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1. Februar 2015
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Jana von I Say Shotgun verdient seit 8 Jahren ihr Geld „mit dem Internet“, in dem sie es – und damit uns – an ihrem Leben teilhaben lässt. An einem langweiligen Sonntag habe ich ein paar ihrer Kolumnen auf amypink.de gelesen und bin bei folgendem Zitat hängengeblieben. Ich sage euch gleich, warum.

Im Internet, da bist du immer präsent. Mit allen Vorzügen und Besonderheiten, aber auch mit deinen Makeln und Fehlern. Manchen bist du dir bewusst, die anderen finden andere für dich.

Im Internet bist du dann „immer“ präsent, wenn du es sein möchtest. Niemand hält dir die Kamera ins Gesicht und wird die Fotos anschließend auf deinen Blog laden – außer dir selbst. Du bist deshalb so präsent, weil du dir eine „Internetpräsenz“ aufgebaut hast, die darauf beruht, dass du die schönsten Fotos von dir und deinem frisch aufgetragenen Nagellack der Welt zur Verfügung stellst. Niemand sonst ist dafür verantwortlich, dass du so auftrittst. Gut, außer unsere beschissene Optimierungsgesellschaft vielleicht. Du hast dich irgendwann – vermutlich mehr unbewusst denn bewusst – dafür entschieden, nach jahrelangem Augenringe-entfernen und Haut-ebenmäßiger-formatieren in Photoshop. Weil du nicht mehr anders konntest als deinen Internetroutinen blind zu vertrauen, sie klugerweise zu monetarisieren, wo sie deinen Alltag ohnehin regulieren. Ins Internet, da rutscht man so rein, es hätte jede andere Branche sein können.

Personen, die du mit dem, was du im Internet tust, an dich rankommen lässt, ob du willst oder nicht, denn das Internet, das ist dein Kapital – und wenn es dein Kapital sein soll, dann musst du immer präsent sein.

Natürlich muss man präsent sein und aktuelle Themen aufgreifen, sonst ist man ganz schnell wieder weg vom Fenster. Die Frage ist dennoch, welche Form der Selbstpräsentation man wählt. Die Wahl haben wir doch, hat man uns in der Schule beigebracht. Was mir an twitter so gut gefällt, ist das Verhältnis Text zu Foto. Es gibt ein Profilfoto und gut ist es. Keine Partyfotos, keine Ich-bin-so-beneidenswert-Selfies, keine Alben vom Familienurlaub in den Tiroler Bergen. Danke, aus diesem Grund habe ich mich von Facebook abgemeldet. Das ist genau die Art der verstellten und gestellten Präsenz, auf die ich gerne verzichten kann. Mir geht es um Worte, um Analysen, um Argumente und nicht um das bekiffte Teenagerpärchen, das mit einem fetten Hangover den ganzen Tag auf einer WG-Matratze versäumt. Zumindest sehe ich solche Header meistens bei Kolumnen, deren Inhalt auf irgendetwas mit Liebe, Hass und Jugendträumen hindeutet. Ich lasse hier niemanden an mich ran.

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(Das auf dem Foto bin ich. Eine Ausnahme)

Aber manchmal wird es mir einfach zu viel. Weil ich mich all dem nicht entziehen kann.

Das Internet wird mir nicht zu viel, ganz einfach weil ich dort nicht über meine Beziehungen schreibe. Oder über Details von meiner Familie, dem Leben meiner Freunde, ich halte mich zurück bei Texten über meine Ängste und Sehnsüchte und all die anderen menschlichen Facetten, die mich in Rage bringen, glücklich machen, berühren. Ich fühle das natürlich auch. Und ja, manchmal würde ich gerne über Liebeskummer schreiben oder über das Verliebtsein, aber ich tue es nicht. Genau aus dem Grund, den du beschreibst. Der dich daran zweifeln lässt (zumindest zeitweise), warum du dir all das antust, mit den privaten Informationen und den wunderbaren Fotos deiner selbst. Ich habe auch unzählige Fotos von mir, ich fotografiere mich sehr gerne, wenn ich mich schön finde. Aber ich brauche keine Rückmeldungen meiner Follower, um mich in deren Lob zu suhlen. Ich sage nicht, dass das was Jana von I-Say-Shotgun und tausend andere junge Blogerinnen machen, per se falsch ist (Die Aktion mit #notjustsad fand ich sogar richtig großartig!), weil ich nicht darüber entscheiden kann und jeder selbst wissen muss, was er dem „Internet“ mitteilen möchte.

Ich für meinen Teil habe mich bewusst dagegen entschieden. Weil ich keine Mode- und Lifestylebloggerin sein möchte, obwohl ich mich für Mode interessiere. Obwohl ich gerne in hippen Restaurants frühstücke und mein Essen fotografiere. Zu Shoperöffnungen gehe. Ich war letzte Woche bei &OtherStories, Nike und Urban Outfitters einkaufen. Ich könnte euch 10 neue Outfits präsentieren. Ich könnte euch auch von traumatischen Erlebnissen berichten, von Niederlagen oder Tagen, die ich am liebsten ungeschehen machen möchte. Und ich tue es nicht. Weil ich mir ein Themengebiet abseits meiner persönlichen Shoppinglisten und Traumata erarbeiten möchte. Auch wenn der „Erfolg“ sichtlich geringer ausfällt oder ausfallen wird, als wenn ich bei jedem Eintrag über meine emotionalen Befindlichkeiten ein hübsches Selfie (Überraschung, davon gibt es genug) einbetten würde. Mein Leben soll so gut es geht privat bleiben, damit ich mir genau über diese Dinge, die mit dem Fehlen einer digitalen Schutzschicht einhergehen, nicht auch noch Gedanken machen muss. Um nicht beurteilt zu werden, abseits von meinem erarbeiteten Wissen.

Denn ob man seine „Problemchen“ öffentlich behandelt oder nicht, eines bleibt unverändert: Sie sind vorhanden und sie müssen angepackt werden. (Und nein, sie auf einem Blog abzuhandeln ersetzt keine Therapie.) Im Internet möchte ich mich den Themenbereichen widmen, die ich mithilfe meiner mittlerweile angehäuften Fachexpertise bearbeiten und hoffentlich interessant aufarbeiten kann.

Ich habe mich durch fast 2.000 E-Mails gewühlt, den Spam von guten Nachrichten getrennt.

Mir sind heute drei Leute entfolgt und ich habe keine Mails bekommen. Vielleicht ist das der Preis, den ich für meine Privat- und Zurückgezogenheit zahle. Für meine Unnahbarkeit, meine Distanziertheit.

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  1. Antworten

    Wieder so ein toller Text. Was ich aber die ganze Zeit im Kopf hatte war, dass es auch so ein Versprechen zu geben scheint. Wenn ich vollkommen blank ziehe & mich preisgebe, bedeutet das Authentizität, die sich als Erfolg niederschlagen wird. Als wäre es zwangsläufig so. Was ja nicht der Fall ist. Und dann gibt es viele, die alles offenbaren & nicht erfolgreich werden. Das ist ein Scheitern, was auch sehr belastet, kann ich mir vorstellen.

    • Tru
    • 2. Februar 2015
    Antworten

    Du machst das genau richtig, finde ich. Denn Schönheit vergeht (und Wissen bleibt).

      • groschenphilosophin
      • 3. Februar 2015
      Antworten

      Ooooh, vielen Dank!

  2. Antworten

    allerdings bricht dieses vermeintlich rationale bei twitter auch gerade auf, seit es photos gut leserlich einbindet. also ob das noch lange hält, ist noch so eine frage. ich habe mich ernsthaft darum bemüht, mein leben ohne soziale netzwerke und ohne apple zu gestalten. aber irgendwann, habe ich kapituliert. es geht nicht wirklich.

    dabei habe ich ja noch das privileg, nichts verkaufen zu müssen. sobald man jedoch auf die öffentlichkeit angewiesen ist, unterliegt man gewissen zwängen und vor allem auch einem realen anpassungsdruck.

    was ich mittlerweile sehr sonderbar finde ist, dass wir eigentlich überall nur noch am arbeiten sind. ständig gilt es irgendwas zu befüllen oder zu erledigen. selbst in computerspielen bekommt man mittlerweile todo-listewn vorgelegt, statt dass man einfach nur geschichten erlebt. und am ende wundern sich alle über den burn-out, der um sich greift. dass es soweit kommen konnte, liegt vermutlich zu einem nicht geringen teil daran, dass es ja auch wirklich kommerziell ist. manche menschen verdienen millionen mit dem, was andere privat tun.. die ebenen verschmelzen und dadurch kommt ein starker anreiz zustande, sich selbst zu professionalisieren. und sei es nur als weitere option, in zeiten unsicherer arbeitsmärkte.

    sieht man sich das alles etwas abstrakt an, dann ist das internet zunächst ja nur einmal eine weitere ebene, in die es hineinzuhandeln gilt. wenn ich mir anschaue, wer da die aktuellen trends bestimmt… worauf ich hinaus will ist: viel von dem, was uns als verhaltensvorgabe im internet vorgelebt wird, kommt von jugendlichen. von teenagern, die, im vergleich zu erwachsenen, in ihrerer masse wenig interessante themen haben. sie haben sich selbst und ihr aussehen, sie haben ihr mobbing derer, die was aufm kasten haben könnten, sie spielen dinge. und genau das funktioniert dann auch im internet total toll. weil… die teenager mit ihrem trendverhalten dafür sorgen, dass netzwerke schnelle nutzersteigerungen bekommen und in die fließt dann auch das grooße geld…

    …die erwachsenen folgen dann.

    sehr ähnlich funktioniert das in einkaufszentren. diese ploppten in den letzten jahren an jeder nur erdenklichen ecke nach oben, weil die jährliche rendite mit 5,x% exzellent war. bevölkert werden sie zum großen teil von teenagern. die ziehen auch ihre mütter da rein.. wie auch immer das geht… das ergebnis zeigt sich für mich am modestil. der zwischen erwachsenen und teenagern hat sich in den letzten jahren recht stark angepasst. es ist schrecklich, da rennen viele mütter rum wie ihre töchter.. weil die läden halt in diesen centern sind. die vereinheitlichung durch modetrendvorlebung in den sozialen netzwerken mal ausgeklammert.

    (das thema schichten erspare ich euch an dieser stelle^^)

    jedenfalls lautet für mich die frage an dieser stelle, ob das alles nicht emanzipationsthema ist. denn die schaffungsstruktur im netz empfinde ich als sehr stark unausgeglichen. es geht am ende ja auch immer um räume, auch schutzräume.

    mfg
    mh

  3. Antworten

    Großartiger Text! Bloß ein Einwand: Es gibt auch auf Twitter Leute, die das tun, was du an FB (zu Recht) kritisierst, und man kann andererseits auch FB dazu benutzen, Sinnvolles statt allzu Persönliches zu posten, man kann diskutieren, philosophieren, sich dadurch eine kongeniale FB-Familie aufbauen. Gegen den Ramsch kann man sich ja wehren, indem man sich davon ausschließt.
    LG R

      • groschenphilosophin
      • 6. Februar 2015
      Antworten

      Vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, da hast du absolut recht, die eigene Isolation als letzter Ausweg sozusagen. In meiner Altersgruppe (wobei ich ja jetzt nicht weiß, wie alt du bist oder ob “es” überhaupt altersbedingte Ursachen hat) ist Facebook dennoch eher ein Hort des sich Zeigens, Präsentierens und Neidisch-machens.

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