Ich habe bis vor drei Wochen noch nie etwas von Sophia Amoruso gehört. Amor-wer? Ich ging gedanklich bereits die Liste der noch abrufbaren D-Promis in meinem Kopf durch, ohne fündig zu werden. Meine Freundin Margo arbeitete gerade an einem neuen Bikini-Entwurf, als ich das Buch “#Girlboss” auf einem Stapel verschiedenster Unterlagen auf ihrem Schreibtisch liegen sah. Amoruso sei eine einzige verdammte Erfolgsgeschichte, erklärte mir Margo. Sie kam quasi aus dem Nichts, ohne “konkrete Pläne für das Leben” und baute sich in sieben Jahren ihr eigenes Nasty Gal Imperium durch den Verkauf von Vintage Klamotten auf eBay auf. Margo drückte mir das Buch in die Hand, ich nahm es mit. Zwei Wochen später muss ich sagen, dass ich nicht gänzlich unbeeindruckt geblieben bin. Trotzdem gibt es einiges auszusetzen, an dem teils-autobiografischen, teils-ratgeberischen Management Büchlein, das bewusst kein feministisches Manifest sein möchte und dann irgendwie doch. #Girlboss is a feminist book, and Nasty gal is a feminist company in the sense that I encourage you to be who you want and do what you want. But I’m not here calling us “womyn” and blaming men for any of my struggles along the way. Okay.

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Wer „Founder & CEO“ auf das eigene Buchcover drucken lässt, hinterlässt zumindest bei mir unabhängig vom Inhalt einen seltsamen Nachgeschmack. NastyGal liest sich zu großen Teilen beinahe wie eine Rechtfertigung. Ja, ich habe es hinausgeschafft aus der Arbeitslosigkeit, ja ich habe 350 MitarbeiterInnen, die ich konsequent anti-hierarchisch führe, ja ich fahre einen Porsche. Ich war nie auf dem College, für mich war der American Dream nicht vorbestimmt. Und trotzdem habe ausgerechnet ich es geschafft. Denn, und hier kommen wir zu Amorusos Motto Nummer eins: Life is short. Don’t be lazy. #Girlboss ist eine Frau, die bekommt was sie will, weil sie hart dafür arbeitet. Sie ist eine Kämpferin, sie übernimmt die Kontrolle und akzeptiert Verantwortung. Manchmal bricht sie die Regeln, manchmal befolgt sie diese, aber immer auf ihre eigene Art und Weise. Oder, weil es im englischen Originaltext schlichtweg nicht so abgedroschen klingt: “You value honesty over perfection. You ask questions. You take your life seriously, but you don’t take yourself too serious. You’re going to take over the world, and change it in the process. You’re a badass.”

So You Want To Be a #Girlsboss? 

Sophia Amoruso möchte ihren LeserInnen, die sie in ihrem Buch schon fast berechnend persönlich mit # Girlboss (Ja, ein Hashtag im Buchtitel, damit die message hängen bleibt und shareable vermarktet werden kann) anspricht, Tipps für die eigene Karriere mitgeben. Besonders wichtig ist ihr zu betonen, dass ihr eigenes Businesskonzept – Klamotten aus dem Humana Container auf eBay um das 10-fache an Frauen zu verkaufen, die offensichtlich beruflich bedingt nicht die Zeit dafür haben, Dienstagvormittags in Kleiderboxen zu wühlen und stattdessen lieber 1500 Euro für die ausrangierte Chanel Jacke zahlen, offensichtlich funktioniert hat. Amoruso ist davon überzeugt, dass es einzig und alleine ihrem Ehrgeiz, ihrer Selbstdisziplin und auch der grandiosen Idee zu verdanken ist – und keinesfalls dem Trend der Zeit – dass ihre selbstkreierte Marke mit dem fabelhaften Namen Nasty Gal ein „huge success“ wurde.

But I always suspected that I was destined for, and that I was capable of, something bigger. That something turned out to be Nasty Gal, but you know what? I didn’t find Nasty Gal. I created it.

Manchmal schreibt Amoruso so, als ob sie früher dumm gewesen wäre. Damals, als ich “den Kapitalismus” noch abgelehnt habe. Damals, als ich noch rebellisch und idealistisch war. Ach, damals, hätte ich damals bloß gewusst, dass Geld nicht ausschließlich eine Ausgeburt des Materialismus ist, dann hätte ich gleich meinen Job bei Subways gekündigt, statt weiter Mayo in den Thunfisch zu massieren. Ihre kritischen Gedanken zum amerikanischen Schulsystem (“I do think we should acknowledge that school isn’t for everyone. If you suck at school, don’t let it kill your spirit. It does not mean that you are stupid or worthless”) kann ich im Gegensatz zu ihrer ambivalenten Beziehung zum Kapitalismus durchaus nachvollziehen.

I entered adulthood believing that capitalism was a scam, but I’ve instead found that it’s a kind of alchemy. You combine hard work, creativity, and self-determination, and things start to happen. And once you start to understand that alchemy, or even just recognize it, you can begin to see the world in a different way.

Das Rezept, das uns allen ein glücklicheres aber vor allem erfolgreicheres Leben verschaffen soll, ist ganz einfach: Wenn du an das glaubst, was du machst, wird es automatisch positive Ergebnisse hervorbringen, selbst wenn sie nicht sofort sichtbar sind. Du musst dafür lediglich deine viel zu niedrigen Standards hochschrauben, egal auf welchem Gebiet: Dann wirst du die allseits verfügbare Partnerin, die trostspendende Freundin, die Jahrgangsbeste in deinem Studium und stets motivierte Gründerin deines eigenen Unternehmens.

If you believe that what you’re doing will have positive results, it will – even if it’s not immediately obvious. When you hold yourself to the same standard in work that you do as a friend, girlfriend, student, or otherwise, it pays off.

Money Looks Better in the Bank Than on Your Feet

Geld macht unabhängig, da gebe ich dem CEO recht. Du kannst damit die Welt bereisen, schöne Louis Vuitton Schuhe kaufen, dir ein Haus bauen lassen. Aber das Wichtigste, und bitte vergesst diese Regel nicht: Verwaltet euer gottverdammtes Geld. Falls du denn welches hast. Wenn nicht: Verwalte es einfach trotzdem. Jeden Penny.

My adopted political ideals had let me approach money with an elevated level of distaste. I saw it as a materialistic pursuit for materialistic people, but what I have realized over time is that in many ways, money spells freedom. If you learn to control your finances, you won’t find yourself stuck in jobs, places, or relationships that you hate just because you can’t afford to go elsewhere. Learning how to manage your money is one of the most important things you’ll ever do.

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Falls ihr schon eifrig dabei seid, einen eBay Account anzulegen, lasst euch folgendes auf den Weg mitgeben. Wer heute versucht Vintage Klamotten mit selbstgeschossenen Fotos zu verkaufen, wird scheitern. In einer Wegwerf- und Konsumgesellschaft, die uns alle vier Monate vorgaukelt, dem neuesten Trend folgen zu müssen, ist der Markt rund um die selbsternannten 2000er Jahre Fashionistas bereits gesättigt und ausgelaugt. Auch das zwanzigste -30 Prozent Werbeschild für den Mid-Season-Sale (wann wurde der eigentlich eingeführt?) wird zwangsläufig nicht mehr zu dem Umsatz führen, der dich reich macht. Weil Marktsättigung und so. Das letzte, was ich momentan gründen würde – nach der nächsten unabhängigen Tageszeitung Österreichs – wäre ein Webshop, der getragene Kleidung zu horrenden Preisen anbietet, nur weil die 90er gerade das modische Non-Plus-Ultra sind. Als Amoruso ihren Store Ende 2007 eröffnete, sah das Ganze noch anders aus. Man muss sich dafür nur Screenshots aus dem Jahre 2006 und 2007 ansehen, um sich in einem WirrWarr aus geocities homepages, ICQ und MSN Messenger Chatverläufen wiederzufinden. Kleiderkreisel gab es genauso wenig wie shared economies. Amoruso hatte Glück, auch wenn sie das selbst anders sieht, denn wie wir GIRLBOSSes wissen, kann es jedeR schaffen. Man muss nur 1) daran glauben 2) genug Zeit investieren und 3) den Freundschafts- und Beziehungsethos genauso hochhalten wie den der Arbeit.

I hate the concept of luck, especially when people try to apply it to me. Yes, it’s true: Hundreds of thousands of businesses fail. Mine suceeded. Was that all just because I „got lucky“? I don’t really think so.
What I hate about luck is that it implies that you can do nothing and then stepp into success as easily as stepping into a pile of dog poop on the sidewalk. It implies that success is something given to a knighted and often undeserving few. Luck tells us that we don’t control our own fate, and that our path to success or failure is written by someone, or semething, entirely outside ourselves.

Es mag wahr sein, dass man etwas tun muss, um erfolgreich zu sein und dass berufliches Fortkommen nicht vom Himmel fällt, ja. Aber anzunehmen, dass dein Geschäftsmodell nicht zu den abertausenden zählen wird, das scheitert, nur weil du ein #Girlboss bist und du deine eigene neoliberale Arbeitsmoral auf pseudophilosophischen Karteikärtchen im Office aushängst? Amoruso täuscht junge Frauen, in dem sie ihnen vorgaukelt mit ein wenig Selbstdisziplin genauso reich und erfolgreich werden zu können. Noch dazu geht Amoruso – und das ist mein Hauptkritikpunkt – davon aus, dass man erst etwas „geworden“ ist, wenn man zu dem einen Prozent der Menschheit gehört, die einen Porsche spontan mit Bargeld bezahlen. Nur weil es Amorusos Weg war, bedeutet das noch lange nicht, dass er allgemeingültig ist. Obwohl sie das nie behauptet, schwingt es doch in jeder Zeile mit. Damals war ich arm, finanziell abhängig und wusste nicht wohin mit mir, heute bin ich Millionärin und mit den schönsten Frauen im Fashion Business befreundet. 

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Abgesehen von ihren fragwürdigen Businesstipps – wenn du ein Business gründen willst, gibt es abertausende Bücher mit richtigen Finanzierungsmodellen und Marketingtricks – ist das Buch für eine langweilige 4 Stunden Busfahrt mit Eurolines nach Paris gut geeignet. Ich habe es in einem Zug durchgelesen und war – trotz der teilweise erzürnenden Aussagen – zeitweise sogar gefesselt. Amoruso hat Persönlichkeit, das merkt man an ihrem Schreibstil. Sie hat einen außergewöhnlichen Modegeschmack und ja, sie hat auch ihr eigenes Business aufgebaut. Letzteres war das, was mich an ihrer Geschichte am wenigsten interessiert oder gar beeindruckt hat. Spannender fand ich die Schilderungen ihres “ganz normalen” Lebens und Liebens. Absätze, in denen sie mir Einblicke in ihre Gefühlswelt gewährte und weniger davon besessen schien, die taffe Businessfrau zu mimen.

While this all may sound extreme, it didn’t seem that way to me at the time. I’d felt like an outsider my entire life, in every school and at every job, and had finally thrown in the towel on finding anyplace that I completely belonged. Discomfort was where I was most comfortable.

Besser. Viel besser. Amoruso rät allen #GIRLBOSSes besser heute als morgen damit anzufangen, sich selbst zu akzeptieren. Du, in jeder Ausprägung deiner Selbst, bist alles, was du je sein wirst. And you better start dealing with it. 

Fotocredit: Flickr und Instagram