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Helena kommt zur Arbeit, sie stellt die Tasche wie gewöhnlich neben ihrem Schreibtisch ab. Sie setzt sich hin, dreht den Computer auf, wartet bis er langsam hochfährt und das Passwort verlangt. Vc7Zg. Sie schaut auf ihr Handy, keine neuen Nachrichten, auch keine Meldungen auf Twitter. Dabei war das letzte Posting doch recht lustig, wahrscheinlich teilt einfach niemand denselben Humor. Helena überlegt sich einen Tee zu holen, dafür muss sie den Gang entlang, an den Zimmern von Claudia und Thomas vorbei. Vorgestern war Helena beim Frisör, es wurde doch ein wenig kürzer als erwartet. Helena hatte schon länger überlegt etwas an ihren Haaren zu verändern, es war immer dasselbe, nicht schon wieder, nicht dieses Weihnachten auch noch auf den Familienfotos. Der neue Schnitt gefällt ihr, auch die Farbe ist gut getroffen. Dunkler als sonst, es betont ihre blauen Augen.

Auf halbem Weg kommt ihr Claudia entgegen. Da ist wohl jemand beim Friseur gewesen, Claudia redet nicht gerne um den heißen Brei. Helena sagt ja, was soll man auch sonst darauf sagen, denkt sie, bei dieser Offensichtlichkeit. Claudia will die Frisur auch von hinten sehen, sie dreht eine Runde um Helena. Die Spitzen wären zwar jetzt gesund, dafür einen Tick zu ausgefranst. Der gerade Schnitt, so wie Helena ihn immer getragen hatte, gefiele ihr besser. Helena hat nicht gefragt. Die Farbe wird sich noch schön verwaschen, sodass es in ein paar Wochen natürlich aussieht, erklärt Claudia. Helena nickt, das stimmt, Farbe wäscht sich immer aus, egal wie viel man bezahlt und überhaupt sieht ein Schnitt erst dann richtig gut aus, wenn er sich an die Pflegegewohnheiten der Trägerin anpasst, ein paar mal zu oft gebürstet und zu heiß geföhnt wurde.

Helena vergisst auf den Tee, sie biegt rechts ab, geht ins Badezimmer und beobachtet sich im Spiegel. Das gelbe Licht scheint von schräg oben in ihr Gesicht. An der Schläfe sitzt ein Mitesser, die Augenringe sind immens. Die Haare wirken irgendwie künstlich, fast wie eine Perücke, jetzt wo Claudia es sagt. Eigentlich hat Claudia ja recht, sie muss nur ein wenig Geduld haben und abwarten. Bald wird es wieder aussehen wie vorher, Helena zupft sich die Stirnfransen zurecht und richtet ihren Schal. Den Lippenstift hat sie zu Hause gelassen, beim Schnäuzen bleibt er nie dran. Sie geht zurück auf ihren Platz, holt einen Apfel aus der Tasche, dreimal täglich Obst muss sein, siebzehn neue E-Mails im Posteingang.

Thomas klopft an, Helena sagt herein, die Tür wird geöffnet, es wäre noch etwas zu tun für die Firma Linder. Die neue Frisur fällt Thomas nicht sofort auf, erst beim Näheren hinsehen, näher hingesehen hat er bei Helena noch nie. Doch schon, die Frisur hat einen schmälernden Effekt auf ihr Gesicht, man sieht sogar die Struktur der Wangenknochen.

Helena wünscht sie hätte den Termin gestern abgesagt. Dann wäre sie heute wie immer nach dem Einschalten ihres Computers in die Küche gegangen, hätte sich einen Tee gemacht und mit Claudia über den Einkaufssamstag mit ihren Kindern gesprochen. Es wäre nicht um sie gegangen, das ist ihr ganz recht. Stumm säße Helena auf ihrem Schreibtischstuhl um heimlich Blogeinträge zu lesen, bevor der Chef im Nebenzimmer sie aus Langeweile zu einer gemeinschaftlichen Zigarette auf dem Balkon überreden würde.

Stattdessen darf sie endlich erfahren, wie ihr Gesicht aussieht oder nicht, wie weiblich oder nicht sie nicht ausgesehen hätte und wie der neue Schnitt ihre ohnehin zu große Nase unvorteilhaft in den Mittelpunkt rücken würde oder nicht.

Sie hofft, dass Thomas die Haare ausfallen werden wie Prinz William. Nur schneller. Claudia wird bei Bedarf in einen Kaugummi steigen, da ist Helena sicher.