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22. Juli 2018
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Langjährige Leserinnen kennen sie schon, meine Reihe „Schreiben für Geld“, in der ich mich unterschiedlichen emotionalen Aspekten widme, die mit der professionellen Textarbeit einhergehen. Heute gehe ich zum ersten Mal auf die Fragen zum Buch ein, die ihr mir gesendet habt.

Denn ganz ehrlich? Da war so einiges, das auch ich gerne vorher gewusst hätte. Fragen, die ich schon längst anderen Autorinnen hätte stellen sollen.

Viel Spaß beim Lesen – und wenn euch noch etwas einfällt, dann immer gerne her damit.

Theoretisch: sehr konkret. Die wenigsten Buchexposés werden angenommen, in denen jemand „grob so über dieses Internet“ schreiben möchte. Da muss schon einiges an Arbeit und Hirnschmalz reininvestiert werden, um das 15 bis 50-seitige Exposé inklusive „Erkenntnisinteresse“ und ausgearbeiteten Subkapiteln spruchreif zu machen.

Ein Jahr später muss ich sagen: mein Exposé war bei Weitem nicht so gut, wie es eigentlich hätte sein sollen. Als ich mit dem Buch begann und die Themen Schritt für Schritt abarbeiten wollte, war ich teils sogar richtig schockiert, haha. Da waren Subkapitel dabei, die hatte ich weder durch- noch fertiggedacht. Das waren rohe Gedanken, die ins Nirgendwo führten.

Ein gutes Exposé hilft vorab bei der Strukturierung des Schreibprozesses, bei einem schlechten Exposé muss man (ich) sehr viel neuschreiben, umschreiben, umdenken und investiert bestimmt ein Drittel seiner Zeit nur darin, sich zu fragen, was man eigentlich genau am Ende sagen will.

Ich hätte mir gewünscht, dass ich mehr Gespür für das Buch gehabt hätte, das ich letztlich schreiben würde. Einen roten Faden für die Erzählung. Jetzt gegen Ende ist zwar (fast) alles stimmig, aber der Weg war wirklich kein rosiger.

Nein. Also zumindest hat keiner ein Unizeugnis von mir verlangt oder eine Bestätigung über die Kurse, die ich besucht habe. Gleichzeitig ist mein Lebenslauf relativ leicht googlebar und auch so öffentlich einsehbar, deshalb weiß ich nicht, wie relevant meine Abschlüsse am Ende waren. Die Arbeitserfahrung als freie und festangestellte Journalistin und PR-Managerin waren vermutlich wichtiger, um einen Beweis dafür zu haben, dass ich schreiben kann, als ein Bachelor in Politikwissenschaft.

Ich wusste auch, dass ich mich aufgrund der 200-seitigen Magisterarbeit, die ich 2015 schrieb, schon ein wenig auf das lange Prozedere einstellen konnte, das mit einem ebenso langen Buch einhergeht.

Das heißt natürlich nicht, dass „nur“ Akademikerinnen Bücher schreiben können, sollen oder dürfen, keineswegs. Ich denke dennoch, dass es mir leichter gefallen ist ein populäres Sachbuch (oder, wie ich es nenne: Essaysammlung) zu schreiben als jemandem, der zB. noch nie eine wissenschaftliche Arbeit strukturiert hat und nicht weiß, wie er Quellen einpflegt oder Thesen und Forschungsfragen stellt.

Das Sitzfleisch aus der Unizeit hat 2018 endlich Nachwuchs bekommen. Damals wie heute gab es einige schlaflose Nächte, in denen ich nicht wusste, wie ich jenen Gedanken an den anderen anknüpfe. Wenn es einen Abschluss gibt, den ich gebraucht hätte, es wäre das Durchhalte-Degree oder ein Beruhigungs-Bachelor.

Das ist von Verlag zu Verlag und Buch zu Buch unterschiedlich. Ich war erstaunlich frei in der Weise, wie und was ich erzählen durfte. Das war das vielleicht Beste (und Schwierigste) am Buchschreiben: anders als im Journalismus wird dort Wert auf die eigene Stimme gelegt. Der eigene Stil zählt genauso wie das, was man ausdrücken möchte. Da kam niemand, und hat mir hinterher wieder alles rausradiert, was meine Schreibe ausmacht, nur, damit es irgendeiner blöden Blattlinie entspricht und genauso klingt wie alle 25.000 anderen dort erschienenen Texte.

Nach dem diskutierten Exposé gab es keine strikten Vorgaben mehr. Die Kreativität konnte ausnahmsweise mal tatsächlich fließen.

Wichtig war, dass ich persönlich, verletzlich, nahbar aus meiner eigenen Erfahrung reflektierte, und mich nicht zu sehr in Studien verlor.

Zwischendurch gab es durchaus Schübse in die richtige Richtung. Wenn ich komplett falsch lag, dann ist das nicht an der Lektorin vorbeigegangen, das hat dann schon eine Mail oder zwei nach sich gezogen. Die Kritik allerdings wurde viel offener formuliert, als – hier wieder der Vergleich – im Journalismus. Wichtiger war das große Ganze, als einzelne Passagen oder Zitate.

Das Manifest besteht grobgesagt aus drei Kapiteln mit je zehn mehr oder weniger aufeinander aufbauenden literarischen Essays, die teils politisch-aktivistisch, teils aber auch einfach nur (hoffentlich) lustig und anekdotisch sind. Die Geschichte, die ich erzähle, ist teils autobiografisch (75 %), teils fiktiv (25 %), weil sich diese Mischung vom Erzählton her gut angeboten hat und ich immer noch gerne ein paar Dinge „offen“ lassen möchte, ohne vorher zu deklarieren, wann genau das der Fall ist. Jetzt, wo ich schon mein halbes Innenleben in Buchform verkaufe, haha.

So auch die Sache mit den Freundinnen und Freunden. Erstmal ausatmen: keine meiner Freundinnen wird namentlich erwähnt, wenn es sich nicht um ein kluges Zitat handelt, das ich droppen möchte. Ich wollte bewusst niemanden namentlich bloßstellen und habe deshalb (fast?) alle Namen in kreativere Formen gepackt.

Das heißt allerdings nicht, dass sich Menschen, die gewisse Dinge mit mir (mit)erlebt haben, nicht wiedererkennen werden. Ich fände es großartig ihre Gesichter zu sehen, während sie über die relevanten Passagen lesen und sich wiedererkennen. Wenn sie laut loslachen und dabei zu sich selbst murmeln: „Ja verdammt, genau so.“

Das war auch so ein Learning beim Buchschreiben: wo andere über Passagen lachen werden, habe ich sie schon so oft gelesen und editiert, dass ich Angst habe, den Witz unabsichtlich getötet zu haben.

Wenn ihr das Buch also lest und an manchen Stellen denkt: Oh, da hätte ich noch was dazu zu sagen, ich habe das auch so oder ganz anders wahrgenommen, dann immer her damit. Ich würde es gerne als Sprachnachricht, Mention, WhatsApp, E-Mail whatever lesen und so ein bisschen mehr das Gefühl bekommen, dass ich etwas Lebendiges geschaffen habe, während ich schweigend hunderte Stunden alleine vor dem MacBook saß.

Es ist jetzt genau 12 Monate her, dass ich mit diesem Projekt namens Buch angefangen habe und ich habe gerade den letzten Satz just an dem Ort geschrieben, an dem ich vergangenes Jahr in der Hitze über dem Exposé brütete.

Erstmal Breaking-News: ich habe festgestellt, was für ein privilegiertes Leben man führen muss, um an Buchprojekten zu arbeiten. Ich habe einen Vorschuss bekommen, andere bekommen Stipendien, manche arbeiten gar nach der Arbeit an einem Buch, weil es ohne finanzielles Back-Up einfach nicht geht.

Und auch ich habe finanzielle Abstriche gemacht in der Zeit. Ungefähr drei ganze Monate habe ich beinahe komplett auf Lohnarbeit verzichtet, um nicht zu sehr aus den einzelnen Kapiteln rauszukommen.

Insgesamt waren es vier Länder, in denen ich an unterschiedlichen Orten mein MacBook ausklappte. Teile entstanden auf dem inzwischen kaputten Notebook meiner Freundin Alex in Sri Lanka, während wir bei 40 Grad Außentemperatur auf Züge nach Ella warteten. Das Exposé und den Feinschliff habe ich in Bratislava fertiggestellt bei meinen Großeltern im Gartenhaus. Das komplette Arbeits-Kapitel ist in Stockholm entstanden, wo ich den Jänner über wohnte und ein bisschen auch bei meinen Eltern in Wien und nur ein sehr, sehr kleiner Teil in Berlin. Hauptsächlich: die Druckfahnen.

Bei all diesen Orten war eines wichtig: ein Tisch, auf dem ich das Gerät platzieren würde. Und die nötige Motivation. In neuen Umgebungen packt mich zum Glück die sonst oft vermisste Inspiration, etwas aufzuschreiben, das ich gerade erlebt habe oder ich komme durch Gespräche tagsüber in Laune, abends oder am nächsten Morgen in die Tasten zu hauen.

Es war so halb geplant, dass ich viel weg sein würde. Unterschätzt habe ich auf jeden Fall, wie viel geistigen Raum das Projekt einnimmt. Selbst, wenn ich nicht jeden Tag geschrieben habe, ging es doch nie ganz weg aus meinem Kopf. Ich musste mich sehr oft rausnehmen, aus dem „Alltagsgeschehen“ und dem sogenannten „normalen Leben“. Mein normales Leben bestand in den heißen Produktionsphasen daraus, morgens erstmal an den Schreibtisch zu gehen für drei Stunden, dann etwas zu essen, dann weiterzuschreiben für drei Stunden, dann schwimmen, laufen oder spazieren zu gehen, Freunde zu treffen oder anzurufen und dann ins Bett zu fallen.

Gegen Ende konnte ich auf 220 A4-Seiten (Helvetica 12pt, 1,5 Zeilenabstand) und 370.000 Zeichen inklusive Leerzeichen blicken, die sich nicht wie von selbst zusammenfügten und ergänzten, sondern immer und immer wieder überarbeitet und teilweise neu geschrieben werden mussten.

Kommen wir nochmal zur Umgebung: für mich war es unfassbar wichtig, Raum zu haben. Ich musste wissen: Okay, heute stört mich niemand. Keine Telefonate, keine zu langen WhatsApp-Nachrichten tagsüber, keine Partys, zu denen ich gehen muss. Manchmal wiederum, wenn ich nicht mehr konnte, war ich trotzdem froh, auf die Partys zurückzugreifen und ganz manchmal, ich geb’s zu, half auch das eine Glas Wein am Abend, um nochmal in Schwung zu kommen. Prinzipiell bin ich aber keine große Nachtarbeiterin, die sich noch um 23 Uhr dransetzt.

Spätestens um 22 Uhr klappe ich in der Regel das MacBook zu.

Ich möchte mich hiermit nochmal bei allen bedanken, die mich unterstützt, bekocht, bei sich wohnen haben lassen. Die sich mein Gejammer über die Korrekturschleifen anhörten und mich unterstützten, durch kluge Kommentare und aufmerksame Augen.

Ich hätte nicht gedacht, dass 220 Seiten so viel Zeit und Raum in Anspruch nehmen würden, dass ich mich dafür verbarrikadieren müsste. In manchen Wochen war ich beinahe nicht ansprechbar.

Wenn ich heute ein Buch von jemand anderem lese, muss ich immer daran denken, wie auch diese Autoren einmal morgens als erstes zum Schreibtisch rannten und abends spazieren mussten, um rauszukommen aus ihrem eigenen Kopf, weil sie sich sonst oft darin verfangen hätten. So, wie es mir selbst sehr, sehr oft passiert ist.

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by
    • Alex
    • 23. Juli 2018
    Antworten

    Das Notebook von Alex :D
    Es lebt übrigens noch falls du etwas davon jemals brauchen solltest haha

      • groschenphilosophin
      • 23. Juli 2018
      Antworten

      hahahahah <3
      Nein alles gut, hab es mir ja geschickt damals. Der Sri Lanka Text hätt in keiner anderen Form entstehen können, ich sag's dir, als direkt vor Ort :D

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