Jana von I Say Shotgun verdient seit 8 Jahren ihr Geld „mit dem Internet“, in dem sie es – und damit uns – an ihrem Leben teilhaben lässt. An einem langweiligen Sonntag habe ich ein paar ihrer Kolumnen auf amypink.de gelesen und bin bei folgendem Zitat hängengeblieben. Ich sage euch gleich, warum.

Im Internet, da bist du immer präsent. Mit allen Vorzügen und Besonderheiten, aber auch mit deinen Makeln und Fehlern. Manchen bist du dir bewusst, die anderen finden andere für dich.

Im Internet bist du dann „immer“ präsent, wenn du es sein möchtest. Niemand hält dir die Kamera ins Gesicht und wird die Fotos anschließend auf deinen Blog laden – außer dir selbst. Du bist deshalb so präsent, weil du dir eine „Internetpräsenz“ aufgebaut hast, die darauf beruht, dass du die schönsten Fotos von dir und deinem frisch aufgetragenen Nagellack der Welt zur Verfügung stellst. Niemand sonst ist dafür verantwortlich, dass du so auftrittst. Gut, außer unsere beschissene Optimierungsgesellschaft vielleicht. Du hast dich irgendwann – vermutlich mehr unbewusst denn bewusst – dafür entschieden, nach jahrelangem Augenringe-entfernen und Haut-ebenmäßiger-formatieren in Photoshop. Weil du nicht mehr anders konntest als deinen Internetroutinen blind zu vertrauen, sie klugerweise zu monetarisieren, wo sie deinen Alltag ohnehin regulieren. Ins Internet, da rutscht man so rein, es hätte jede andere Branche sein können.

Personen, die du mit dem, was du im Internet tust, an dich rankommen lässt, ob du willst oder nicht, denn das Internet, das ist dein Kapital – und wenn es dein Kapital sein soll, dann musst du immer präsent sein.

Natürlich muss man präsent sein und aktuelle Themen aufgreifen, sonst ist man ganz schnell wieder weg vom Fenster. Die Frage ist dennoch, welche Form der Selbstpräsentation man wählt. Die Wahl haben wir doch, hat man uns in der Schule beigebracht. Was mir an twitter so gut gefällt, ist das Verhältnis Text zu Foto. Es gibt ein Profilfoto und gut ist es. Keine Partyfotos, keine Ich-bin-so-beneidenswert-Selfies, keine Alben vom Familienurlaub in den Tiroler Bergen. Danke, aus diesem Grund habe ich mich von Facebook abgemeldet. Das ist genau die Art der verstellten und gestellten Präsenz, auf die ich gerne verzichten kann. Mir geht es um Worte, um Analysen, um Argumente und nicht um das bekiffte Teenagerpärchen, das mit einem fetten Hangover den ganzen Tag auf einer WG-Matratze versäumt. Zumindest sehe ich solche Header meistens bei Kolumnen, deren Inhalt auf irgendetwas mit Liebe, Hass und Jugendträumen hindeutet. Ich lasse hier niemanden an mich ran.

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(Das auf dem Foto bin ich. Eine Ausnahme)

Aber manchmal wird es mir einfach zu viel. Weil ich mich all dem nicht entziehen kann.

Das Internet wird mir nicht zu viel, ganz einfach weil ich dort nicht über meine Beziehungen schreibe. Oder über Details von meiner Familie, dem Leben meiner Freunde, ich halte mich zurück bei Texten über meine Ängste und Sehnsüchte und all die anderen menschlichen Facetten, die mich in Rage bringen, glücklich machen, berühren. Ich fühle das natürlich auch. Und ja, manchmal würde ich gerne über Liebeskummer schreiben oder über das Verliebtsein, aber ich tue es nicht. Genau aus dem Grund, den du beschreibst. Der dich daran zweifeln lässt (zumindest zeitweise), warum du dir all das antust, mit den privaten Informationen und den wunderbaren Fotos deiner selbst. Ich habe auch unzählige Fotos von mir, ich fotografiere mich sehr gerne, wenn ich mich schön finde. Aber ich brauche keine Rückmeldungen meiner Follower, um mich in deren Lob zu suhlen. Ich sage nicht, dass das was Jana von I-Say-Shotgun und tausend andere junge Blogerinnen machen, per se falsch ist (Die Aktion mit #notjustsad fand ich sogar richtig großartig!), weil ich nicht darüber entscheiden kann und jeder selbst wissen muss, was er dem „Internet“ mitteilen möchte.

Ich für meinen Teil habe mich bewusst dagegen entschieden. Weil ich keine Mode- und Lifestylebloggerin sein möchte, obwohl ich mich für Mode interessiere. Obwohl ich gerne in hippen Restaurants frühstücke und mein Essen fotografiere. Zu Shoperöffnungen gehe. Ich war letzte Woche bei &OtherStories, Nike und Urban Outfitters einkaufen. Ich könnte euch 10 neue Outfits präsentieren. Ich könnte euch auch von traumatischen Erlebnissen berichten, von Niederlagen oder Tagen, die ich am liebsten ungeschehen machen möchte. Und ich tue es nicht. Weil ich mir ein Themengebiet abseits meiner persönlichen Shoppinglisten und Traumata erarbeiten möchte. Auch wenn der „Erfolg“ sichtlich geringer ausfällt oder ausfallen wird, als wenn ich bei jedem Eintrag über meine emotionalen Befindlichkeiten ein hübsches Selfie (Überraschung, davon gibt es genug) einbetten würde. Mein Leben soll so gut es geht privat bleiben, damit ich mir genau über diese Dinge, die mit dem Fehlen einer digitalen Schutzschicht einhergehen, nicht auch noch Gedanken machen muss. Um nicht beurteilt zu werden, abseits von meinem erarbeiteten Wissen.

Denn ob man seine „Problemchen“ öffentlich behandelt oder nicht, eines bleibt unverändert: Sie sind vorhanden und sie müssen angepackt werden. (Und nein, sie auf einem Blog abzuhandeln ersetzt keine Therapie.) Im Internet möchte ich mich den Themenbereichen widmen, die ich mithilfe meiner mittlerweile angehäuften Fachexpertise bearbeiten und hoffentlich interessant aufarbeiten kann.

Ich habe mich durch fast 2.000 E-Mails gewühlt, den Spam von guten Nachrichten getrennt.

Mir sind heute drei Leute entfolgt und ich habe keine Mails bekommen. Vielleicht ist das der Preis, den ich für meine Privat- und Zurückgezogenheit zahle. Für meine Unnahbarkeit, meine Distanziertheit.