Natürlich ist es sehr viel verlangt, alle diese Hintergründe und Zusammenhänge zu berücksichtigen. Allerdings erwarte ich von jemandem, der sich als Coach im Bereich Mental Health betätigt, genau das. Mein Lösungsvorschlag an dieser Stelle wäre: Entweder machen sie einen tatsächlich validen Abschluss in Psychologie oder sie hören auf, die psychischen Probleme anderer Menschen mit ihrem Laienwissen in den Griff bekommen zu wollen. Gerade, wenn ich eine Reichweite oder Community habe, wie Laura Seiler sie hat, habe ich eine Verantwortung und muss mir dieser auch bewusst sein. Da kann ich nicht hingehen und öffentlich völlig pauschalisierte Dinge von mir geben, die Themen rund um die Psyche betreffen. Gerade, wenn sie Psychologie studiert hätte, oder zumindest mehr gelesen hätte also diese ganzen Esoterik geschwängerten Coaching-Lehrbücher, wäre ihr klar, dass Eltern und die Beziehung zu ihnen ein heikles Thema ist. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die meisten Täter aus dem familiären Umfeld kommen. Die Chance, mit den Worten zu dem Thema jemanden ultimativ zu triggern, ist einfach nahezu lächerlich hoch. All das wüsste sie, wenn sie sich tatsächlich mal mit der Tragweite ihres Tuns beschäftigen würde. Gerade, wenn man sich die aktuelle Statistik zum Thema häusliche Gewalt anschaut, sieht man: Ich bin kein “Einzelfall”. Die Chance, mit ihren Worten ein Opfer zu erreichen, ist viel höher als sie sein dürfte. Eben auch, weil Menschen mit irgendeiner Form von Vorgeschichte für diese Coaches viel offener sind. Laura müsste das wissen. Oder es ist ihr schlicht egal.

Zu deiner Überlegung: Ich glaube, dass der Leistungsdruck unserer Gesellschaft so viele Menschen so empfänglich für Lauras Worte macht. Darüber hinaus können wir doch auch ehrlich sein: Ihre Podcast-Mantras funktionieren wie Horoskope in Frauenzeitschriften. Vage genug formuliert, hat das Gesagte immer Gültigkeit bzw. Wahrheitsgehalt, egal in welcher Situation sich diejenige gerade befindet. Es streichelt die Seele in einem Alltag, in dem es oft darum geht, abzuliefern, in welcher Form auch immer. Im Grunde durften da die gleichen Mechanismen hinter stecken, aufgrund derer irgendwelche Gurus schon seit Jahrhunderten Massen um sich scharen.
Zumal das, was Laura sagt, die Leute ja nicht wirklich stärkt. Gestärkt wären sie, wenn sie nach dem ersten Impuls allein weiterlaufen könnten. Aber das tun sie ja nicht. Meiner Beobachtung nach bleiben viele derer, die die Academy und ersten Kurse absolviert haben, bis heute treu folgende und zahlende Kunden. Statt tatsächlicher Stärkung wird also eigentlich eher eine Abhängigkeit erreicht.

Liebe Grüße!