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23. November 2018
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Disclaimer: dieser Text und das Transkript sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht via Screenshot auf Social-Media weiterverbreitet werden. Das Teilen des Links mit einem kurzen Teaser hingegen ist okay. Danke für euer Verständnis – und jetzt viel Spaß!

Ich war beinahe unbefangen, im Frühjahr dieses Jahres, als ich zum ersten Mal über den Podcast „Happy, Holy and Confident“ von Laura Melina Seiler stolperte. Klar, der Name mutete ein wenig seltsam an (warum denn gleich holy?), und die lächelnde Schneidersitzpose auf dem Cover entsprach auch nicht unbedingt meinem ästhetischen Empfinden. Aber ich wollte nicht so sein – und statt meinem ersten Eindruck lieber dem boomenden Podcast einer engagierten Frau eine Chance geben. Ein bisschen Meditation und positives Denken, so dachte ich, könnte selbst mir nicht schaden.

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Während ich vollbepackt durch den Supermarkt lief und nach einer frischen Salatpackung suchte, erzählte mir holy Laura etwas über Vergebung. Es handelte sich um eine Folge, in der die Zuhörerinnen lernen sollten die Beziehung zu ihren Eltern positiv zu gestalten. „Ein Thema“, das laut Laura so oder so ähnlich „jeden von uns betrifft.“ Hängen geblieben ist, dass man seinen Eltern keine Schuld für irgendetwas in seinem Leben geben kann. Man ist selbst verantwortlich für das Leben, das man führt.

„Wofür deine Eltern verantwortlich sind, ist, dass sie dir dein Leben geschenkt haben. Ja, dafür sind deine Eltern verantwortlich. Alles andere, ab diesem Punkt, ab dem Moment wo du alleine in der Lage warst, zu gehen, zu stehen, zu essen, Entscheidungen zu treffen, bist du selbst für dein Leben verantwortlich.“

Laura Himbeere Seiler

Nach dieser Podcastfolge, so Himbeere, solle man seinen Eltern erstmal einen riesengroßen Blumenstrauß schicken, um sich für dieses Geschenk (das man eventuell gar nicht wollte?) zu bedanken – und dann ratzfatz Verantwortung für sein eigenes Leben übernehmen. Nach 25 Minuten habe ich den Podcast abgebrochen. Ich hatte ein komisches Gefühl beim Zuhören, ohne es konkret benennen zu können. War es wirklich so einfach? Musste man sich die eigenen Eltern lediglich als Menschen vergegenwärtigen und schwupps, war die Sache mit den negativen Gefühlen erledigt? Zuhören. Einatmen. Blumen schenken. Problem gelöst.

Ich frage mich, wie sich Menschen bei diesen Worten fühlen müssen, die psychisch oder physisch missbraucht wurden – und sei es noch so lange her. Klar wäre es schön, wenn auch diese Menschen vergeben könnten. Nur: was, wenn es nicht gelingt? Wenn doch sehr große Teile ihres heutigen Daseins noch immer von der Vergangenheit beeinflusst werden – und eigentlich eine ordentliche Therapie hermüsste? Was tun, mit den Schuldgefühlen darüber, trotz all der Anstrengung kaputt zu sein?

Dass wir Verantwortung über unser Leben übernehmen müssen, stimmt prinzipiell. Aber wer ernsthaft psychisch krank ist und an Depressionen leidet, wird genau das oft nicht so selbstverständlich tun können, wie es Laura Seiler aus ihrer privilegierten Position heraus predigt.

 

„Und wenn mich meine Mutter mit 3 Jahren verprügelt hat, muss ich ihr dann schlicht vergeben. Und wenn mich mein Vater misshandelt hat, sage ich: Ich liebe dich. Danke.“

Auszug aus einer DM

 

Das Nicht-Fassbare an Seiler ist für mich und viele andere ihre vermeintliche Harmlosigkeit. „Schadet ja nicht“, sagen meine Kritikerinnen. „Was hast du da schon mitzureden, Bianca“. Es hat noch ein weiteres halbes Jahr gedauert, bis ich selbst verstanden habe, was mir aufstößt. Es ist die Gier danach, verzweifelte Menschen in zahlende Kunden zu verwandeln, ohne ihre individuelle Situation zu berücksichtigen. Und zwar zu welchen, denen es nicht so bald besser gehen wird, denn wenn es ihnen besser gehen würde, wären sie keine Konsumentinnen mehr. Sie würden sich nicht das zweite Buch kaufen („Schön, dass es dich gibt“), das im Grunde dasselbe aussagt wie das erste („Mögest du glücklich sein“ – auch hier das Wording straight outta hell, sorry, heaven) und verstehen, dass auch die ständige Optimierung des Innersten nichts weiter ist als das: Optimierung und Victim-Blaming. Aber dazu kommen wir noch.

Das Problem – und es betrifft natürlich nicht nur Himbeere (Malina heißt Himbeere auf Slowakisch, falls sich wer fragt) – ist, dass sich heutzutage sehr, sehr viele profitable und weniger profitable Online-Businesses darum drehen, anderen in einer One-Size-Fits-All-Manier zu helfen. „Ich helfe dir dabei, dein Warum zu finden“, „Ich zeige dir, wie du achtsamer mit dir und deiner Umwelt umgehen kannst“, „Ich zeige dir, wie du Glück und Zufriedenheit findest“. Es sind die immerselben Versprechen, die meist von weißen Personen mit Kartoffelnamen und (zu) selbstgerecht lächelndem Profilfoto verkauft werden, die dabei südostasiatische Kulturpraxen missbrauchen (Namaste?! You serious?).

 


Achso, der latente Rassismus noch am Rande.

Sie sind es auch, die nicht-fair-produzierte gebundene Kalenderspruch-Binsenweisheiten für 25 Euro auf Amazon verkaufen (so viel zum heiligen Thema “geben”), in denen so schlaue Sätze stehen wie: „Dein Körper ist das Zuhause deiner Seele“, „Verliebe dich ins Leben“, „Es tut mir leid. Bitte vergib mir. Ich liebe dich. Danke.“, „Bevor die Sonne untergeht, vergib“ oder, mein Favorit: „Ich werde jeden Tag freier und freier“.

„Sobald du gedanklich zu dem Teil, der erschaffen hat, wie du deine Mutter erlebst, sagst: „Es tut mir Leid – bitte vergib mir – ich liebe dich – danke“ und diese Worte tief in deinem Inneren bewegst (…), wirst du bemerken, dass in deinen Gehirnregionen der Krieg zwischen deiner Mutter und dir geheilt wird.“

 

Ein Auszug der Seite, von der Himbeere das Eat-Pray-Love-Zitat eventuell geklaut hat – genau kann man es nicht sagen, schließlich klingen sehr viele Coaches in ihren Ansagen gleich. Fast so, als ob sie alle einer geheimen Sekte entspringen, die Lebensfreude, Zufriedenheit und Holyness im Flatrate-Tarif anbietet. Achso, ursprünglich stammt der Spruch aus dem hawaii’anischen Ho’oponopono-Ritual.

Spiritualität ist die neue Religion, das neue Opium fürs Volk, und ich muss leider sagen: wer solchen Mist wie Seilers Journaling-Kalender bei Amazon kauft, um sich „freier zu fühlen“, wird eines ganz sicher nicht werden: frei. Denn dort, wo an sich gute Intentionen zu barem Geld gemacht werden, zieht eines ein: die kapitalistische Verwertungslogik des freien Marktes, die Himbeere recht früh erkannt und für sich einzusetzen gefunden hat.

Wenn Himbeere eines ist, dann eine schlaue Geschäftsfrau. Statt sich noch länger selbst mit dem Texten zu plagen, hat sie die kreative Kritzelei lieber ausgelagert (Information liegt mir vor) und ein Team von unterschiedlich gut bezahlten Freigeistern angeheuert, die sich um so Dinge wie Onlinemarketing, Grafik und die Verbreitung der Marke auf Social Media kümmern. So kann die Oprah Winfrey Berlins (Zitat Rowohlt, ok wtf) durch die Gegend touren, einst renommierten Verlagshäusern Kohle mit ihrer Aura einbringen und quasi im Vorbeigehen psychisch kranke Menschen via Facebook Live-Session heilen, äh, coachen.

 

„Ja, ich muss zugeben, dass sie mir damals zu helfen schien. Nur wenn man länger dabei lebet, dann muss man doch merken, dass das alles nur Wiederholung und vor allem leeres Gelaber ist.“

Auszug aus einer DM

 

Zu Recherchezwecken habe ich mir eine dieser Sitzungsaufzeichnungen angehört, um auch auf Nummer sicher zu gehen, dass ich hier keinen Mist verzapfe. Am allerliebsten beugt sich die nahbare Guru natürlich runter zu ihren Fans und bearbeitet in herzzerreißenden Sessions („Wie du die wahre Ursache hinter deinem Problem findest“ – man liebkose den Clickbait) die großen und kleinen Probleme der treuen, sicherlich verzweifelten und durchaus akademisch gebildeten Gefolgschaft.

Zumindest, solange sie nicht länger als 12 Minuten dauern. Schnell aus der Ferne zugeschaltet ist Laura Himbeere Seiler ganz nah bei der Sache und schmeißt einer Person, die nicht sicher ist, ob sie ihr Zahnmedizinstudium wegen psychischen Problemen beenden oder wechseln soll, Ratschläge entgegen, die in dieser Qualität auch von der eigenen ahnungslosen Nachbarin stammen könnten. Hin und wieder trifft jeder ins Blaue!

Das Gespräch beginnt mit dem üblichen „Schön, dass du da bist“, dass uns allen ein warmeliges Gefühl in dieser kalten, neoliberalen Welt vermitteln soll. Ob die Probandin bereits eine Diagnose erhalten hat, wird seitens Himbeere nicht abgefragt – dabei besagen das die Coaching-Regeln. Zu ihrem Glück hat die Probandin den Fehler nicht bemerkt und „Lauras Glaubenssätze“ bereits erfolgreich inkorporiert.

„Der Stress überrollt mich manchmal. Dann kann ich gar nicht genießen, was ich lerne. Ich versuche mehr an mich zu glauben, ich mach auch grad die (nuschelnd) Kurse (?), ich bin gerade bei Tag 5, und wenn etwas nicht klappen sollte, geht davon die Welt nicht unter“ sagt die angehende Medizin-Studentin. „Hast du Tipps, wie ich da bei mir bleibe und dieses Studium genießen kann?“

An dieser Stelle folgt nun ein durchaus mühsames Transkript des Coachings, damit ihr hinterher meine Einordnung verstehen könnt.

 

LMS: „Was ist der Gedanke, der dich unter Stress setzt?“
XY: „Dass ich nicht gut genug bin.“
LMS: „Der Gedanke ist da: Wenn ich durch irgendeine Prüfung falle, dann bin ich nicht gut genug, quasi. (…) Kennst du das in deinem Leben, dass du Leistung an Liebe knüpfst? Oder dass Liebe an Leistung geknüpft ist?“

XY: „Von meinen Eltern überhaupt nicht. Die sind da super-liberal. Eigentlich nicht, aber ich würde sagen, vielleicht die Liebe zu mir selber. Wenn überhaupt würde ich das in Betracht ziehen.“

Beide gackern freundschaftlich. Die Probandin gluckst erfreut: „Manchmal macht es einfach Klick.“

LMS: „Hattest du irgendwann in deinem Leben Momente, wo du das Gefühl hattest, dass du dir nur die Liebe gibst, wenn du etwas Bestimmtes erreichst?“

XY: „Fällt mir so spontan nichts ein.“

..

XY: „Wenn überhaupt, dann fällt mir noch ein ich hatte zu Abizeiten pfeiffersches Drüsenfieber, und das war eine superblöde Situation, weil ich dieses Abi machen wollte – aber nicht konnte. Das war eine superblöde Erfahrung.“

LMS: „Erzähl mal, was genau war daran blöd?“

XY: „Ich saß da ständig in der Schule und es ging mir superschlecht und ich hatte das Gefühl, ich muss jetzt hier abliefern, sonst mach ich dieses Abi nicht. Ich wollte anfangen zu studieren. (…) Was noch dazu kommt, ich habe das blöde Gefühl von Zeitdruck, dass ich jetzt dieses Studium anfangen muss. Ich bin 22, ich hab ja schon was gemacht (Zahnmedizin), ich mach jetzt was anderes (Humanmedizin), und hab mich ein Jahr „ausgeruht“ wegen dieser blöden Erfahrung und muss sagen, ich hab deshalb so einen inneren Stress, dass ich das jetzt erledigen muss – aber in Lernsituationen nicht so an mich glaube.“

LMS: „Lass uns kurz zu der Abizeit zurückgehen. Da waren gerade so viele Emotionen in dir, da hat sich etwas verändert, in deinem Bewusstsein. Und du hast vorhin gesagt: „wenn ich das nicht zu Ende mache, dann ….“ – und dann hast du über etwas anderes weitergeredet. Was wäre denn passiert, wenn du dein Abi nicht zu Ende gemacht hättest?

XY: Dann verlier ich Zeit.

LMS: Was passiert, wenn du Zeit verlierst?

XY: Nichts.

LMS: Was hast du gedacht, das passiert, wenn du Zeit verlierst?

XY: (überlegt länger) Dann verpasse ich, selbstständig zu werden.

LMS: Und warum ist es dir so wichtig, selbstständig zu werden?

XY: Vielleicht um mir selber was zu beweisen? Dass ich selbstständig sein kann.

LMS: Das ist megaspannend. (…) Offensichtlich ist es für dich extrem wichtig, selbstständig zu sein. Das ist ja ein Bedürfnis von dir gerade. (…) Woher kommt dieser starke Wunsch, selbstständig zu sein? Kennst du dieses Gefühl in deinem Leben, dass du dass Gefühl hast, du bist nicht ganz frei? Dass du nicht aufstehen kannst, wie du möchtest?

XY: Kenn ich. Mit meiner Mama.

LMS: Dann bist du da, wo du hinmusst (klatsch hörbar befriedigt auf ihre Oberschenkel). Das musst du auflösen. (…) Den Stress, den macht nicht dein Studium. Du machst dir den Stress, weil du dich eigentlich von der Bindung zu deiner Mama befreien möchtest. (…) Kannst du beschreiben, was es ist?

XY: WEINT INZWISCHEN. Es ist ganz, ganz liebevoll aber … ich bin die Ältereste von dreien und es ist einfach zu viel.

LMS: JA JA JA! Du bist am Kern. Du bist da, wo du hinmusst. Du schaffst dir jedes Mal eine Situation, wo du dich mit befreien möchtest, (…) aber hast trotzdem diese Angst: Was ist, wenn ich mich befreie? Zack, Unterbewusstsein, wir überlegen uns mal Pfeiffersches Drüsenfieber, weil dann bestehen wir das Abi vielleicht gar nicht und bleiben in dieser Verbindung zu ihrer Mutter. Das ist etwas, das dich immer beschützt hast. Es gibt dir diese Sicherheit. Und jetzt kommt das gleiche wieder: „Geil, ich studier’ Medizin“ – und sofort kommt dieses Gefühl: „Scheiße, was ist, wenn ich dieses Studium nicht schaffe?“ Das ist überhaupt nichts mit diesem Studium, sondern die Frage ist eigentlich: „Scheiße, was wenn ich es wieder nicht schaffe, mich zu befreien.“ Das ist eigentlich, was dir Stress macht.

XY: WEINT WEITER. Super. Du hast mir dabei geholfen etwas zu klären, das ich seit 5 Jahren versuche in meinem Kopf zu lösen.

11 MINUTEN COACHING hat also das Leben der Probandin auf die Kette bekommen. Wie dumm die doch sind, die seit Jahren in Therapie gehen. Einmal telefonieren mit Laura, und schon wären sie geheilt! Danach spricht Himbeere noch ein bisschen über unser Unterbewusstsein als „liebevolles Miststück“ und die Solidarität zur „weiblichen Linie“ in der Familie. Nach dem Live-Coaching, so Himbeere, soll die Probandin nochmal zu ihrer Mama fahren und sagen: „Mama, du hast alles richtig gemacht, aber ich möchte jetzt frei sein. Ich danke dir für deine Liebe, aber ich breite jetzt meine Flügel aus und flieg los. Nicht, weil ich dich nicht liebe, sondern weil ich dich so sehr liebe.“

PROBANDIN HEULT WEITER. Später, so Himbeere, sei bestimmt “der ganze Druck” weg. Weil die Probandin „nichts mehr im Außen braucht, das sie befreit“. Weil sie „sich befreit hat“. Die Probandin könne nun laut Himbeere studieren, was sie wolle (großartig, oder?) – oder “zehn Jahre durchs Land reisen”. Coaching Ende. Ob die Probandin nun wirklich stressbefreiter studieren kann? Wir, ja, Laura wird es nie erfahren. Denn damit endet auch schon die persönliche, herzerwärmende Betreuung, die jegliche Realität des Studentenlebens (Geldnot, Burn-Out, Klausuren und Konkurrenz) außen vor lässt. (Und dass man eventuell auch mal mit Mitte-Ende-Zwanzig wird Geld verdienen müssen. Auch so ein Weg in die Freiheit)

Okay, Moment mal. Von vorne: eine junge Frau, die ihr Studium aus gesundheitlichen Gründen gewechselt hat, kommt zu Himbeere und erzählt von ihrer neuentfachten Unsicherheit – und am Ende ist der Stress, den die Probandin eventuell auch aufgrund des großen Leistungsdrucks erfährt darauf zurückzuführen, dass sie sich a) nicht genug selbst liebt und b) nicht von ihrer Mutter befreien konnte? Wo kam denn die Mutter plötzlich her? Wie ausführlich hat sich Himbeere wirklich mit der Vergangenheit der Probandin auseinandergesetzt, um solch vorschnelle Urteile fällen zu können? Vermutlich gar nicht, denn die beiden Frauen kennen sich nicht.

Ich bin selbst keine Psychologin oder Psychotherapeutin, kann hier also nur auf meine eigene Erfahrung zurückgreifen und die sagt mir klar: jede Therapeutin, die bereits in der ersten Sitzung Diagnosen stellt oder vorschnelle Schlüsse zieht, sollte gewechselt werden. Das ist die Red-Flag unter all den Zeichen, auf die man bei Psychotherapeutinnen achten sollte (ein Artikel dazu hier).

Ethisch bedenklich und fachmedizinisch äußerst schwach argumentiert finde ich auch, dass Himbeere das pfeiffersche Drüsenfieber der Probandin in einen Zusammenhang mit ihrer vermeintlichen Unfähigkeit bringt, sich “selbst zu befreien”. Was auch immer das im Spätkapitalismus bedeuten soll. Ja, wahrscheinlich bekommt man deshalb auch Krebs. Wundern würde mich auch diese an den Haaren herbeigezogene Floskel-Kausalität von Himbeere wenig, der Körper ist schließlich “der Tempel deiner Seele”.

Aber wieder zum Drüsenfieber: Ich hatte mit 17 vor dem Abi lustigerweise ebenfalls pfeiffersches Drüsenfieber, und das lang hauptsächlich daran, dass ich jedes Wochenende mit jemand anderem geknutscht hatte. Eine typische Teenager-Krankheit, die rein symptomatisch nichts mit Versagensängsten zu tun hat. „Der Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers ist das Epstein-Barr Virus (EBV), welches zu den Herpesviren gehört“, schreibt die Apotheken-Umschau. „Die Ansteckung mit dem Epstein-Barr Virus erfolgt in erster Linie oral, das heißt durch Speichelkontakt, wie es zum Beispiel beim intensiveren Küssen der Fall ist.“

Schulmedizin hin oder her: Seiler kann ihre alternativen „heilbringenden Methoden“ und deren Wirksamkeit nicht beweisen, weil sie diese nicht in einem angemessenen, wissenschaftlichen Maß empirisch überprüft. Und dann fragt auch noch keiner nach – Win, Win! Zudem kennt sie weder die Vergangenheit der Probandin, noch weiß sie, woher der Stress wirklich rührt. Dafür braucht es mehr Zeit. Eine Plattform abseits meiner Instagram-DMs gibt es leider auch noch nicht, wo sich von Himbeere Geschädigte oder Verarschte melden könnten.

Himbeere mag zwar charmant sein und Aufmerksamkeit schenken. Auch ihre Fragen sind auf den ersten Blick nicht schlecht. Gleichzeitig: Who is she to judge? Was qualifiziert sie dazu, im Leben von tausenden von Menschen herumzupfuschen? Lesen wir mal nach: “2015 schloss sie ihre Ausbildung zum Life Coach an der Dr. Bock Coaching Akademie in Berlin ab und ist seit März 2016 als Coach selbstständig” – steht auf ihrer Website. Coach ist in Deutschland ein sogenannter freier Beruf, so wie beispielsweise auch Journalist.

Genau hier wird es schwierig. Es gibt keine einheitlichen Berufsstandards, auf die Laien achten könnten. Jeder und jede kann sich nach einem netten Wochenendseminar so nennen und seine Sichtweisen in die Welt posaunen. Carl Cederström kritisiert diese Praxis in seinem Werk „The Wellness Syndrom“: “Auch wenn man keinen Schwerpunkt ausmachen kann, so basieren doch alle Formen von Coaching auf einer spezifischen Idee, die vom positiven Denken übernommen wurde, das behauptet, dass das Individuum die Fähigkeit hat, sein inneres Potential freizusetzen. In seiner Gesellschaftsdiagnose der USA der siebziger Jahre setzte Christopher Lasch diese Idee in Beziehung zu der ‘Human Potential Movement’ und ihrer Konzentration auf Selbsterfahrung und menschliches Wachstum.” Dieses Thema ist gang und gäbe unter den heutigen Life Coaches.

 

Per Videochat Live-Tipps für 1500 Euro zum inneren Ich bekommen, das Himbeere nicht kennt – Willkommen in der Coachinghölle

Auszug aus einer DM

 

Auch Himbeere ist missionarisch dabei ihre Gefolgschaft davon zu überzeugen, dass sie bessere Versionen ihrer selbst werden können. Statt zu fragen, was wir eigentlich wollen, so kritisiert die Soziologin Arlie Hochschild, lagern wir diese Fragen auf uns fremde, und scheinbar doch nahe Menschen aus.

Und hier kommen wir zum nächsten Problem: wer sind die Menschen, die sich fragwürdigen Fix-Me-Coachings wie diesen zuwenden? „Je besorgter, isolierter und zeitberaubter wir sind, desto wahrscheinlicher wenden wir uns bezahlten persönlichen Dienstleistern zu. Um diese Extraservices zu finanzieren, arbeiten wir länger.“

 

„Kennst du dieses Gefühl in deinem Leben, dass du dass Gefühl hast“

Quote Laura Himbeere Seiler

 

Im Falle von Himbeere kostet das dann: 49 € für den Higher Self Workshop, 250 € für vier Q&A-Aufzeichnungen (!!), 900 Euro für das Bonusmaterial und die Aufzeichnungen, 3.500 € für den vierwöchigen Online-Kurs und – ganz wichtig – UNBEZAHLBAR für die tolle Rise Up & Shine Community. Witzig ist, dass statt dem eigentlichen Wert des Kurses (4.699) eine Variante herumgeistert, in der man alles für nur 329 € bekommt. Was jetzt, Himbeere, verschenkst du dein kostbares Material also am Ende doch, weil es keiner kauft?

 

Nichts für ungut, I’m all up for earning money and shit. Nur: seit wann heißt es eigentlich werde der nächste Coaching-Millionär? Ist Topmodel sein schon wieder out? Himbeere hat nach ihrer steilen Karriere zahlreiche Nachahmerinnen gefunden, die auf der Happy-Plattform Instagram ihr Unwesen treiben und vermutlich nicht selten mehr an ihrem eigenem Wohlstand, als dem Wohl ihrer Klientinnen interessiert sind. Easy Money Quick lautet das Motto, wenn man erst die richtige Zielgruppe angezogen hat.

Statt anzuerkennen, dass sich manche, aber längst nicht nicht alle Probleme wegatmen, wegdenken oder durch eine “gute Beziehung zu sich selbst” lösen lassen, versuchen Himbeere und Co. die Verantwortung auf das Individuum zu schieben. Dann können diese später auch nicht enttäuscht zurückkommen, und sich beschweren.

„Radical self-love”—the insistence that, in spite of all evidence to the contrary, we can achieve a meaningful existence by maintaining a positive outlook, following our bliss, and doing a few hamstring stretches as the planet burns. The more frightening the economic outlook and the more floodwaters rise, the more the public conversation is turning toward individual fulfillment.“ 

Laurie Penny

 

Und genau damit wird Life-Coaching zur Ideologie. Denn sie geht davon aus, dass Existenzkrisen, Depressionen, biopolare Störungen und Ängste in erster Linie von mangelnder Willenskraft oder fehlendem Selbstvertrauen zeugen, das sich durch Kurse aneignen lässt. Dass auch äußere Umstände, wie ein toxisches Arbeitsumfeld oder ein neurountypisches Gehirn dazu beitragen können, dass wir uns schlecht fühlen, wird ignoriert.

Na denn: Namaste and rock on.

Manchmal glaube ich, dieser Gesellschaft ist im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr zu helfen.

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  1. Antworten

    Sehr spannender Diskurs! Man merkt wirklich, wie viel Mühe du dir gemacht hast, danke dafür.
    Eine Sache würde ich gern ins Verhältnis setzen. Und zwar die Sache mit der Eigenverantwortung und den Eltern:

    „Und wenn mich meine Mutter mit 3 Jahren verprügelt hat, muss ich ihr dann schlicht vergeben. Und wenn mich mein Vater misshandelt hat, sage ich: Ich liebe dich. Danke.“

    – Selbstverständlich ist Vergebung in diesem Punkt ein ganz mieser Rat für schwer traumatisierte Menschen. Aber: Ich halte diesen Vergleich für unzulässig. Hier wird das maximale Unglücksszenario herangezogen, um eine Aussage zu bewerten, die ohnehin keine Allgemeingültigkeit besitzt. Das grundlegende Prinzip von Eigenverantwortung ist ja durchaus richtig: Wer sich an die Vergangenheit klammert, kommt in der Gegenwart schlechter zurecht. Aber: Es muss immer der Individualfall berücksichtigt werden.

    • Michelle
    • 23. November 2018
    Antworten

    Ich habe den Podcast sehr lange interessiert verfolgt. Deswegen weiß ich auch, dass man das nicht tut, wenn man halbwegs glücklich ist, sondern das er natürlich für Leute gemacht ist, die nach einer Antwort suchen. Einige ihrer Aussagen finde ich okay so, ich habe auch Einiges überdacht durchs Hören. Fraglich, ob mir diese Erkenntnisse nie gekommen wären, wenn ich nicht DIESEN Podcast entdeckt hätte – bestimmt auf anderem Wege.

    Allerdings muss man sagen, dass die meisten Dinge, die als gut gemeintes (Herzens)Projekt beginnen, seltsame Züge annehmen, wenn einer merkt: Ey, das gibt ja richtig viel Geld. Und ja, es ist einfach, jemanden in einer schwierigen Lage etwas teuer zu verkaufen, das hat uns die Kirche schon vor hunderten Jahren beigebracht und heute sieht man’s eben überall. Und: Marketing ist alles, is ja geschäftsschädigend zu sagen, wie viele Leute meine Pille nicht gesund gemacht hat und das auch konventionelle Therapien noch jemandem helfen.
    Die Message in dem Fall, da hast du Recht, aber eine gefährliche:
    Wenn ich nicht durch reine Meditation und Vergeben und Lach-Yoga meine Vergangenheit aufarbeite und Depressionen/Angststörungen/chronische Krankheiten als eine “wunderbare Lektion” sehen kann…bin ich dann richtig kaputt?

      • groschenphilosophin
      • 23. November 2018
      Antworten

      “Einige ihrer Aussagen finde ich okay so, ich habe auch Einiges überdacht durchs Hören. Fraglich, ob mir diese Erkenntnisse nie gekommen wären, wenn ich nicht DIESEN Podcast entdeckt hätte – bestimmt auf anderem Wege”

      VOLL. Vielleicht bin ich auch deshalb nicht “angesprungen”, weil ich die Erkenntnisse schon anderswo herbekommen habe, durch eigene Reflexion zum Beispiel, oder Gespräche. Manche Aussagen, wie du sagst, fand ich auch okay. Positives Denken, warum nicht. Aber genau das, was du am Ende schreibst, kann ich so nur unterstreichen:

      Wenn ich nicht durch reine Meditation und Vergeben und Lach-Yoga meine Vergangenheit aufarbeite und Depressionen/Angststörungen/chronische Krankheiten als eine “wunderbare Lektion” sehen kann…bin ich dann richtig kaputt?

    • Celsy
    • 23. November 2018
    Antworten

    Liebe Melina (die Kommentatorin ganz oben), hier winkt der maximale Unglücksfall.
    Ich wurde Opfer meiner Eltern. Mein Vater hat mich erst sexuell missbraucht und mich dann windelweich geprügelt, über Jahre. Meine Mutter ist eine Narzisstin wie aus dem Lehrbuch und keine große Hilfe.
    Lauras Zitat zum Thema Eltern ruft in mir genau die gleichen Gefühle hervor wie die Frage eines Therapeuten, ob ich die Handlungen meines Vaters nicht sogar provoziert hätte (ich war 14 und nach jahrelangem Martyrium endlich geflohen): Ohnmacht und Demütigung. Der Unterschied zwischen Laura und dem Therapeuten: Den Therapeuten konnte ich bei der zuständigen Kammer melden und er wurde aus dem Verkehr gezogen. Wer zieht Laura zur Rechenschaft? Sie handelt hier grob fahrlässig. a) haben solche Aussagen selbst für bereits therapierte und gefestigte Opfer wie mich ein hohes Triggerpotential. b) schiebt sie Opfern die Verantwortung für Dinge in die Schuhe, die außerhalb ihres Machtbereichs liegen. c) bergen solche Aussagen ein hohes Potential für eine Re-Traumatisierung.

    Das Problem dabei: Gerade Menschen wie ich, mit einem tief geschädigten Urvertrauen, sind für die Masche dieser Coaches extrem anfällig. Es besteht eine Vielzahl an möglichen Unsicherheiten, eventuell gibt es noch viele Dinge aufzuarbeiten. Gleichzeitig ist das Urvertrauen so angeknackst, dass diese freundschaftliche, pseudo-vertrauliche Art, dieses “zu mir herabbeugen” Balsam für die Seele. Wer da weniger reflektiert oder einfach noch sehr instabil ist, verhält sich wie die Motte zum Licht – nur, dass das warm wirkende Licht ein fieser Insektengriller ist. Aufwärmen und weiterfliegen ist gar nicht vorgestellt.

    Zum maximalen Unglücksszenario: Gewalt in Familien kommt so, so, so häufig vor. Allein 2017 sind 143 Kinder an den Folgen von Gewalt gestorben (der Bericht von der Pressekonferenz des Vereins Deutsche Kinderhilfe und des BKAs wird hier verlinkt, Quelle und so: https://amp.focus.de/familie/mobbing/auswertung-der-kriminalstatistik-2017-gewalt-gegen-kinder_id_9040177.html).
    Soll heißen: Biancas Szenario ist für viele, viele, viele Alltag (gewesen). Umso gefährlicher ist dieses unreflektierte, undifferenzierte Vorgehen der Coaches.

    Liebe Grüße!

    1. Antworten

      Danke dir für das Statement! Absolut nachvollziehbar!

      Was mich an der ganzen Geschichte so umtreibt und interessiert: Warum gibt es in Deutschland Millionen von Menschen, für die alles, was Laura Seiler sagt, motivierend und stärkend ist? Ich habe da keine Antwort drauf, mich selbst berührt es nicht. Nun bist du einer dieser Einzelfälle und das tut mir unendlich leid.
      Aber hältst du es nicht auch für unwahrscheinlich bis unmöglich, dass jemand alle diese Hintergründe in allen Aussagen unabhängig von Rahmen und Kontext berücksichtigen kann? Was wäre dein Lösungsvorschlag?

      Liebe Grüße,
      Melina

        • Celsy
        • 27. November 2018
        Antworten

        Natürlich ist es sehr viel verlangt, alle diese Hintergründe und Zusammenhänge zu berücksichtigen. Allerdings erwarte ich von jemandem, der sich als Coach im Bereich Mental Health betätigt, genau das. Mein Lösungsvorschlag an dieser Stelle wäre: Entweder machen sie einen tatsächlich validen Abschluss in Psychologie oder sie hören auf, die psychischen Probleme anderer Menschen mit ihrem Laienwissen in den Griff bekommen zu wollen. Gerade, wenn ich eine Reichweite oder Community habe, wie Laura Seiler sie hat, habe ich eine Verantwortung und muss mir dieser auch bewusst sein. Da kann ich nicht hingehen und öffentlich völlig pauschalisierte Dinge von mir geben, die Themen rund um die Psyche betreffen. Gerade, wenn sie Psychologie studiert hätte, oder zumindest mehr gelesen hätte also diese ganzen Esoterik geschwängerten Coaching-Lehrbücher, wäre ihr klar, dass Eltern und die Beziehung zu ihnen ein heikles Thema ist. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die meisten Täter aus dem familiären Umfeld kommen. Die Chance, mit den Worten zu dem Thema jemanden ultimativ zu triggern, ist einfach nahezu lächerlich hoch. All das wüsste sie, wenn sie sich tatsächlich mal mit der Tragweite ihres Tuns beschäftigen würde. Gerade, wenn man sich die aktuelle Statistik zum Thema häusliche Gewalt anschaut, sieht man: Ich bin kein “Einzelfall”. Die Chance, mit ihren Worten ein Opfer zu erreichen, ist viel höher als sie sein dürfte. Eben auch, weil Menschen mit irgendeiner Form von Vorgeschichte für diese Coaches viel offener sind. Laura müsste das wissen. Oder es ist ihr schlicht egal.

        Zu deiner Überlegung: Ich glaube, dass der Leistungsdruck unserer Gesellschaft so viele Menschen so empfänglich für Lauras Worte macht. Darüber hinaus können wir doch auch ehrlich sein: Ihre Podcast-Mantras funktionieren wie Horoskope in Frauenzeitschriften. Vage genug formuliert, hat das Gesagte immer Gültigkeit bzw. Wahrheitsgehalt, egal in welcher Situation sich diejenige gerade befindet. Es streichelt die Seele in einem Alltag, in dem es oft darum geht, abzuliefern, in welcher Form auch immer. Im Grunde durften da die gleichen Mechanismen hinter stecken, aufgrund derer irgendwelche Gurus schon seit Jahrhunderten Massen um sich scharen.
        Zumal das, was Laura sagt, die Leute ja nicht wirklich stärkt. Gestärkt wären sie, wenn sie nach dem ersten Impuls allein weiterlaufen könnten. Aber das tun sie ja nicht. Meiner Beobachtung nach bleiben viele derer, die die Academy und ersten Kurse absolviert haben, bis heute treu folgende und zahlende Kunden. Statt tatsächlicher Stärkung wird also eigentlich eher eine Abhängigkeit erreicht.

        Liebe Grüße!

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