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1. Mai 2014
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schreibtisch

Es ist 22 Uhr 7. Ich habe gerade beschlossen, es für heute gut sein zu lassen. Was ich bisher getan habe? Ich habe meinen Sprachkurs und mein Forschungsseminar besucht. Für letzteres ist eine 40 bis 50-seitige wissenschaftliche Literaturarbeit vorgesehen, die bis Mitte Juli fertig sein soll.Eigentlich müsste ich in diesem Moment weitere Bücher bestellen, die zu meinem Thema passen, um sie anschließend sofort zu verschlingen. Eigentlich sollte ich auch Vokabeln lernen, 11 ECTS werden nicht verschenkt. Ik heb geen tijd! Zu aller Erst muss aber noch „Imagining the Internet“ von Robin Mansell beackert werden, da ein Literaturreview ansteht. Auf dessen Basis entsteht ebenfalls eine 40-seitige Arbeit. Dazwischen muss ich mich um eine neue Wohnung in einem anderen Land kümmern, die ich im August beziehe – und Interviewleitfäden für Mittwoch vorbereiten.

Bei einer Diskussionsrunde (#jourreal) zu den prekären Arbeitsverhältnissen im Journalismus letzten Dienstag im Rhiz verlautbarten drei etablierte JournalistInnen die Ein- oder auch Ansicht, dass es unabdingbar wäre, einen Blog zu betreiben, sofern man im Journalismus Fuß fassen möchte: „Seid kreativ, lasst euch etwas einfallen. Hebt euch von der Masse ab!“

Groschenphilosophin.at existiert in dieser Form seit etwas mehr als zwei Monaten. Davor war ich zwei Jahre Teil eines studentischen journalistischen Kollektivs, das mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen hatte. Nach der dritten Printausgabe (Auflage: 1000 Stück) war das Budget alleine schon durch die Druckkosten erschöpft, von einer „Bezahlung” einmal abgesehen. Soviel zum Thema „Sehnsucht nach Neugründungen”. Während dieser Zeit habe ich auch einen privaten Blog geführt. Ich habe noch nie mit dem Bloggen Geld verdient, obwohl ich bereits fünf (die Sprache und Gedanken bewusst reflektierend wohl eher drei) Jahre meines Lebens dem Schreiben gewidmet habe. Bin ich nicht talentiert genug? Sind wir zu schlecht? Brauchen wir in Österreich keine Medienvielfalt? Sind wir nicht kreativ genug? Können wir vielleicht nicht ausreichend programmieren, um die bahnbrechende technologische Innovation in der Blogosphäre zu etablieren, die uns von der Masse abheben könnte und gleichzeitig das Problem der Gratismentalität löst? Oder liegt es schlichtweg daran, dass wir es erst gar nicht richtig versuchen? Uns darauf ausruhen, „nur ein Blog unter vielen zu sein”, den wir „nebenbei” betreiben. Ein kleines Prestigeprojekt, nicht mehr.

„Studium abgebrochen, schlecht vorbereitet – typischer Journalist” – “Aber mit Festanstellung!”

Ich stehe vor einem Dilemma. Alles, was ich momentan neben meinem Job als auch Vollzeitstudium an journalistischer Arbeit (wenn auch nicht immer im klassischen Sinne) leiste, ist unbezahlt. Ich habe bereits so viele Stunden in meine Leidenschaft investiert, dass ich sie unmöglich zählen kann. Ja, auch innerhalb von Redaktionen und Praktika. Wie viele andere auch. Alteingesessene JournalistInnen kontern daraufhin gerne, dass „das eben so sei.“ Sie hätten es ja damals auch schon schwer gehabt.

Ein junger Studienabsolvent, der früher als Sportjournalist tätig war und zum Teil auch noch ist, möchte nun eine Schuhmacherlehre beginnen. Sein Blog bleibt als Nebenbeschäftigung, erzählt er dem Publikum. Um dort vereinzelt journalistische Projekte anzugehen, aus Liebhaberei. Als Zeitvertreib für die Stunden, die nach der Arbeit übrig bleiben. Dort kann man sich austoben, den Themen widmen, die einen wirklich interessieren – statt wie bei diversen Praktika APA-Meldungen umzuschreiben und für innovative Ideen schief angesehen zu werden. Finanzieller Druck fällt in dem Sinne weg, als dass höchstens Webspace und Domain bezahlt werden müssen. Für das Bestreiten des restlichen Lebensunterhalts gibt es ohnehin den Brotberuf.

Ist das die Zukunft des Journalismus? Motivierte Menschen, die trotz diverser Qualifizierungen und Studienabschlüsse keinen Job in einer Redaktion finden, betreiben in ihrer Freizeit Blogs, die oftmals interessantere Thematiken hervorbringen, als Mainstream-Medien. Sie betreiben Blogs, weil sie es satt haben, nicht ernst genommen zu werden. Kurzmeldungen für „den Keller” zu fabrizieren. Einer Blattlinie zu folgen, die nicht ihren eigenen moralischen Anforderungen entspricht. Schlecht behandelt zu werden. Schlagzeilen zu formulieren, die nur so strotzen vor Geld- und Sensationsgier. Wenn das der Preis für journalistische Freiheit ist, zahle ich ihn (momentan noch) gerne.

„Werd Journalist, wenn du was zu sagen hast, nicht, weil du was sagen willst.”

Ich gebe Thomas Weber von the Gap Recht, wenn er (sinngemäß) sagt: „Wer (noch) nicht thematisch positioniert ist und nicht bloggt, hat keine Interessen.“ Die vielfältigen Publikationsmöglichkeiten auf einem Blog spiegeln schon seit langem meine Anforderungen an einen Job in der Branche wider: Ich genieße die künstlerische Freiheit. Ich bin meine eigene Chefin, wir sind unsere eigenen Chefinnen. Die Themenwahl erfolgt nach eigenem Interesse und Spezialisierungsgebiet, nicht nach Marktkalkül. Nicht nach Klicks, die man zu erreichen hofft. Denn: Der Blog sichert nicht unseren Lebensunterhalt. Klingt fast zu schön, um wahr zu sein!

An dieser Stelle muss ich wieder auf diejenigen verweisen, die „der jungen Generation“ auftragen, kreativ zu sein. Kreativ für wen? Für Redaktionen, die uns nach der Anstellung die Kreativität wieder austreiben wollen, damit wir ins gerade zusammenbrechende System passen? Wir sollen uns durch unsere Blogs und Onlineportfolios „abheben.“ Aber – muss man an dieser Stelle sagen – selbst bekannte (!) BloggerInnen und VlogerInnen können nicht alleine von ihren Werbeeinnahmen leben. Trotz mehrerer Tausend BesucherInnen bzw. Klicks pro Tag gehen sie (fast) alle noch einer Hauptbeschäftigung nach. Sie studieren Zahnmedizin oder Geschichte, sind eigentlich WebdesignerInnen. Die Konsequenz ist, dass viele AbsolventInnen sozialwissenschaftlicher Studien geradezu um Jobs betteln, obwohl sie in Eigeninitiative mehr schaffen würden – was wiederum zu erschwerten Startbedingungen und Konkurrenzdenken in Redaktionen führt. Als ob das nicht genug wäre, müssen renommierte Tageszeitungen MitarbeiterInnen entlassen, weil die Zusammenlegung von Print und Online nicht die Synergien erzeugt, die ursprünglich erwartet wurden. Es scheint fast, als ob wir zur Metaebene wechseln müssten.

„Spezialisierung ist alles. Wir brauchen Leute für Wirtschaft & Wissenschaft, nicht für Politik/Feuilleton.”

Ich frage mich an dieser Stelle, was BloggerInnen dazu beitragen können, der systemimmanenten Problematik entgegenzusteuern. Festanstellung bei einer Zeitung/Zeitschrift suchen, um endlich „professionell” arbeiten zu können? Wird schwierig, ist aber natürlich auch nicht unmöglich, wenn man Material (oder Vitamin B) vorweisen kann. Bleibt die Frage, ob man sich mit der Redaktion und Blattlinie arrangieren kann und auch gewillt ist, stupide Arbeit zu erledigen. Den Blog schließen? Wir schreiben umsonst, können daher nicht immer up-to-date sein oder wochenlang investigativ recherchierte Beiträge (gut, diese sind wohl auch in der österreichischen Medienlandschaft nicht an der Tagesordnung) liefern. Schreiben wir nicht auch umsonst, weil wir keine Anstellung haben, die wir – paradoxerweise – unter herkömmlichen Bedingungen gar nicht mehr wollen? Weil wir keinen PR-dominierten Journalismus akzeptieren? Weil wir keine Werbung schalten, die uns selbst stören würde? All jene Dinge, auf denen der Zeitungsmarkt Jahrzehnte basierte. Machen wir die Branche kaputt, indem wir kostenlos Inhalte produzieren? Uns damit ins eigene Fleisch schneiden? Oder ist ein Blog vielleicht mehr als eine Gemeinschaft engagierter Studierender oder arbeitender Menschen – gar ein Medium mit politischer Botschaft?

Menschen betreiben Blogs aus den unterschiedlichsten Gründen. Ebengenannte sind unsere. Wir sprechen uns heute dezidiert gegen die Erfahrung in Praktika aus, die uns wohl in erster Linie von dem Berufswunsch „Journalistin” hätten abschrecken sollen. Es muss bitte alles so bleiben, wie es ist. Schreib deinen Blog, Kind! Aber erwarte nicht, dass du irgendwann davon leben kannst, denn wir können es auch bald nicht mehr. Such dir einen „richtigen Beruf“ und schreibe dann ,,einfach so“, weil es dir ja auch „Spaß macht“.

Ich habe heute meinen Sprachkurs und mein Forschungsseminar besucht. Für letzteres ist eine 40 bis 50-seitige wissenschaftliche Literaturarbeit vorgesehen, die bis Mitte Juli fertig sein soll. Eigentlich sollte ich in diesem Moment weitere Bücher bestellen, die zu meinem Thema passen, um sie anschließend sofort zu verschlingen. Eigentlich sollte ich auch Vokabeln lernen, 11 ECTS werden nicht verschenkt. Ich mache all das hier gerne, weil es ein Leben ist, das ich mir ausgesucht – als auch erarbeitet habe. Es ist gut zu wissen, ein Standbein fernab des Journalismus zu haben.

Zurück zur ursprünglichen Frage: Wie kann man sich von der Masse (Wer ist die Masse eigentlich? Die kollektiv diskreditierten Publizistik-Studierenden? Die naiven Erstsemester an der FH für Journalismus und Medienmanagement?) abheben, um hochwertigen Journalismus (auch hier müsste man vielleicht Held und/oder Russ-Mohl zur Beantwortung der Frage heranziehen) zu liefern, wenn man pro Woche mindestens zwanzig bis dreißig Stunden einer anderen Tätigkeit nachgeht? Vielleicht sollte ich mir nach dem Studium ein Jahr Auszeit nehmen und meinen Eltern auf der Tasche liegen, um endlich richtig durchzustarten! Leidenschaft hin oder her, die Debatte führt meines Erachtens ad absurdum.

Audiomitschnitt zur Diskussion

Fotocredit: Flickr 

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