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Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause ist der Debütroman der österreichischen Schriftstellerin Nadine Kegele. Sie ist Schriftführerin im Vorstand der Österreichischen Franz Kafka Gesellschaft und hat in den letzten Jahren eine nicht zu verachtende Anzahl von Stipendien und Auszeichnungen erhalten – vom Ingeborg-Bachmann Publikumspreis bis zum Staatsstipendium des Bundesministeriums. Als ich das Buch vor zwei Wochen zum Geburtstag geschenkt bekam, hatte ich keine Vorstellung davon, was mich erwarten würde. Es wurde mir als Art Geheimtipp überreicht. Fünf Tage später war ich fertig und verspürte das dringende Bedürfnis, der Autorin eine Mail zukommen zu lassen. Mit Fragen, die mir während der Lektüre in den Kopf geschossen sind. Nachzulesen ist das Interview hier.

Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause beschreibt die Vielschichtigkeit des Lebens, ohne befürwortende Ratschläge zur eigenen Lebensführung zu verteilen. Dafür ist ohnehin die Psychotherapeutin zuständig, deren Weisheiten der Hauptprotagonistin Nora in den unpassendsten Situationen wieder ins Gedächtnis gerufen werden.

Wütend ist leichter als traurig, tut Ihnen aber länger weh. Ich weiß, dass ich mich um mich selbst kümmern kann, hatte Nora gesagt, ich brauche keine Mutter dazu, der man nicht trauen kann.
Wer ist man?, hatte die Kaiserin gefragt.

Aber ich kann niemandem eine gönnen, die besser ist, war Nora darüber hinweggegangen.

Noras Mutter liegt im Koma. Das ist auch gut so, wenn es nach ihr geht. Als Kind wurde Nora von der Mutter misshandelt und vernachlässigt. Die falschen Partner, Arbeitslosigkeit, Überforderung auf ganzer Linie, sozialer Abstieg als Folge. Nora möchte es anders machen, sich von ihrer Vergangenheit und den damit verbundenen Neurosen abgrenzen. Akzeptieren, dass sie niemals richtig Kind sein konnte, kann sie nicht. Wieso ist das Leben unfair? Und wenn es schon so unfair ist, warum ausgerechnet zu ihr? Mit Anfang dreißig ist Nora selbst arbeitslos. Ihre aktuelle Beziehung wird von der Möglichkeit überschattet, verlassen zu werden. Nora schläft regelmäßig mit ihrem Freund Anton. Nicht unbedingt, weil sie es will, sondern um festzuhalten und das unvermeidliche Beziehungsende hinauszuzögern. Mit Anton soll es anders werden, auch wenn das ihre lesbische Freundin Ruth nicht so ganz glauben kann.

Du musst vorbereitet sein darauf, gibt Ruth Einblick in ihr Geheimnis, es darf dich nicht aus dem Hinterhalt treffen.
Du rechnest immer damit?
Es gibt immer Anzeichen für das Ende einer Beziehung, sagt Ruth, die meisten wollen es nur nicht sehen.

Auf Noras Freundinnen ist Verlass. Alle drei aus „gutem Hause“ stammend, sind sie sich des Privilegs selten bewusst, in welches sie hineingeboren wurden. Die Füchsin, studierte Medizinerin und Yoga-Lehrerin, hat traditionelle Vorstellungen von Mutterschaft und weicht nicht von der Glorifizierung des Mutterinstinkts ab. Der wird nämlich kommen, sobald das Kind erst mal da ist. Ganz bestimmt. Vera stammt aus einem Sekt-Imperium und findet, dass man mit Geld nur richtig umzugehen braucht. Der Rest ergibt sich von selbst. Wer das Geld nicht hat, ist eben selbst schuld. Ohne das Bobo- und Hedonistentum beim Namen zu nennen schafft es die Autorin mit Humor und Ironie die Schein-Problemchen der ökonomisch besser situierten Elite beim Namen zu nennen. „Ich habe Medizin studiert und bin Yogalehrerin, sagt die Füchsin, Klofrau wäre absurd.“ Gut, dass es die feministische Gegenfigur Ruth in das Buch geschafft hat. Die möchte auch ein Kind, Geschlecht egal. Hauptsache kein Junge und kein Mädchen. Über alternative Fortpflanzungspraktiken erfahren die LeserInnen ebenso viel wie über den Kot von Veras Katze, auf die Nora aufpasst. Und über Exkremente im Generellen.

Ich hasse öffentliche Toiletten, zischelt sie, nichts Entwürdigenderes, als sich mit der Bürste zu bücken, um jemandes Spuren zu beseitigen, weil du nicht willst, dass die nach dir denkt, dass du dieses Schwein warst.

Sehe ich genauso. Es sind ebendiese Details, die mich während der Lektüre zum Schmunzeln brachten. Alltägliche Gedankenbruchstücke werden angerissen, manchmal fortgeführt, oft einfach so stehen gelassen. Kegele möchte wohl, dass wir uns den Rest selbst zusammenreimen. Die ersten 80 Seiten klappt das bei mir weniger. Ich fange an, ich lese weiter. Ich schweife ab, muss zurückblättern, von vorne beginnen. Erst als ich den Ö1 Beitrag zum Romandebüt von Kegele gehört habe, bin ich beruhigt. Es scheint nicht an meinen kognitiven Fähigkeiten zu liegen, dass ich Schwierigkeiten hatte dem Inhalt zu folgen. Es gibt eine Kaisern, eine Füchsin, Frederike, Moni, Karl, Boris und Hannes, um nur einige wenige Namen zu nennen. Obwohl Hannes irgendwo zwischen Seite 100 und 150 auftaucht, kann ich mich auf Seite 290 nicht mehr an ihn erinnern. Es müssen erst einige Zeilen vergehen, hin und zurückgeblättert werden, bis ich mich wieder in den Text einfinde. Bis ich erkenne, dass die Situation und der Ort sich verändert haben. Bei der Eingliederung der Geschehnisse nützen die verschiedenen Unterkapitel wenig. Den stakkato-artigen Stil kann man mögen, muss man aber nicht. Persönlich hätte ich das Buch ohne die Schilderung der plot-irrelevanten Schauplätze spannender gefunden. Gefangen hat mich Kegele mehr mit den realitätsnahen Beziehungsproblemen der Hauptprotagonistinnen denn mit tierischen Details (Katzen, Hunde, Bären, Eidechsen) und langweiligen sowie -wierigen Nebenhandlungen (Gräber, Züge, Spielplätze). Aber gut, man kann nicht immer Dialoge über Dammschnitte, die allmächtige Gegenwart des Patriarchats und Heterosex aus dem Hut zaubern.

Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause” ist 2014 im Czernin Verlag erschienen.
Nadine Kegele