Nein, Fuckgirl ist nicht bloß die „gender-reverse“ Variante eines Fuckbois


Wer mich kennt knows I’m all about being gender-nonconfirming and doing gender-reversed type of relationships BUT: Shit has its limits. Und genauso ist das auch bei der Protagonistin in meinem Roman fuckgirl.
Oft bekomme ich die Frage gestellt, was denn nun genau dieses „Fuckgirl“ sei. Das Ding ist: es gibt dafür keine allgemeingültige Definition im Feminismus-Handbuch 101.
Auf UrbanDictionary stehen zum Beispiel Sätze wie: „a girl who engages in fuckboy behavior, generally thinks they are god’s gift to the earth and use words like „thirsty“ „salty“ „fuckboy“ and „hater“ oder “The female version of a fuckboy. They don’t catch feelings. Enjoys being single so they’re not tied down to one guy in particular.”
Und obwohl ich sagen muss, dass meine Figur durchaus Wörter wie SALTY HATER oder THIRSTY benutzen würde (accurate), geht es beim Fuckgirl-Sein für mich weniger um einen bestimmten Beziehungsstatus oder das Vermeiden von Intimität. Überhaupt, ich weigere mich den Begriff am männlichen Pendant definieren zu müssen. Denn auch das wäre wieder patriarchale Kultur, die ich nicht reproduzieren möchte.
Fuckgirl ist für mich ein autonomes Subjekt, das ihre Würde, ihre Wunden, ihren Wert und ihre Leidensbereitschaft kennt. Fuckgirl hat einen starken Willen und lässt sich nicht durch heteronormative Vorstellungen von Beziehung, Freundschaft und Familie geiseln.
Fuckgirl lebt ihr eigenes Leben nach ihren Vorstellungen – ob mit Mann, oder ohne. Fuckgirl hat durchaus ein Verantwortungsbewusstsein und ein Gewissen, sie agiert nicht sadistisch oder aus der Freude am Leid Unschuldiger heraus.
Sie hat einen soliden Wertekompass, was wiederum auch bedeutet, dass sie sich nichts gefallen lässt, das ihr oder anderen FLINTA schadet. Fuckgirl findet feministische Solidarität untereinander wichtig und verwehrt sich der Komplizenschaft mit Männern.
Sie wird anprangern, aufzeigen, nicht wegsehen.
Fuckgirl ist kein Vorbild, sie ist auch keine perfekte Feministin. Sie ist ein Mensch.
Wer hätte DAS gedacht.
Im Presse-Kit steht irgendwo, Fuckgirl sei: The opposite of a good girl, also einem braven Mädchen, das im Stillen leidet. Hier bin ich inzwischen unschlüssig, ob der Vergleich nicht wiederum misogyn sein könnte.
Das „Good Girl“ als Gegenpol zu setzen reproduziert im worst case sogar genau die Logik, die man eigentlich kritisieren will. Denn das sogenannte Good-Girl-Behaviour ist ja selten eine freie Entscheidung, sondern oft das Ergebnis von Sozialisation, Sanktionierung und dem very realen Bedürfnis nach Sicherheit. Viele Frauen lernen früh, dass Anpassung, Zurückhaltung und Konfliktvermeidung sie vor Ablehnung, Gewalt oder sozialem Ausschluss schützen können.
„Brav sein“ ist dann keine Wesenseigenschaft, sondern eine Strategie – manchmal die einzige, die innerhalb bestimmter Machtverhältnisse verfügbar ist (siehe auch Sophia Fritz – Toxische Weiblichkeit). Wenn man das „Fuckgirl“ einfach als Gegenteil konstruiert, besteht die Gefahr, diese Strategien abzuwerten oder Frauen gegeneinander auszuspielen: die „Starken“, Unangepassten hier, die „Angepassten“ dort.
Dabei bewegen sich alle innerhalb derselben strukturellen Bedingungen – nur mit unterschiedlichen Ressourcen, Risikoverhalten und Spielräumen. Vielleicht ist das „Fuckgirl“ also weniger das Gegenteil vom „Good Girl“, sondern eher ein bewusster Bruch mit den Erwartungen, die das Good-Girl-Verhalten überhaupt erst hervorbringen.
Das Problem an diesem „Das ist doch dasselbe wie bei toxischen Männern“-Vorwurf ist, dass er so tut, als würden alle im selben Machtgefüge handeln. Aber Handlungen sind nicht losgelöst von den Strukturen zu bewerten, in denen sie stattfinden. Wenn Männer im Patriarchat manipulativ, grenzüberschreitend oder respektlos handeln, knüpft das an reale Macht, an historisch gewachsene Privilegien und an ein Gewaltkontinuum an, das für Frauen sehr konkrete Konsequenzen hat.
Wenn Fuckgirl „zurückschlägt“, indem sie so harmlose Sachen macht wie Männern den Spiegel vorzuhalten, sie nach dem Entdecken gewisser Sachverhalte ein bisschen an der Nase rumzuführen und ihr Game zu ruinieren, dann ist das – insbesondere im Vergleich zu den vielen Femiziden täglich und weltweit – einfach nur: harmlos. Lächerlich vernachlässigend. Und absolut nicht gleichzusetzen mit allgegenwärtiger Gewalt gegen Frauen. Fuckgirl nutzt Gegenwehr. Sie handelt reaktiv, nicht proaktiv. Das vielleicht auch so ein KLEINER Unterschied.
Fuckgirl wehrt sich innerhalb des legalen Rahmens, indem sie nicht mitspielt. Aber sie ist keine klassische „Gewalttäterin“. Sie ist auch nicht per se toxisch, nur, weil sie an die falschen Männer gerät und dann ein bisschen bei ihnen bleibt. Im Patriarchat an „den falschen Mann“ zu geraten ist in etwa so schwer wie morgens vor die Tür zu gehen.
Nur, um das mal festzuhalten.
Wenn eine „Fuckgirl“ Erwartungen unterläuft, sich entzieht oder Spielchen nicht mehr nach den üblichen Regeln spielt, bewegt sie sich nicht plötzlich auf „derselben Ebene“, sondern nutzt die begrenzten Handlungsspielräume, die Frauen überhaupt zur Verfügung stehen. Diese Gegenwehr als „gleich toxisch“ zu labeln, nivelliert nicht nur Unterschiede in Macht und Risiko, sondern verschiebt auch die Verantwortung: weg von strukturellen Problemen, hin zu einer scheinbaren individuellen Gleichheit, die es so schlicht nicht gibt.
TL;DR: Es kann im Patriarchat gar kein Pedant zum männlichen Fuckboi geben, das 1:1 so toxisch ist wie das Original. Dafür müssten wir uns schon außerhalb des Patriarchats befinden, das Frauen systematisch benachteiligt und Gewalt gegen sie hervorbringt und normalisiert.
In dem Sinne: Was ist eure Definition eines Fuckgirls?
Und, seid ihr schon eines?
Und, nicht vergessen: Roman bestellen.
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