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Gastbeitrag von Katrin: Irgendwo zwischen einer langen Reise und einem richtigen Zuhause #zwischendenstaedten

23. April 2017

Katrin Herret kenne ich noch aus meiner Zeit in Wien an der Publizistik. Wir haben dasselbe studiert, sind gleich alt, beide in Wien geboren und aufgewachsen – wenn auch in komplett unterschiedlichen Vierteln. Auch wenn wir uns seit unseren Umzügen nicht mehr gesehen haben, bleibt diese gewisse Verbundenheit, die Auslandsösterreicherinnen teilen. Immer wieder tauschen wir uns über unsere Erfahrungen und unsere große Liebe Wien aus. Danke für deinen Beitrag, und allen Lesern und Leserinnen viel Vergnügen. 

In Europa zuhause statt in einer Stadt – sind wir eine Generation an „Heimatlosen“? Ist es die logische Folge von Auslandssemestern oder Praktika in anderen Städten? Oder es ein Trend, weil Reisen für unsere Gesellschaft so wichtig geworden ist, dass wir uns nicht mehr auf Kurztrips beschränken wollen, sondern unser ganzes Leben auf mehrere Orte aufteilen?

Ich war immer ein sehr verwurzelter Mensch, mit einer großen Familie am Stadtrand von Wien, eingebunden in eine, man könnte fast sagen „Dorfgemeinschaft“. Bis 24 konnte ich mir nicht vorstellen, weg zu ziehen. Dass alle rundherum ein Auslandssemester machten, hat mir eher Angst eingejagt, ich wollte da nicht mitziehen.

 

Dann begann mit dem Ende einer Beziehung und einem mehrwöchigen Amerika-Roadtrip das „Ausbrechen“. Ich wollte raus aus dem Alltag in Wien, habe mich zum letztmöglichen Termin für ein Auslandssemester beworben, wurde genommen, kündigte den Job, ging nach Rotterdam, lernte viele neue Leute kennen, schloss mein Studium in Wien ab, ging für ein paar Wochen nach Südamerika, für weitere zehn Wochen nach Südostasien und zog dann Hals über Kopf nach Köln, weil ich in Wien nicht hängen bleiben wollte.

Seit etwas mehr als einem Jahr wohne ich in Köln und habe rasch gemerkt, dass das Wohnen und Arbeiten in einer neuen Stadt nicht dem entspricht, was man vom Auslandssemester und Backpacken kennt. Denn nun ist es kein vorübergehender Ortswechsel, sondern es ist „real“ – mit Anmeldung, fixem Job, deutscher Krankenversicherung und so weiter. Gleichzeitig ist es für mich trotzdem nicht dauerhaft, da ich nicht länger als sechs Monate im Voraus plane – dementsprechend habe ich zurzeit keine Waschmaschine, weil – lohnt sich das?

Ich hänge irgendwo zwischen einer langen Reise und einem richtigen Zuhause.

Ich möchte mich in meinen vier Wänden wohl fühlen, gleichzeitig zieht es mich aber auch ständig wo anders hin. Meine liebsten Menschen sind über Köln, Wien und Holland verteilt, auch über Berlin, Stockholm und Hamburg. Dementsprechend oft sitze ich im Flugzeug. Damit einher geht das Gefühl einer Zerrissenheit. Ich kann mir jedes Wochenende aussuchen, ob ich es in Köln, Wien, Berlin, Utrecht oder Roermond verbringe – bin niemandem Rechenschaft schuldig, habe keine Verpflichtungen. Und so habe ich jedes Wochenende die Qual der Wahl. Abwechselnd empfinde die Situation anders:

Mal liebe ich die Ungezwungenheit, die Fülle an Möglichkeiten und die Unabhängigkeit – mal hab ich das Gefühl, mit jeder Entscheidung so viel anderes zu verpassen und nie irgendwo richtig anzukommen.

Nach dem „Rausch des Reisens“ 2015 – 2016 habe ich gemerkt, wie wichtig mir Heimat ist. Und dass mir diese öfter fehlt, als ich mir manchmal eingestehen möchte – obwohl ich gleichzeitig die Menschen bemitleide, die immer nur an einem Ort wohnen. Ich weiß im Moment nicht, was für mich langfristig gesehen die ideale Wohn- und Lebenssituation ist – welche Stadt, welcher Beruf. Manchmal könnte ich mich stundenlang bemitleiden oder einsam fühlen, weil mir der Boden unter den Füßen fehlt.

In einem anderen Moment denk ich mir „mein Leben ist so viel cooler als jedes andere“. Im Moment übe ich besonders eine Sache: den Moment zu leben. Gedanklich im hier und jetzt zu sein. Mich jeden Tag neu zu entscheiden und dann einfach nur zu genießen. Nicht dran denken, was man wo anders grad verpasst. Oder dass man morgen schon wieder Koffer packen muss.

Denn ein Leben zwischen mehreren Städten beinhaltet eine große Fülle an schönen Moment und unterschiedlichen Erfahrungen – das sollte man sich vor Augen halten.

Und es genießen, solange es keine andere Option gibt. Wenn ich mich jetzt für eine Stadt entscheiden müsste, wäre es sicher Wien. Zum Glück muss ich das aber – im Moment – noch nicht.

Von Wien nach Köln. 

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