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Es gibt AutorInnen, an denen kommt man eine Zeit lang schwer vorbei, sofern man die Zeitung aufschlägt. So geschehen auch mit Daniel Kehlmann im Jahr 2013. Sein Abbild sprang mir förmlich aus dem Feuilleton entgegen. Der 1975 in München geborene, seit geraumer Zeit in Wien und Berlin lebende Thomas-Mann-Preisträger, dessen Roman „Die Vermessung der Welt“ (liegt seit Urzeiten unberührt auf meinem Nachtkästchen) in 46 Sprachen übersetzt wurde, ist einer der begehrtesten deutschen Schriftstellern der Gegenwart. Aus unerklärlichen Gründen schreibe ich hin und wieder Bücher auf meine „To-Read“ Liste, die ich inhaltlich zwar nicht für besonders relevant halte, mir aber aufgrund diverser Rezensionen im Falter, der Zeit, der Süddeutschen oder dem Standard habe aufschwatzen lassen. Medienpräsenz sei dank! Es muss schließlich etwas dran sein, bei so vielen Vorschusslorbeeren. Außerdem will man ich auch mitreden können. Wer weiß, ob Kehlmann noch heute unter der exorbitant hohen Anzahl seiner abgehaltenen Interviews leidet? Wenn auch nur ein Fünkchen Autobiografisches in seinen Erzählungen erhalten bleibt, könnte es ein spannendes Jahr für die Kulturredaktionen dieses Landes werden.

F handelt von einem Vater, der seine drei Söhne verlässt, um Schriftsteller zu werden. Letzteres war bis zu einer verdächtig unschuldigen Vorstellung beim Hypnotiseur nicht oberste Priorität gewesen, im Gegenteil. Es machte Arthur nichts aus, keinen lukrativen Beruf auszuüben. Das Schreiben selbst war der Zweck, fern jeder erfolgsversprechenden Ambition. Seine Frau arbeitet als Augenärztin und verdient genug, um die Familie zu ernähren. Die Frage nach der Durchschnittlichkeit des Lebens beschäftigt Kehlmann und seine erschaffenen Romanfiguren sichtlich.

Was bedeutet es, mittelmäßig zu sein – plötzlich ließ die Frage mich nicht mehr los. Wie lebt man damit, warum macht man weiter? Was für Menschen sind es, die alles auf eine Karte setzen, ihr Leben dem Schaffen verschreiben, das Risiko der großen Wette eingehen und dann, Jahr für Jahr, nichts von Bedeutung zustande bringen?
Selbstverständlich liegt es in der Natur einer Wette, dass man sie verlieren kann. Aber wenn es einem wirklich passiert – belügt man sich dann, oder kann man sich ehrlich damit abfinden? Wie macht man es, stolz seine kleinen Ausstellungen vorzubereiten, seine beschränkten Anerkennungen zu sammeln und es für naturgegeben zu halten, dass es weit über einem eine Welt des Gelingens gibt, an der man keinen Anteil hat? Wie richtet man sich ein?

Arthurs drei Söhne, Eric, Iwan und Martin, könnten unterschiedlicher nicht sein. F ist in drei Abschnitte gegliedert, jeder einzelne widmet sich der individuellen Leidensgeschichte eines Bruders, beginnend mit Martin. Nach wenig erfolgreichen Anbahnungsversuchen beim anderen Geschlecht, widmet sich Martin lieber der Perfektion von aufwändigen Lösungswegen für Rubik Cube Meisterschaften. Obwohl er nicht an Gott glaubt („Den Verstand werde ich nicht los“), studiert er zwölf Semester Theologie und wird Priester. Die Einblicke in die Gedankengänge eines ungläubigen Geistlichen werden durchaus amüsant geschildert. Am schlimmsten wären dabei die Teenager, die um Hilfe bitten. Martin wünscht sich dann meist ganz weit weg. Kehlmann kritisiert dabei immer wieder unterschwellig, dass auch einfache Fragen hinsichtlich der römisch-katholischen Dogmen nicht mit der Pauschalantwort „Es bleibt ein Mysterium!“ zu klären sind.

Eric und Iwan sind Zwillinge, die bis auf die Optik nichts verbindet. Eric ist Investmentbanker, tablettenabhängig und betrügt seine Frau mit mehreren Geliebten. Dass alle seine MitarbeiterInnen bald arbeitslos sein werden, weil er die Gelder seiner Klienten verspielt hat, verschlägt ihm Mittags den Appetit. Wann er mit wem über was telefoniert, merkt er sich längst nicht mehr. Iwan, der seine eigene Homosexualität lange Zeit vor seinem Zwillingsbruder verstecken wollte, ist in gewisser Hinsicht ebenfalls ein Betrüger. Offensichtlich strengt er sich mehr an als Eric, sein Geheimnis zu bewahren.

Schon hat er aufgelegt. Es ist seltsam, mit Eric zu reden, beinahe ein Selbstgespräch, und plötzlich wird mir wieder klar, warum ich ihn seit einiger Zeit meide. Es fällt schwer, vor ihm ein Geheimnis zu bewahren, er durchschaut mich, wie ich ihn durchschaue, und ich könnte nicht sicher sein, dass er es für sich behalten würde. Die alte Regel: Ein Geheimnis bleibt nur dann eines, wenn wirklich niemand davon weiß. Hält man sich daran, ist es nicht so schwer zu bewahren, wie die Leute meinen. Man kann jemanden fast so gut kennen wie sich selbst, und man liest doch nicht seine Gedanken.

F liest sich flüssig, ist im Vokabular weder hochtrabend noch zu brachial. Bis auf Eric sind die Hauptprotagnisten spannend gezeichnete Charaktere, deren durchaus liebenswerte Besonderheiten erst nach und nach zum Vorschein kommen. Dass Investmentbanker suchtgefährdet sind, ihre Frauen betrügen und ständig am Handy hängen, scheint nicht nur für Doris Knecht ein brauchbares Klischee darzustellen. Schade, es wirkt als wären Kehlmann – trotz einiger starker und aufwändig recherchierter Passagen – kurzzeitig die Ideen ausgegangen. Dafür macht der übergewichtige Priester einiges wett, ebenso die raffinierte Storyline zwischen Iwan und seinem Malermeister. Nur so viel: Homoerotisches sollte hier nicht erwartet werden, Kehlmann fokussiert sich mehr auf die beruflichen denn auf die sexuellen Erfahrungen seiner Romanfiguren. In der Mitte möchte man nicht aufhören zu lesen, gegen Ende stellt sich Ernüchterung ein. Ein Abgang, der unspektakulärer und vorhersehbarer nicht hätte ausfallen können. Der letzte Absatz handelt von der Schönheit des Schnees. Soviel dazu.

Trotz der Schwächen (Charakterstudie Investmentbanker, mühsamer Einstieg, langweiliges Ende) ist F der ideale Roman für einen erholsamen Urlaub am Strand, an dem man weit und breit keine Ablenkung findet. In die eigene Hausbibliothek würde ich F persönlich nicht stellen.

Kehlmann, Daniel (2013): F. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg

Fotocredits: PEN American Center/Beowulf Sheehan