Ja, meine persönliche (HIV-)Geschichte ist so langsam auserzählt. Die politische wohl noch lange nicht.

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Bei der Auswahl an comfort videos (Stichwort Buzzfeed) und Beauty Hauls (Stichwort Primark), die mittlerweile durch die Timelines wandern, muss manch eine/r vielleicht erst einmal schlucken, wenn jemand offen über HIV vloggt. Zu realisieren, dass es relevanteres im Leben gibt als das neue Glitzerpuder von Essential, kann ganz schön hässlich sein. Aus diesem und manch anderen Grund ist das “Thema” nicht unbedingt jedermanns Sache. HIV, das betrifft mich doch nicht. HIV, wieso sollte ich mich damit beschäftigen. HIV, das bekommen andere. Marcel spricht auf Youtube über seine Ängste, seine Furcht, die Zeit nach der Infektion und den Umgang mit HIV, aber genauso über Fragen, die jeden Menschen beschäftigen.

Wer bin ich? Was will ich vom Leben? Was ist mein Wert?

Ich war von Beginn von der Herangehensweise und Art, wie Marcel mit seiner HIV-Infektion umgeht, erstaunt. Am Weltaidstag bin ich nach längerer Zeit wieder auf den Teilzeitvlogger gestoßen und habe beschlossen ihm die Fragen zu stellen, die mir während der Rezeption seiner Videos in den Sinn gekommen sind.

Als ich dabei war, das Interview vorzubereiten, bin ich bei meinen Freunden mit der Tür ins Haus gefallen. Ich erzählte ihnen, dass ich einem Vlogger Fragen stellen würde, der über HIV spricht. Die eine Freundin hat mir offenbart, dass sie selbst einmal Angst hatte, sich angesteckt zu haben. Die andere hat sofort das Thema gewechselt. Kennst du solche Reaktionen? Wie gehst du damit um, wenn das Thema abseits deines Vlogs auf HIV fällt und sich die Leute, wie soll ich sagen, vor den Kopf gestoßen fühlen?

Ja, das kenne ich auch. Natürlich ist das für viele Menschen erst mal kein angenehmes Thema, vor allem, wenn sie es mit Tod und Sterben verbinden. Ich will Leute auch nicht nerven. Wer sich damit nicht auseinander setzen will, der muss das auch nicht. Wahrscheinlich braucht es auch etwas Eigeninteresse, sonst nützt der größte Austausch nichts. Meiner Erfahrung nach interessieren sich aber Leute eher dann dafür, wenn sie bemerken es ist keine Theorie, sondern da steht jemand vor ihnen, der von sich selbst berichtet. Ist aber nicht immer so. Also: Wer das Thema wechseln will, der kann sich über was anderes mit mir unterhalten. HIV ist nicht abendfüllend und meine Interessen sind vielseitig. Gar kein Problem.

Du betreibst mit dem Medium Youtube, anders als viele, Aufklärungsarbeit. Damit wirst du für einige Menschen vermutlich unbewusst zur Identifikationsfigur und vielleicht auch zu einem Vorbild im positiven Umgang mit der Erkrankung. Kommt es vor, dass sich Betroffene direkt an dich wenden, weil sie dich im Laufe der Zeit schon fast als Freund sehen? Marcel, Vlogger und Therapeut.

Das ist in der Tat ein spannendes Thema, über das ich in letzter Zeit viel nachgedacht habe. Es kommt sehr häufig vor, dass sich Menschen unterschiedlichster Art an mich wenden. HIV-positive, Schwule, Lesben, Heteros die das Thema spannend finden etc., was ich zuallererst sehr gut finde und mich auch ehrt. Es scheint ja Vertrauen vorhanden zu sein. Allerdings herrscht auf YouTube seit einigen Monaten ein großer Personenkult. Zuschauer verehren ihre Lieblinge quasi. Die Filmemacher wiederrum spielen oft damit und nennen diese dann ihre „Freunde“. Ich bin ganz klar weder Therapeut noch Freund meiner Zuschauer.

Was ich bieten kann ist ein offenes Ohr und evtl. auch persönliche Erfahrungen. Allerdings nimmt jeder die Dinge unterschiedlich wahr. Was bei mir schlecht oder gut lief, der Weg den ich gegangen bin, das sind keine Dinge, die allgemeingültig sind. Jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen. Ich möchte dass jede/r in seinem Denken und Handeln selbstständig bleibt und nicht blind folgt, weil da jemand im Internet ein paar Tausend Follower und Abonnenten hat. Deswegen versuche ich immer zu antworten, allerdings verweise ich auch, wenn ich es für nötig halte, an Ärzte oder andere Experten.

Des Weiteren versuche ich immer auf einer Stufe mit meinen Zuschauern, also authentisch, zu sein. Ich spreche nie von „Fans“. Das wäre gegen meine Einstellung, dass ich nichts besseres bin als sie. Und ich bin auch kein Freund. Deswegen bleibt z. B. mein privates FB-Profil auch privaten Freunden vorenthalten, auch wenn ich damit oft auf Unverständnis stoße. Wer meine öffentliches Engagement verfolgen will, für den gibt es eine offene Like-Seite.

Aber ich versuche das ganz bewusst zu trennen, auch, weil ich es für authentischer halte zu sagen: Das was ich da im Netz erfolgreich mache bin ich. Aber ich bin auch noch anderes, mehr als das öffentliche und das muss nicht jeder mitbekommen. Identifikationsfigur möchte ich also nicht sein und es gibt genug Seiten an mir, die nicht für das „öffentliche Vorbild“ taugen, das manche in mir sehen.

Obwohl die Existenz von HIV und AIDS mittlerweile seit mehr als 30 Jahren bekannt ist, kursieren in der breiten Öffentlichkeit noch immer Vorurteile. Welches ist das Vorurteil, das dich am meisten aufregt und über dessen Vorhandensein du nicht ohne Weiteres hinwegkommen kannst?

Ehrlich gesagt habe ich da keine Hitliste, was Vorurteile betrifft. Ich finde alle nicht besonders prickelnd. Es gibt ein paar, die sind wiederkehrend, also denen begegnet man besonders häufig. Zum Beispiel, dass man selbst Schuld sei, wenn man sich infiziert. Das ist etwas, weil ich es oft höre, was mich dann schon sehr beschäftigt. Ich stelle diese Schuldfrage gar nicht. Mich interessiert das einfach nicht. Das wäre eine Unterteilung in gute und schlechte HIV-positive. Diese Spaltung ist mir zuwider.

Was war der ausschlaggebende Punkt für dich zu sagen: Ich mache jetzt einen Vlog über mein Leben mit HIV? Wie viel Überwindung hat es dich gekostet, dich auch abseits von Freunden und Familie in der „Öffentlichkeit zu outen?

Ich halte das Internet für ein sehr wichtiges, meist noch unterschätztes, Medium. Und es gab und gibt auch nach 5 Jahren niemanden außer mir in Deutschland, der/die regelmäßig Vlogs über das eigene Leben mit HIV macht. Das ist schade. Gerade jüngere Menschen suchen nach authentischen Berichten aus erster Hand. Mich hat es besonders viel Überwindung gekostet, auch „schwach“ vor der Kamera zu sein. Das Leben ist nicht immer toll. Immer wieder stelle ich mir Fragen, die im Grunde genommen meine Identität hinterfragen. „Wer bin ich? Was will ich vom Leben? Was ist mein Wert?“. Es ist schmerzhaft sich mit diesen Dingen auseinander zu setzen, aber man wächst daran. Und ehrlich gesagt stehen wir alle irgendwann vor diesen Fragen. Jeder kann sich also damit identifizieren. Diese vor der Kamera zu thematisieren ist noch schwieriger, weil man sich angreifbar macht. Aber dennoch wird man meiner Meinung nach durch diese Authentizität greifbarer und erreicht die Menschen dort, wo man etwas in ihnen bewegen kann. Darauf kommt es an. Deswegen tue ich das.

Als du mit dem vloggen angefangen hast, warst du 20. Heute bist du 25, hast andere Ziele und berufliche Ambitionen. Hast du das Gefühl, über HIV bereits alles gesagt zu haben und deinen Themenschwerpunkt auch „online“ verlagern zu wollen?

Ja, die (HIV-)Geschichte ist so langsam auserzählt. Zumindest meine persönliche. Die politische wohl noch lange nicht. Ich verlagere meine Videoinhalte momentan etwas und werde in Zukunft schwul-lesbische Geschehnisse und andere gesellschaftlich relevante Themen kommentieren. Rassismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Menschenrechte, Aids-Politik und so weiter sind und bleiben aktuelle Themen, zu denen ich ganz klar Stellung beziehen will. Es wird wohl nicht mehr immer um mich gehen, sondern allgemeiner werden. Das habe ich bereits ausprobiert und kam ganz gut an. Finde ich auch persönlich mal eine nette Abwechslung.

„Youtube ist manchmal hart.“ In deinem letzten Video erzählst du, dass es die beste Entscheidung deines Lebens war mit Youtube anzufangen. Kurz darauf sprichst du von „Hatern“, die dir anonyme Kommentare zukommen lassen, dich als Person aufs Gröbste beleidigen. Glaubst du, dass es jemals einen Punkt geben wird, an dem diese Hasstiraden an einem abprallen werden? Wie gehst du persönlich damit um?

Grundsätzlich finde ich, dass man sich darauf einstellen muss, wenn man sich in die Öffentlichkeit begibt. Ich weiß, dass meine Themen besonders provozieren können. Dementsprechend bekomme ich auch viele homophobe und beleidigende Kommentare. Ich sage mir dann immer, dass es nicht wert ist, darauf einzugehen. Wer Argumente austauschen möchte, mit dem setze ich mich gerne auseinander. Wer nur beleidigt, der hat kein Interesse an einer Diskussion und wird von mir auch einfach „überlesen“ und der Kommentar gelöscht. Was ich tatsächlich nur bei Kommis mache, die unter die Gürtellinie gehen. Jede Meinung, die von meiner abweicht und konstruktiv formuliert ist bleibt stehen. Ehrlich gesagt bin ich da nicht wirklich verletzt. Da habe ich nach den ganzen Jahren eine dicke Schale. Falls jemand wiederholt homophob ist, wird er aber blockiert. Es gibt ein Recht auf Meinungsäußerung, aber keines auf Beleidigung.

„Eigentlich mache ich doch nichts Besonderes.“ Du hast davon gesprochen, dass du eine Zeit nicht wirklich stolz darauf sein konntest, Preise gewonnen zu haben. Neben den Dokumentationen von JournalistInnen der ARD und des Tagesspiegels kam es dir so vor, als ob du keine wirklich großartigen Dinge vollbracht hättest. Du hast dich gefragt, warum so viele Menschen deinen Kanal abonniert haben und worin der Grund liegt, sich abseits der traditionellen Medien über Youtube zu informieren. Hat dir deine Community dabei geholfen, Antworten darauf zu finden?

Ja, schon. Als ich den Medienpreis der Deutschen AIDS-Stiftung bekam und hinterher den Smart Hero Award von Facebook, da war das für mich unvorstellbar. Ich wusste nicht warum das passiert. Die Zuschauer zeigen mir aber immer wieder auf, dass es erstens das Medium ist und zweitens die Authentizität. Die ARD erreicht mit ihren Reportagen sicher sehr viel mehr Menschen als ich. Vielleicht kommt es aber nicht immer auf die Zahl an, sondern darauf, dass man neue Wege geht. Das habe ich, glaube ich, ganz gut getan. Neues Medium, Infos aus erster Hand, so weit ich beurteilen kann auch authentisch. Zumindest fühle ich das, was ich sage und schreibe. Genau das wird immer wieder positiv hervorgehoben. Und darauf kann ich mittlerweile auch stolz sein.

Welche Vlogs hast du selbst abonniert? Holst du dir Inspirationen von anderen YoutuberInnen?

Klingt bestimmt lustig, aber ich schaue wenig YouTube, weil ich kaum Zeit dafür habe. Abonniert habe ich z. B. KWiNK, Manniac und DoktorAllwissend, weil die drei inhaltlich sehr gute Videos machen, die meistens humorvoll verpackt sind. Mein Liebling ist Marie Meimberg, die für mich in Deutschland einzigartig guten und hochwertigen Content macht, der zum Nachdenken und handeln anregt. Ansonsten lasse ich mich von unterhaltsamen YouTubern wie Michael Buchinger oder VegasFilms (absolute Empfehlung!) berieseln. Inspirieren lasse ich mich meistens nur, was die Videogestaltung angeht. DoktorAllwissend hat es mir da sehr mit seinem Stil angetan. Ich plane, meine Themen ähnlich zu verpacken. Humorvoll, mit guten Schnitten und dennoch inhaltsvoll. Ich denke, das könnte sich gut verbreiten. 2015 wird für mich das Jahr des Experimentierens auf YouTube.

Wenn du heute zu einem beziehungsweise einer Vlog-AnfängerIn sprechen könntest, was würdest du sagen. Youtube = Empowerment, weil

…weil man selber entscheidet was man sagt und wie man es sagt. Jeder hat die Möglichkeit sich einzubringen und seine Themen in die Welt zu tragen. Natürlich hat es auch mit Glück zu tun, ob man damit Erfolg hat. Aber grundsätzlich bietet YouTube für alle die gleichen Startmöglichkeiten. Heraus kommt, was wir alle daraus machen.

Marcel vloggt hier