Eigentlich wollte ich mich gar nicht zu diesem überstrapazierten Thema äußern. Statt den wenigen unfairen und voreingenommenen Passagen zu meinem Buch lieber die hunderten empowernden Nachrichten von Frauen aufsaugen, die seit dem Book-Release täglich in meinem Postfach landen.

Den Kopf hochhalten, “darüberstehen”, weglächeln. Wegsehen spätabends beim Google Alert.

An das Gute denken, das mit diesem Buch gekommen ist. Eine Community, die meine Erfahrungen in unterschiedlichsten Bereichen des Lebens teilt, diskutiert und vorfreudig auf die Arbeit ist, die ich leiste. Meine ganz persönliche Weiterentwicklung durch konstruktive Kritik. Das Lob meiner Lektorin, die immer hinter mir stand.

Wenn da nicht das ungute Gefühl wäre, etwas Essentielles an der positiven Gesamterfahrung verschwiegen zu haben: die am eigenen Leib erfahrene, nach diversen #MeToo-Debatten inzwischen sehr gut und nicht mehr offen sexistische Respektlosigkeit, die Frauen in der Literaturszene immer wieder begegnet.

Erst jetzt, drei Monate nach dem Erscheinen, steht es fest. Von den dreizehn Reviews, die in der Presse erschienen sind, wurden vier von Männern verfasst. Und, Überraschung: nur von ebendiesen vier Reviews kam der Zweifel an der “Richtigkeit” meines Werks. Bis auf einen ist keiner dieser Männer etabliert.

2018 im Leben einer Autorin: Männer, die selbst noch nie ein Buch geschrieben haben, zweifeln dein Buch an

Fangen wir doch mit den harmloseren Passagen von Erstsemester Jovin Barrer* an, der den Startschuss für die shady-pseudosubtile Abwertung aus den eigenen Reihen lieferte. Der anfangzwanzigjährige Ex-Watson-Mitarbeiter, den ich zweimal IRL getroffen habe, schreibt folgendes:

„Wir wurden nach Strich und Faden verarscht. Von der Welt, der Wirtschaft, dem Internet (…). Wem das noch nicht klar ist, soll das Buch von watson-Bloggerin Bianca Jankovska lesen.

Auf dessen Umschlag steht «Das Millennial Manifest». Was streng genommen eine Lüge ist. Denn so wie die Autorin die Generation zeichnet, der sie selber (und ich auch so ein bisschen, geboren 1996) angehört, kriegt man nicht das Gefühl, dass ebenjene Generation dazu fähig wäre, ein Manifest zu verfassen.“

Nicht nur wählt die Person von allen möglichen Begriffen ausgerechnet “Bloggerin”; nein, sie spricht dem Buch auch seinen Titel ab, indem sie – meiner Meinung nach nicht besonders stichpunkthaltig – erklärt, „unsere“ Generation – von der sie sich in ihrer schillernden Individualität gerne distanzieren möchte – sei gar nicht dazu fähig, ein Manifest zu verfassen.

Weißt du Jovin, zu was unsere Generation wirklich nicht fähig ist? Zusammenhalt, vor allem unter linken Autorinnen, die sich kennen. Aber okay, go on then.

“Jankovskas Buch ähnelt folglich eher einer gehässigen Rechtfertigung statt eines Manifests.”

Ich habe also nicht nur kein Manifest verfasst (danke, dass du zwei Mal darauf hingewiesen hast, ohne zu erläutern, was denn ein “richtiges” Manifest für dich sei), sondern lediglich eine “gehässige Rechtfertigung”. Soweit, so inhaltsleer.

Zur Freude aller Mitlesenden erklärt Jovin im Anschluss noch etwas („Freilich gilt das nicht für alle Millennials. Denn schliesslich ist nicht jeder zwischen 1984 und der Jahrtausendwende geborene Mensch mit dem Privileg ausgestattet, Geisteswissenschaften, Illustration oder Facility Management studieren zu dürfen“), das ich in meinem Buch selbst prophylaktisch angemerkt und festgehalten habe.

Nämlich, dass ich explizit nicht für alle Millennials spreche.

Komisch, Autorin Sophie Gruber hat das nämlich schon verstanden:

“Indem Bianca Jankovska über ihre eigenen Struggles spricht, aus ihrer eigenen Sicht, in ihrer eigenen Wirklichkeit, macht sie tatsächlich etwas sehr Wirkungsvolles: Sie bevormundet nicht. Am allermeisten prangert sie sich selbst an, sie sagt nicht du mach das ab jetzt so, sie sagt ich habe das so gemacht, war scheiße, jetzt mache ich es anders.”

Wurde mein Buch also nicht gelesen, oder wollte Jovin nicht wahrhaben, dass (ich etwas geschrieben habe, was er auch gerne geschrieben hätte) ich die kluuuuuge Anmerkung selbst durchdacht hatte, bevor ich mein Manuskript nach einer wochenlangen Überarbeitungsphase abgegeben habe?

Am Ende werden mir statt Solidarität vorwurfsvoll vermeintliche Lücken zur Ergänzung angeboten, die ich absichtlich leer gelassen hatte:

“Als Leserin würde mich interessieren, was der Neoliberalismus mit allein erziehenden Müttern macht, welche Auswirkungen der Netzfeminismus auf das Männlichkeitsempfinden provinzieller Arbeiter macht oder wie sich die Sichtbarkeit von queeren Instagrammern auf das Leben von Lesben in Ländern auswirkt, die von post-kolonialistischen Strukturen betroffen sind. Whatever.”

Genau: Whatever. Denn ich habe mich bewusst nicht zu Lebensrealitäten anderer äußern wollen, von denen ich wenig Ahnung habe. Dass das Männer in ihrer Deutungshoheit nicht nachvollziehen können, ist doppelt lustig.

Oder wie Gruber treffend schreibt: „Eine privilegierte weiße hetero Frau soll dir etwas über die Struggles einer lesbischen, alleinerziehenden Mutter, die aus einem Krisengebiet flüchten musste, erzählen? I don’t think so.“

Weiter geht’s mit der 4-Sterne-Rezension im Kurier. Hier zählt ein alter Mann (neben ein paar generisch klingenden, aber dennoch netten Worten) mal wieder auf, was mein Buch alles nicht ist: „Ein Roman ist das nicht. Aber das Fleisch für viele Romane, die noch geschrieben werden.“ Danke, Peter! Ohne dich hätte ich gar nicht gewusst,  dass ich keinen Roman schreibe? Ein Daniel bist du nicht.

Dann gab es noch diese sehr “respektvolle” Passage von Linus Schöpfer (Nein, auch ich habe noch nie “etwas von dir gehört”) in irgendeinem Schweizer Tagesblatt, in der er mein Buch “Büchlein” nennt.

“Man könnte dieses Büchlein mit leichtem Finger wegschieben. So, als sei es ein Tab mit einem dummen Meme. Darauf hinweisen, dass es so was wie eine Generation X oder Y gar nicht gebe. Erklären, dass niemand für ganze Jahrgänge sprechen könne. Dass die junge Frau halt besser etwas Richtiges gelernt hätte. Dann müsste sie nicht rumzetern.

Diese Einwände sind nicht ganz falsch. Aber richtig auch nicht.” (Na immerhin hat dich der letzte Satz noch gerettet, mein lieber Linus!)


(Screenshot für den unwahrscheinlichen Fall, dass etwas im Eifer der Einsicht gelöscht wird.)

Jap. Lasst es auf euch wirken.

Merke: Männer schreiben Bücher, Frauen schreiben Büchlein.

Funfact: mein gutlaufendes Buch hat 236 Seiten und das Sexistchen hat ganze drei Monate gebraucht, um es zu lesen und zu verschmähen. Das geht aber schon schneller, oder, bei einer solch seichten Lektüre?

Linus ist mitsamt seinen unreflektierten Privilegien das beste Beispiel für das Jämmerläppchen, das dir auf einer Party erzählt, wie wichtig es Feminismus findet, bevor es dir unaufgefordert auf die Titten grapscht. Als vorbildlich “Anti-Sexismus”- und Gleichstellungs-Kampagnen retweetender leftist / feminist hat er natürlich auch gaaaaaanz viel Meinung dazu, was das Buch alles nicht ist:

Ein Buch „dem trotz des Titels alles Programmatische oder Proklamierende abgeht. Eher ist es eine als Anklageschrift verpackte Autobiografie. Sie spiegelt die Nöte der Jugend, von vielen Soziologen bereits analysiert und belegt: wirtschaftliche Unsicherheit, Social-Media-Irrsinn, unverbindliches Sozialleben, politische Desorientierung.“

Ja, was denn nun Linuschen? Heißt „etwas zu proklamieren“ laut Duden nicht genau das, was ich getan habe? Nämlich, etwas bekannt zu geben, bekannt zu machen, auszurufen?

Hol dein Wörterbuch raus!

Und zum Punkt “Autobiografie”: Wie kannst du so sicher sein, dass das eine Autobiografie ist? Habe ich das irgendwo PROKLAMIERT? Oder nimmst du es einfach an, dass ich als Frau ohne Abstraktionsfähigkeiten nur über mich schreiben kann? Abstraktionsfähigkeit ist übrigens die Fähigkeit, das Allgemeine an Dingen hervorzuheben und so Ordnung und Übersicht in die Vielfalt des Seienden zu bringen.

Zu deiner Aufklärung (meine Mailadresse hattest du ja theoretisch zum Nachfragen): Ich wollte explizit (!) nicht nochmal das wiederholen, was so viele Soziologen schon vor mir in ihren Studien bewiesen haben. Ich schreibe mal mehr, mal überhaupt nicht autobiografische Essays, keine Fachbücher. Und nein, ich schäme mich nicht dafür. Es macht mir sogar Spaß.

Mal unter uns. Fühlst du dich eigentlich als Autörchen abgehängt, weil du das Internet noch immer nicht verstanden hast? Ich dachte, du bist Mitte 30, nicht 75? Zumindest würde das deinen unverständlichen Vergleich mit einem “dummen” Meme zu Beginn erklären. Nachsitzen, Herr Professörchen. Denn Memes sind nicht dumm. Sie sind kulturelle Artefakte, die gesellschaftliche und kulturelle Diskussionen abbilden. Vielleicht machst du doch mal ein Praktikum bei Bento?

“Es ist so, dass Frauen zwar aufholen, was die Veröffentlichungen angeht, aber nur im Taschenbuchbereich. Also das, was sowieso als trivial gilt und abgewertet wird.”

Veronika Schuchter über Gender in der Literaturkritik

Was mich noch … wunderte: dass dein “literarisches” Verständnis als Literaturwissenschaftlerchen offenbar nur so weit reicht, sodass du Fachliteratur von Romanen unterscheiden kannst; aber keine der Nuancen zwischendrin spürst. Schon mal was von der Relevanz von first-person-journalism für marginalisierte Frauen gehört? Vermutlich nicht, denn (darüber habe ich meine Masterarbeit geschrieben) solch niedere Literatur schreiben ja vorwiegend Frauen in den UK und in den USA, wo dieses Genre – anders als in der schön-konservativen DACH-Region – Respekt genießt und nicht regelmäßig von traditionsbewussten Männern als lächerlicher Nabelschau-Befindlichkeitsjournalismus abgetan wird. Also, nicht, dass du das getan hättest, nein. Dazu gab es am Ende doch noch zu viel Lobhudelei, die mich verdächtigt, an dieser Stelle unberechtigterweise beleidigt zu sein.

Bevor noch jemand auf die Idee kommen könnte, das Buch hätte dir gefallen, musstest du diese Falschannahme zwischendrin unbedingt mit deinem umfassenden politischen Wissen ausmerzen, das komplett aus dem Kontext gerissen war! Was wärst du auch sonst für 1 Intellektueller, wenn du eine Review nicht “about you” machen würdest?

Jankovska wurde 1991 geboren. Gorbatschow hatte den totalitären Kommunismus eingeschläfert, Banker feierten eine Deregulierungsorgie, und die Sozialdemokraten machten sich auf den Dritten Weg, fielen vor der nun allein herrschenden Marktwirtschaft auf die Knie.“

WOW, du bist so schlau. Auch, wenn du tatsächlich schreibst:

“Politik ist die grosse Leerstelle in ihrem Buch.”

Like, honestly? Politik ist nur dann die “große Leerstelle” in meinem Buch, wenn du es mit zugemachten Augen gelesen und darin 35 neu-interpretierte Wahlanalysen aus irgendeinem Unikatalog erwartet hast.


Natürlich musstest du vielbelesener Schlaumeier auch wieder (again: kontextlos) die 68er einbringen – und wie wenig ich angeblich Konflikte mit meinen Eltern (über die ich nie geschrieben habe) austrage. Sonst wär’s ja keine “originelle Kritik”. Am liebsten hätte ich noch Literaturtipps von dir erhalten, wie bei einer Review auf Amazon (aber das ist ein anderes Thema)

Mein Buch ist höchstpolitisch, weil das Private inzwischen für viele von uns beruflich ist. Das wirst auch du spätestens dann merken, wenn dein Blatt dichtmacht und du dich “in diesem Internet” behaupten musst (no offense: es wird dir auf deinem hohen Ross höchstwahrscheinlich nicht gelingen. Wobei, da du ein Mann bist,…).

Ich bin politisch, weil ich als aktuell jüngste Sachbuchautorin bei Rowohlt gerne auch ein Wörtchen über meine Diskriminierung als Frau in der Medienbranche in diesen hochtrabenden, männlichen Rezensionen gelesen hätte.

Stattdessen wurden genau diese diskriminierenden Erfahrungen mal wieder: ausgespart – und in neuem Sinne reproduziert. Mit subtilen Zwischentönen eingewoben, in ein respektlosen Netz aus unzusammenhängenden Vermutungen.

Danke für die Themenverfehlung, ich kenn’ mein eigenes Buch, seine Intention, Zielgruppe und Wirkung besser als jeder andere.

Ich kenne seine Knackpunkte und Schwachstellen. Erkannt wurden sie von den egohudelnden Journalisten nicht.

Vielleicht auch interessant: Keine einzige (!) Journalistin oder Autorin hat sich öffentlich abfällig über mein Werk geäußert oder darauf heruntergeblickt.

Nicht, weil mein Buch perfekt ist. Sondern weil sie wissen, was es bedeutet, dieselben Erfahrungen in einer oftmals frauenfeindlichen Öffentlichkeit zu teilen und Feedback so anzubringen, dass es wirkt. Auf Augenhöhe.

Deshalb an alle Frauen da draußen: nehmt euch die selbstherrlichen Rezensionen von unbedeutenden Schreiberlingen bitte nicht zu Herzen, wenn ihr gerade ein Buch rausbringt.

Ich hab’s auch nicht getan.
Das musste schlicht gesagt werden.

Wer es jetzt noch nicht verstanden hat, dem empfehle ich das Video von Frau Passmann auf Zeit Online: Frauen, keiner wird euch helfen.

Männer sind nicht dumm, sie werden Frauen nicht helfen, denn sie sind ihre Konkurrenz. Das müssen sie schon selbst tun.

Nachtrag vom 11. Februar
*Jovin Barrer hat mich nach der Veröffentlichung dieses Beitrags darüber informiert, dass Jovin genderqueer ist. Ein in der Tat publizistisch als auch dialektisch nur schwierig für beide Parteien befriedigend zu lösender Sachverhalt. Denn zum Veröffentlichungszeitpunkt der Review auf Watson.ch als auch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags am 3. Februar habe ich darüber nicht Bescheid gewusst und Jovin wie alle anderen Journalist*innen, die ihre Geschlechtsidentität nicht (!) öffentlich proklamieren und leben, fälschlicherweise als cis-männlich konnotiert gelesen, verstanden und interpretiert. Zum nachhaltigen Erhalt einer semantisch einheitlichen und vor allem eindeutigen Replik und der Dokumentation meiner Erfahrungen als schreibende cis-Frau und Feministin, um die es in diesem Artikel nunmal vordergründig (!) geht, habe ich aus publizistischer Perspektive darauf verzichtet, im Nachhinein grobe Änderungen vorzunehmen.

Ich wünsche Jovin alles Gute und viel Stärke auf Jovins Weg in ein neues Leben!