben, werden sie deinen Beitrag mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur ablehnen, sondern bei einer Zusage so oft umwerfen, dass du keine Lust/Zeit mehr hast, in der Korrekturschleife auch nur eine Zeile davon zu redigieren
  • Sollte eine These haben. Was möchtest du am Ende mit deinem Beitrag aussagen?

Most common mistake—pitching a topic, rather than a story.

Das Format

Wird es ein Interview? Ein Bericht zu einer Veranstaltung? Eine Analyse, eine Fotoreportage?

  • Ist das Format bekannt, werden nicht nur die Preise leichter vereinbart, sondern dein ganzer Pitch wirkt wohlüberlegter
  • Schlecht wäre zB: Ich würde gerne etwas zum Thema Arbeitslosigkeit in Deutschland schreiben. Es gibt aktuell XXX.XXX Arbeitslose, wir wissen nicht, was mit ihnen in Zukunft passieren soll, welche Maßnahmen seitens der Regierung in Angriff genommen werden. Bei den kommenden Wahlen in Bundesland A gibt es einen Minister, der sich offen für XX ausspricht. Auch die Jugend ist betroffen.
    • Schlecht, weil: Kaum eingegrenzt. Was wirst du schreiben? Machst du Interviews mit arbeitslosen Jugendlichen? Mit dem Minister? Schreibst du daraufhin eine Analyse in Verbindung mit Marx oder Piketty? Wird es ein Kommentar zur aktuellen Lage? Natürlich können Genres fließend sein, aber einfach mal „irgendetwas“ schreiben zu wollen, überzeugt in den seltensten Fällen.
      • Nachfragen kostet Zeit und passiert gerade bei Zeitmangel: Selten. Der Zuschlag wird meist sofort erteilt, weil dein Thema in den ersten drei Sätzen überzeugt
  • Besser: Ich würde für den Beitrag sechs Interviews mit arbeitslosen Jugendlichen führen und mir von ihnen die Hintergründe zu ihrer aktuellen Lage anhören. Daraufhin würde ich Portraits (inklusive Fotos) verfassen, die ihre Situation widerspiegeln, ohne sie dabei öffentlich bloßzustellen. Dafür wende ich mich Literatur von XX, XX und XX zu.

Dein erster Pitch ist:

  • Direkt an eine Person gerichtet: Namen ausforschen
  • Erklärt in 2-3 Sätzen, warum du für die Redaktion arbeiten möchtest und
  • Erwähnt kurz, wo du zuvor gearbeitet hast (Namen reichen, 1 – 2 Links oder Textproben maximal, angehängt)
  • Du zeigst der Redaktion auf subtile und freundliche Weise, was dir in den letzten Wochen gefehlt hat, oder was du dir als Leserin selbst wünscht. Damit beweist du journalistische Kompetenz und machst klar, dass du dem Medium hilfst, ein besseres zu werden. Sie brauchen dich, um das Thema “XY“ abzudecken – denn da gibt es zB. keine fixe Expertin
  • Dein Themenvorschlag selbst ist präzise und kurz angerissen. Mehr als 3 Absätze sind definitiv zu viel. Gelesen wird deine Mail: nebenbei. Das heißt, sie muss neugierig machen und schon in den ersten Zeilen mit der Wortwahl überzeugen.

Erhältst du den Zuschlag, sprichst du am besten ganz genau ab, wie das Endergebnis aussehen soll. Umso geringer die Enttäuschung und desto kürzer der Prozess der Korrektur. Die Konkretisierung deines Vorschlags ist auch Aufgabe der Chefs. Zeichenlänge, wie viele Fotos, wie viel Geld für was. All das muss vorher abgemacht werden.

Viel Erfolg und vor allem: Ganz viel Durchhaltevermögen.

Gibt es noch etwas, das du hier vermisst? Lass mir einen Kommentar da.

Lese-Empfehlung: How not to pitch 

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4 Comments

  • Reply AnnaTeresa 2. Mai 2016 at 20:41

    Was für ein grandioser Artikel!
    Er hat mir wirklich super geholfen!
    Danke dafür!

    Liebe Grüße
    AnnaTeresa

  • Reply Anna 30. November 2016 at 22:21

    Sehr spannend, das Ganze mal aus der anderen Perspektive zu sehen! Merci!

  • Reply Ana 18. Dezember 2016 at 13:02

    Hey du – was für ein hilfreicher und sehr gut geschriebener Artikel! Wirklich sehr übersichtlich und dabei dennoch spannend zu lesen. Hast mir sehr gut weitergeholfen und mir etwas Einblick in die andere Seite gegeben.
    Dein Blog ist ab jetzt auf meiner Leseliste ;)

    Schönen Restsonntag wünsche ich dir! xx Ana http://www.disasterdiary.de

    • Reply groschenphilosophin 19. Dezember 2016 at 13:36

      Danke, das freut mich :)

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