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„70 % der Publizistik-Studierenden sind zu nichts zu gebrauchen“

21. Mai 2014

uniwienlesesaal

„Was willst du denn damit später machen?“ Der Prototyp eines abwertenden Spruchs, den sowohl Publizistik- als auch Journalismus-Studierende mehr als einmal während ihrer Vor- beziehungsweise Ausbildung zu hören bekommen. Abgesehen von der kollektiven Diskreditierung von Menschen, die „irgendwas mit Medien machen“, gibt es auch studiengangspezifische Vorurteile. Schön, nicht? Gemeinsam mit zwei Studentinnen des Studiengangs für Journalismus und Medienmanagement haben meine Kollegin und ich einen Leitfaden erarbeitet, der Aufklärungsarbeiten leisten soll. Dieser ist nicht nur an jene gerichtet, die uns ihre ohnehin vorgefertigte Meinung zu unseren (nicht vorhandenen) Zukunftsperspektiven bei Parties aufdrängen wollen – sondern auch an Menschen, die schon länger mit dem Gedanken spielen, einen der beiden Wege einzuschlagen. Dass es sich hierbei um zwei, beziehungsweise maximal vier subjektive Meinungsbeiträge handelt, darf während der Lektüre nicht vergessen werden. Hier der Link zum Beitrag von Elisabeth und Hannah.

1. ERWARTUNG steht für die vermutete Zukunft

Die Motivation für dieses Studium war bei uns beiden unterschiedlich.

Publizistik- und Kommunikationswissenschaft? Was willst du denn damit machen?

Während die eine Praktikaerfahrung in verschiedenen Presseämtern gesammelt hat und dadurch schon mit der Praxis der Manipulation zwischen PR und Journalismus in Berührung kam, lag das Interesse der anderen vor allem am journalistischen Handwerk. Während die eine von Abstraktion durch Theorie noch keinen Schimmer hatte und frisch von der Schule kam, wollte die andere bereits das Kommunikationssystem hinter Journalismus verstehen lernen. Welche Erwartungen hatten wir? Während wir gemeinsam vor dieser Frage sitzen, kommen wir nicht sofort auf einen Nenner. Wir müssen unsere Erfahrungen als auch Erwartungen getrennt betrachten, um differenzierter auf diese Frage eingehen zu können.

Phantasien einer Schülerin
Schreiben war das, was mir am meisten Freude bereitete. Es war ganz einfach mein Ding, etwas, wodurch ich mich von meinen KlassenkameradInnen abgrenzen konnte. Ich dachte, dafür sei ich gemacht – natürlich ohne intensiv über das spontan Fabrizierte zu reflektieren. Schreiben war die Tätigkeit, die meine Kreativität automatisch förderte, die es schaffte, wirre Gedanken aus meinem Kopf auf eine Wordvorlage zu transferieren um damit gleichzeitig ein wenig Ordnung zu schaffen. Die Vertiefung meiner bisherigen Kenntnisse war der Grund, letztendlich das Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (PuK) an der Universität Wien anzufangen. Auch wenn ich über meine Vorstellung von Universität im Nachhinein betrachtet mehr als schmunzeln muss.

Ich dachte, dass es keine Hausübungen gäbe, sondern lediglich Prüfungen und – ganz am Ende des Studiums – die erste wissenschaftilche Arbeit. Dem ist nicht so. Bereits im 2. Semester verfasst man eine Proseminararbeit, die erste „wissenschaftliche“ Abhandlung. Wissenschaftlich in Anführungszeichen, weil man als Zweitsemester noch nicht das Handwerk beherrscht, um eine eigenständige, methodisch einwandfreie Arbeit durchzuführen. Muss man auch nicht, da die ProseminarleiterInnen meist gerade erst mit dem Studium fertig geworden sind und sich daher noch gut an ihre ersten Schritte Richtung Wissenschaft erinnern können. Sie wiederholten gemeinsam mit uns die Unterschiede zwischen qualitativen und quantitativen Methoden der empirischen Sozialforschung, erklärten, wie man Abstracts schreibt oder Erkenntnissinteressen verfasst. Wer nun denkt, dass das Handwerk zum wissenschaftlichen Arbeiten wohl wenig mit der kommunikationswissenschaftlichen oder auch journalistischen Praxis gemeinsam hat, irrt.

Auch ich wunderte mich zu Beginn des Studiums über die Terminologie: Empirie. Methodologie. Dekonsktruktion. Hermeneutik. Behaviourismus. Kohorte. Validität. Hegemonialität. Dinge, die ich in der Schule noch nie gehört hatte. „Das soll mir also dabei helfen, Journalistin zu werden?“ Nicht Wenige hat der Sprung ins kalte Wasser abgeschreckt. Die Zahl der Studierenden reduzierte sich vom ersten zum dritten Semester um deutlich mehr als die Hälfte. Wie so oft ist der Anfang das Schwierigste. Es war eine große Umstellung, zwischen Alltags- und Wissenschaftssprache zu unterscheiden. Im österreichischen Bildungssystem, so kommt es mir vor, endet die Vorbereitung auf „das Leben danach“ spätestens am Tag der Matura. Die unterschiedlichen Möglichkeiten, die einem danach offen stehen, muss man am eigenen Leib testen.Erst mit der Zeit habe ich mich mit dem akademischen Habitus angefreundet. Ihn verinnerlicht, aufgesaugt. Die Wissenschaft lieben gelernt.

Welchen Einfluss dieses Umdenken auf meinen „journalistischen Alltag“ als auch meine Wahrnehmung hatte, spüre ich seither jeden Tag. Man wird durch den Prozess des selbstständigen Studierens kritischer, man hinterfragt das Verhältnis von Journalismus und PR (Vorlesung: Printjournalismus, Vorlesung: Public Relations und Öffentliche Komunikation), man entwickelt (im besten Falle) ein abwechslungsreicheres und bewussteres Mediennutzungsverhalten, das einen dazu anregt, hinter die Aufmachung einer Zeitung oder eines TV-Formats zu blicken. Durch die Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten, die man auch in höheren Semestern mit jeder weiteren Übung vertieft, können Alltagsphänomene auf Metaebene thematisiert und beispielsweise mit Schemata der Rezeptionsforschung in Verbindung gebracht werden. Warum schauen wir (Scripted) Reality Formate? Welche Anreize verbergen sich hinter dem Teilen von Inhalten in sozialen Netzwerken? Wie kann User-generated Content zur Emanzipierung der LeserInnen beitragen und inwiefern müssen/sollen JournalistInnen in ihren Beiträgen darauf eingehen?

Ob das PuK Studium neben dem persönlichen Erkenntnissgewinn auch für den Berufsalltag wappnet? Das kommt wahrscheinlich auf die eigenen Schwerpunkte (Print-, Hörfunk-, TV-, Multimedia-Journalismus, Public Relations, Werbung, Markt- und Meinungsforschung, historische oder feministische Kommunikationsforschung) und außeruniversitäre Eigeninitiative an. Es mag Menschen geben, die nach dem Studium noch nie etwas von feministischen Theorien oder der idealen Sprechsituation nach Habermas gehört haben und trotzdem wichtige Ämter bekleiden. Es bleibt jedem selbst überlassen, wie viel Zeit und Energie er oder sie in das Studium investieren möchte. Und ja, eine Spezialisierung ist im durchaus breit gefächerten Studium der PuK möglich. Wer aber mit Scheuklappen durch das Studium geht, wird danach wahrscheinlich nicht mehr wissen als jemand, der bereits jahrelang in Agenturen oder Redaktionen gearbeitet hat.

Die Verlockung alles machen zu können. Oder auch nichts.

Auch ich kann mit Schreiben war beginnen. Schon mit 13 habe ich bei der Schülerzeitung mitgearbeitet, wollte Ungerechtigkeiten nachgehen (die thematisch damals vor allem auf das Aussterben von Tierarten und Umweltverschmutzung beschränkt waren). Mit der Pubertät wandte sich das schreibende Ich zunehmend Satire und Oberflächlichkeiten zu, bis meine „journalistischen“ Arbeitsweisen irgendwann gänzlich verstummten. So wusste ich nach dem Abitur nichts mit mir anzufangen, meine Interessen hüpften irgendwo zwischen Lektorat, Schauspielerei, Modedesign und Literatur herum. Alles sehr aussichtsreich. Also machte ich erstmal Praktika, um mich zu beschäftigen und meine Eltern zu beruhigen. Ein Zufall brachte mich so in die Presseabteilung des Staatsballetts Berlin und anschließend (schon nicht mehr ganz so zufällig) in die Presseabteilung der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Gerade dort lernte ich, wie politische PR funktioniert, welche Deals angeboten werden, damit nicht schon wieder die prügelnden Rütli-Schüler im Vordergrund stehen, und nein, auch nicht der schlecht ausgefallene PISA-Test. Und da merkte ich: JournalistInnen sind gar nicht die Ritter in der weißen Rüstung. Oft sind sie manipulativ oder lassen sich auch bewusst manipulieren. Und BILD JournalistInnen sind auch nicht alle hohl in der Birne. Sie sind vielleicht nur weniger kritisch. Oder resigniert.

Diese Erfahrungen haben mich an meine Ideale erinnert. Ich wollte mehr lernen über dieses ambivalente Verhältnis zwischen PR und Journalismus, zwischen Politik und Öffentlichkeit. Und vielleicht wollte ich meine endgültige Berufsentscheidung noch ein, zwei Jahre aufschieben. Denn wie der Vater meines Freundes so treffend sagte: „Ja, mit Publizistik kann man alles machen. Oder auch nichts.“

Ich konnte mir damals eine Tätigkeit in allen Bereichen vorstellen, die mit Kommunikation zu tun haben – und das sind schließlich viele, denn kommunikationswissenschaftlich betrachtet ist alles Handeln Kommunikation. Vor allem aber hatte ich nach zwei Jahren Auszeit (Praktika + Au-pair) wieder Lust, zu lernen. Ich wollte erst einmal bewusst studieren.

2. MOTIVATION bezeichnet emotionale und neuronale Aktivität

Fachhochschulen rühmen sich gerne damit, nur die „Besten der Besten“ aufzunehmen. Wer heute noch denkt, dass standardisierte Computertests, in denen mathematische Reihenfolgen fortgeführt werden müssen, zur Qualitätssicherung bei der Rekrutierung des Nachwuchses beitragen, irrt. Ich selbst (damals Maturantin) hatte mich an der FH Wien für den Studiengang Journalismus und Medienmanagement beworben – und wurde nicht genommen. In der letzten großen Gesprächsrunde bin ich ausgeschieden, und wusste nicht warum. Wenn ich damals bloß geahnt hätte, dass ich diese Entscheidung vier Jahre später nicht eine Sekunde bereuen würde.

Ihr habt denselben Abschluss wie Menschen, die vielleicht gar nichts gemacht haben.

Zugegeben, vielleicht bewerben sich an der FH ausschließlich Menschen, die unbedingt JournalistIn werden wollen – so wie es auch bei mir der Fall war. Das heißt aber deshalb noch nicht, dass sie die besten JournalistInnen werden. Was uns eigentich zu der Frage führen müsste, was ein/e gute JournalistIn ist. Da wir diesen Beitrag ohnehin bereits um Längen überschritten haben, muss die Diskussion darauf noch folgen. Elisabeth fasste bei unserer Vorbesprechung zu diesem Beitrag zusammen, dass die auf der FH ausgebildeten JournalistInnen womöglich systemkonformer wären. Wenn es darum geht, Menschen auszubilden, die anschließend in bestehende Redaktionen mit klaren Hierarchien eingegliedert werden sollen, ist die Fachhochschule vielleicht die bessere Wahl.

Ich denke nicht, dass auf Basis eines Aufnahmetests die „Studierfähigkeit“ eines Menschens überprüft werden kann. Ehrgeiz, Interesse und Motivation können nicht zur Gänze durch ein künstliches Gespräch erkannt werden. Ein Gespräch, das ohnehin darauf abzielt, InteressentInnen zu verunsichern, in gut und schlecht, vorhanden oder nicht vorhanden zu kategorisieren. Ebensowenig kann man behaupten, dass alle, die unser Studium absolvieren, auch wirklich Ehrgeiz, Interesse und Motivation für das Fach an sich haben und später bei ARTE arbeiten wollen.

Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, zu studieren. Und wenn es nur der ist, dass man „sonst nicht weiß, was man machen soll“. Bei einigen ist das Interesse für Journalismus von Anfang an vorhanden, bei manchen entwickelt es sich und für manche kommt „der Beruf“ vielleicht am Ende des Studiums gar nicht mehr in Frage. Zu letzter Kategorie zähle ich mich zumindest zeitweise.

Es ist genauso disqualifizierend zu behaupten, dass „Publizistik-Studierende zu nichts zu gebrauchen wären“, wie FH-Absolventen Zauberfähigkeiten zu unterstellen, mit denen sie – und nur sie alleine – durch die „richtigen brancheninternen Kontakte“ und das „richtige Arbeiten“ dazu befähigt wären, den Journalismus zu revolutionieren.

Eine Frage, die man bei der Bewerbung an der FH im Übrigen verpflichtend beantworten musste, war folgende: Wie werden sie ihr Studium finanzieren? Der elitäre Anspruch hätte nicht subtiler auffallen können.

3. Beziehung zu DozentInnen, Feedbackprozesse oder: die erste Enttäuschung

Die Qualität der Lehre ist proportional zur Größe der Gruppe – behaupte ich jetzt frei heraus, schlichtweg auf meinen Erfahrungen basierend (13 Jahre Schule, fast 5 Jahre Universität). Und nachdem ich kleine Leistungskurse à 10 – 15 SchülerInnen gewohnt war, wog der Schock im ersten Semester um so schwerer: Gemeinsam mit knapp 1,400 anderen versuchte ich wöchentlich einen Platz im Audimax und später im Messezentrum zu ergattern (dank der „Uni brennt“-Proteste). Mein einziger sozialer Kontakt mit Lehrenden im ersten Semester war mein Tutor Daniel, bei dem ich und 16 weitere Studierende versuchten, das Themenspektrum „Kriegsberichterstattung“ theoretisch zu erfassen. Daniel ermunterte uns, durchzuhalten, half uns bei organisatorischen Problemen, zeigte uns, wo wir eventuell Antworten finden könnten, wenn er nicht weiter wusste, gab uns regelmäßig Feedback und ist der Grund, warum ich Jahre später selbst Fachtutorin wurde.
Das war es dann aber auch erstmal. Meine Forschungsarbeiten schrieb ich in den folgenden Jahren meistens auf mich allein gestellt – theoretische Probleme löste ich, indem ich sie tagelang gedanklich durchwälzte. Oft passierte es, dass ich glaubte, endlich die relevante Schnittstelle gefunden zu haben und sie gleich darauf nicht mehr wiedererkannte; fast heulend vor meinen Konzepten saß und dachte, ich würde es nie schaffen. Ich quälte mich den heißesten Sommer Wiens ohne Hilfe durch SPSS, lehrte mich alternative qualitative Methoden (hallo, kritische Diskursanalyse!) – oder glaube zumindest, sie irgendwie erlernt zu haben – und las die Theorie des Kommunikativen Handelns mehr als einmal. Und das alles immer mit dem unsicheren Gefühl, nicht richtig zu liegen, ins Blaue hineinzurecherchieren und am Ende eine komplette Katastrophe einzureichen.
Die Prüfungen der großen Pflichtvorlesungen waren allesamt Enttäuschungen. Die meisten waren im Multiple Choice Modus, mal knifflig, mal lächerlich einfach. Offene Fragen waren auch auf reine Wissensabfrage orientiert. Es gab nur einen Professor, der an unseren Ideen an sich interessiert war.

Unsere SeminarleiterInnen haben wenig Zeit, die ProfessorInnen noch weniger. Sie müssen Massen an Studierenden betreuen. Manche DozentInnen betreuen in einem Semester 30 Bachelorarbeiten, ein Forschungsseminar mit 20 TeilnehmerInnen und ein Masterseminar mit ebenfalls um die 20 Studierenden. Prüfungen, bei denen jedesmal 300 und mehr Studierende anwesend sind, können nicht offen und frei, essayistisch gestaltet werden, das ist klar. Im Prinzip ist man auf sich allein gestellt. Erst im Laufe knüpft man vielleicht zarte Kontakte zu der einen oder dem anderen Lehrenden. Und im Master sind die Gruppen dann auch endlich kleiner. Vielleicht forscht man auch gemeinsam in der Gruppe an einem Thema, fühlt endlich die Relevanz einer Studie.
Auch hier geht es vor allem um eigenständiges Arbeiten. Nach fünf längeren Forschungsarbeiten finde ich jedoch, dass gerade solche Situationen die Selbstorganisation fördern. Klar, man muss den Willen haben, sich durch Schwierigkeiten durchzubeißen. Nicht nur das: Man muss auch den Willen haben, nicht nur das von den ProfessorInnen erwartete Minimum in eine Arbeit zu stecken. Denn nur so kann man auch persönlich etwas daraus ziehen. Und seien wir mal ehrlich: Wir schreiben diese Arbeiten hauptsächlich für uns.

4. Der wohl größte Irrglaube: „An der Uni kann man kommen und gehen, wann man will.“

Auf der Publizistik hat man genügend Zeit, nebenbei zu arbeiten.

Ja, man kann neben dem Publizistik-Studium arbeiten. Vielleicht noch besser als neben dem Studium der molekularen Biologie. Und die meisten müssen es auch, ein Studium finanziert sich nicht immer von allein. Trotzdem habe ich meine Arbeitszeiten immer um meinen Stundenplan herum geplant. Denn selbst wenn bei Vorlesungen keine Anwesenheitspflicht besteht, sollte man diese ab dem 3. Semester auf jeden Fall besuchen. Vor allem dann, wenn man einen persönlichen Erkenntnisgewinn erwartet – und nicht nur die Prüfung am Semesterende bestehen möchte. Sich Zusämmenhange durch die Lektüre der Texte selbstständig herzuleiten ist wesentlich schwieriger, als es von ProfesorInnen dargestellt zu bekommen. Natürlich muss man dann immer noch mitdenken, aber man kann auch direkt fragen, wenn etwas unklar erscheint. Und kommt mir nicht mit den Streaming-Angeboten – die nutzt man doch eh nicht während des Semesters. Wer schon einmal versucht hat, 12 Vorlesungen à 90 Minuten drei Tage vor der Prüfung in sich reinzukriegen, weiß, dass dieses Wissen sowieso gleich wieder gelöscht wird.

Natürlich gibt es spannendere Vorlesungen und weniger spannende und ganz ehrlich, wenn ein Professor nur das Skript vorliest, kann man sich den Weg zur Uni am Montag um 8.00 sparen. Aber viele Profs erläutern spannend, erzählen Anekdoten und tragen somit zur Festigung des Wissens im Laufe des Semesters bei. Spätestens im Magister-Studium (ironischerweise dann, wenn der Großteil der Studierenden nur noch nebenberuflich studiert) sind dann sowieso alle Lehrveranstaltungen obligatorisch.

Wenn man neben dem Studium arbeitet, sind Tage bis 23 Uhr keine Seltenheit. Nachdem man endlich aus dem Büro raus ist, müssen Konzepte geschrieben, Seminare besucht und Bücher bearbeitet werden. Abgesehen davon, dass es auch so etwas wie „Freizeitbeschäftigungen“ gibt. Am besten, du freundest dich damit an, dass dein Studium ab sofort deine Freizeitbeschäftigung ist.

5. Praktika versus redaktionelle Selbstständigkeit

Praktika haben wir – zusammengerechnet – einige absolviert. Ob es schwerer war, sich als Publizistik-Studentin im Bewerbungsverlauf durchzusetzen, können wir nicht beurteilen. Manchmal wurden wir abgelehnt (vor allem zu Beginn des Studiums mit formloser Standardabsage), manchmal wurden wir angenommen. Manches Mal lag der Verdacht schon nahe, dass man für die ausgeschriebene Stelle zu langweilig war. Auch unsere Fächerkombination Publizistik / Politikwissenschaften ist zwar „besser“ als nur das PuK -Studium, aber wiederum nicht einzigartig genug. Wenn man dann bei einem Unternehmen aber schon als Freie Journalistin tätig ist und trotzdem für ein Praktikum in einer anderen Abteilung abgelehnt wird, ertappt man sich schon bei dem Gedanken, ein wertloses Studium zu absolvieren.

Was wir jedoch schnell gelernt haben: Jeden Strohhalm, der uns gegeben wird, zu packen. Und zu nutzen. Wir ziehen die Tätigkeit als Freie Journalistinnen den kaum bis schlecht bezahlten Praktika mittlerweile vor. Auch wenn das bedeutet, dass man ständig auf der Suche nach Themen ist, nie ausruht und hofft, dass Konzepte angenommen werden.

Dazu kommt natürlich unsere unbezahlte journalistische Arbeit, die wir aber auch als ständige Übung sehen. Wir sind nicht nur Bloggerinnen, wir arbeiten zudem noch unentgeltlich beim Radio Campus der Universität Wien. Auch dadurch lernt man – und man kann sich uneingeschränkt ausprobieren. Wir legen mittlerweile viel Wert auf die redaktionelle Selbstständigkeit; auf die Fähigkeit, sich wenn nötig nicht nur selbst zu organisieren sondern auch zu verkaufen. Dazu gehört, das eigene Können und die bisherigen Leistungen stetig anzupreisen, sich breiter aufzustellen und ein gewisses Selbstbewusstsein zu erlernen – wahrscheinlich der schwerste Part. Wenn man sich Entwicklungen im journalistischen Arbeitsmarkt in Europa anschaut, ist das sowieso die Zukunft, die uns erwartet.

6. ZUKUNFTSPERSPEKTIVEN

Ursprünglich wollten wir Journalistinnen werden – jetzt sind wir uns nicht mehr sicher. Die Wissenschaft, die einmal Mittel zum Zweck war, ist nun der Zweck selbst geworden.

Ob unsere 18jährigen Ichs uns glauben würden, wenn wir ihnen sagten, dass wir einmal gerne stundenlang in Archiven sitzen würden, um nach „diesem einen Artikel“ zu suchen? Oder dass wir 300 Seiten gedrechselte, ewig verschachtelte Sätze lesen würden, nur um „diese eine Aussage“ zu finden, die uns vielleicht theoretisch eine andere Perspektive aufmachen wird? Dass es uns Spaß machen wird, gesellschaftliche Prozesse zu beobachten und zu kritisieren?
Sie hätten uns vermutlich einen Vogel gezeigt und weiter Sex and the City geschaut. An dieser Stelle müssen wir ehrlich zu uns selbst sein.

7. FAZIT

Du hast Interesse an der Welt der Medien, am Schreiben, an Kommunikation? Dann verfügst du bereits über grundlegende Studienvoraussetzungen. Obwohl ich durchaus andere Erwartungen an das Studium der PuK hatte, bin ich im Nachhinein froh, den wissenschaftichen Mehrwert einer Vorbildung (PuK ist keine Ausbildung, erstes Semester!) genossen zu haben. Erwartet hatte ich mir, viel zu schreiben. Ich habe viel geschrieben, wenn auch nicht immer journalistisch. Über den Einfluss des neoliberalen Körperdiktats auf die Konstruktion von Männlichkeit, die medienbrancheninterne Imageanalyse der Wiener Zeitung, romantische Drehbücher, die uns durch Medien vermittelt werden; kindliche Werbewahrnehmung und vieles andere. Das „journalistische Handwerk“ habe ich mir – abgesehen von drei Übungen – großteils selbst angeeignet. Durch Engagement in studentischen Redaktionen als auch zuhause.

Ob dich das Studium der PuK zur Journalistin macht? Wenn du Glück hast, bist du danach KommunikationswissenschafterIn, DekonstruktivistIn, Analytikerin, SozialwissenschafterIn. Und vielleicht sogar Journalistin, ja.

Fotocredit: Universität Wien 

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2 Comments

  • Reply Laura H. 3. April 2016 at 23:13

    In 3 Tagen steht die Deutsch Abitur Prüfung an und meine verzweifelte Wenigkeit hat nichts Besseres zu tun, als sich erneut den Kopf darüber zu zerbrechen, was nach dem Abitur geschehen wird ( als hätte ich es schon in der Tasche). Die Richtung Medien/Kommunikation steht schon eine Weile fest, allerdings hat mir jeglicher Kram, der im Internet vertreten ist nicht wirklich weitergeholfen. Diese Artikel hingegen schon, super geschrieben und sehr hilfreich – darum Danke dafür! Die Seite wird aufjedenfall gespeichert und wenn es dann so weit ist, ein Studium zu finden, nochmals durchgelesen. Liebe Grüße Laura:)

    • Reply groschenphilosophin 4. April 2016 at 17:14

      Liebe Laura, alleine wie du diesen Kommentar hier geschrieben hast bin ich sicher, dass das Studium die richtige Wahl für dich sein wird. Wenn du noch fragen hast, go for it!
      Und ich freu mich natürlich auch, wenn du wieder kommst.

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