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Das aktuelle Missy Magazine liegt aufgeschlagen neben mir, auf dem Cover prangt die prominente Proll. Neben einem wegweisenden Artikel über die Pille danach („Alles was du wissen musst“) und die sowohl berechtigte als auch notwendige Diskussion des Paragrafen §177 liest frau den gründlich argumentativ durchgespielten Kommentar von Anne Wizorek über Genderwahn und Hass im Netz auf Seite 39, auf den Mann eigentlich gar nicht mehr „aber“ sagen kann. Damit wären bereits zwei wichtige Aufreger der vergangenen Monate abgehandelt. Wer erinnert sich nicht an den Hashtag #GamerGate, der wenig subtil offenlegte wie bekannte Spieleentwicklerinnen von einem Teil der Videogame Community beleidigt und bedroht wurden werden, weil sie Kritik an misogynem Storywriting populärer Spiele übten. Besonders schmunzeln musste ich an der Stelle, als Wizorek den Herrschern des deutschen Feuilletons die Sackgassen ihrer eigenen Argumentationsweisen näherbrachte. „Statt sich mit dem Begriff Feminismus auseinanderzusetzen und ihre eigene Auffassung von Gerechtigkeit zu überprüfen, feilen sie lieber an einem Feindbild, das sie nach Belieben aus der Schublade holen können, wenn ihnen für ihre Kolumnen mal wieder nichts Besseres einfällt.“ Bleibt nur zu wünschen, dass das Missy Magazine in einem unbeobachteten Moment in die Taschen von Martenstein und Matussek gleitet.

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Frei nach dem mir kommunikationspädagogisch übermittelten Sandwich-Feedbackprinzip kommt jetzt die Abhandlung der Seiten, mit denen ich weniger anfangen konnte. Gerade zu Beginn des Heftes gab es von allem ein bisschen und doch nichts so ganz. Ein wilder Eintopf aus persönlichen Empfehlungen, Werbung für Werke aus den eigenen Reihen (was auch legitim ist) und recht lieblos in Szene gesetzte Möglichkeiten für den kultivierten Zeitvertreib im etablierten Kunstbetrieb. Hier eine Museumsempfehlung für Berlin, an der niemand teilnehmen kann, der dort nicht wohnhaft ist. Dort eine vierzeilige Buchempfehlung mit dem Titel „Katzenattacke“ – Lies hier, wie du mit deiner Katze reich werden kannst. Daneben wieder eine Museumsempfehlung, diesmal für St. Gallen. Problem bleibt dasselbe, zudem wird statt Information zur Ausstellung lieber der Link hingetipselt. Das können andere Magazine auch besser.

Anschließend folgt der recht ausgeprägte Kulturteil mit Rezensionen zu Xavier Dolans Film „Mommy“, den Comic-Heften von Kamala Khan und Interviews mit Cooly G, Barbara Yelin sowie Simone Dede Ayivi. Wer mit Graphic Novels nichts am Hut hat und die KünstlerInnen nicht weiter spannend findet, wird die Seiten vermutlich überfliegen. Fünf Beiträge hintereinander zu ähnlichen Themen waren mir dann doch zu viel, vielleicht sollte ich das binge-reading lassen und stattdessen nach der Lektüre der ersten Rezension ins Kino gehen. Herausgestochen hat das Interview mit Cooly G, die von ihrem Versuch berichtet, sich von gesellschaftlichen Erwartungen zu befreien. Sie sei keine verdammte Maschine, sie habe Kinder, Probleme und Stress, wie jede andere alleinerziehe Mutter. Davon unabhängig besteht ihre Lust auf Sex fort, ganz klar.

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Thematisch passend ordnet sich das S.C.U.M. Manifesto von Valerie Solanas zwischen den üppigsten Ressorts Kultur und Politik ein und bildet damit den bestmöglichen Übergang zu Anne Wizoreks Kommentar „Der Backlash Blues“ und dem fünfseitigem Interview unter vier ostdeutschen Frauen. Welche Rolle spielt die DDR heute (noch) für sie? Die Leserin erfährt unter anderem, in welchen Aspekten die DDR weiter war als viele vermuten und warum es Anke Domscheit-Berg leid ist, immer wieder auf den gleichen Satz von „Diktatur, Überwachung und Mauertoten“ hingewiesen zu werden.

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In der Mitte des Heftes wartet ein 18-seitiges Thema, das „keinen Spaß macht“. Wie wird in Flüchtlingsunterkünften in Mecklenburg-Vorpommern gearbeitet, mit welchen Klischees kämpfen Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Identität auf der Flucht sind oder auch: Das Orakel von Oxford. Ein Beitrag, in dem Katrin Gottschalk die Frage stellt, wer denn bitte einmal eine Lösung parat hat, für all die Flüchtlinge, die an den Grenzen Europas sterben.

Besonders fand ich den Artikel über die Schweiz. Ein kleines, zuckersüßes Land im Herzen Europas, das primär für ausgezeichnetes Käsefondue und Lindt Schokolade bekannt ist. Obwohl ich dort selbst Verwandte habe und eigentlich nicht von touristischen Sujets verblendet sein sollte, ist mir die Schweiz – oder zumindest Zürich – bislang sehr niedlich, abgeschottet, ein wenig fernab politischer Realität und schlichtweg teuer in Erinnerung geblieben. Dass Rechte aus ganz Europa der Schweiz für ihre Politik der Ausgrenzung gratulieren, mag weniger bekannt sein. Timo Posselt schreibt über die Mechanismen, mit denen die Schweizerische Volkspartei den Normalfall Migration zum Sonderfall stilisiert und die gesamte Migrationsgeschichte der Schweiz ausblendet. In zwei direktdemokratischen Volksinitiativen erwirkte die SVP 2009 ein Bauverbot von Minaretten und die automatische Abschiebung von „kriminellen Ausländern“. Verfassungswidrig, na und? Wer braucht schon ein Verfassungsgericht in der Schweiz.

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Der Beitrag zu Nina Proll und ihrer Rolle im Film „Talea“ war für mich von geringerer Relevanz, das wird wohl an persönlichen Präferenzen liegen. Stilistisch gab es nichts auszusetzen. Schwierig wird es ab Seite 81, da verliere ich den Überblick über das Konzept. Zuerst folgt ein Beitrag über schillernde Männermode und die Frage, ob das jetzt provokant ist oder schon wieder Mainstream. Danach ein Kurzinterview über den Look der rumänischen LGBT-Aktivistin Alexandra Carastoin mit Fragen wie „Wo lebst du und was machst du dort?“ oder „Ich mag deine Haare! Wie hast du sie dir gefärbt?“ Ich verstehe den Anspruch durchaus, ein wenig auflockernd soll es sein; nur weil man ein feministisches Magazin ist, heißt das noch lange nicht, dass man nicht auch diese Fragen stellen darf, zum Aussehen, zum persönlichen Stil. Dennoch wirkte es für mich ein wenig willkürlich eingeschleust. Irgendwo zwischendrin folgt eine kurze Reiseempfehlung zu Tiflis, im letzten Drittel des Magazins geht es drei läppische Seiten um Sex, bevor die nächste, 20-Seiten andauernde Flut an mehr oder weniger kurzen Reviews zu allerlei Medien unter dem groben Überbegriff „Edutainment“ das bereits überstrapazierte Hirn überflutet. Ein wenig Musik, dann wieder Film, dann Literatur – von Comics, bis hin zu Belletristik und den fragwürdigen Memoiren von Lena Dunham.

Auf der letzten Seite ist ein Comic abgedruckt, der witzig sein sollte, stattdessen aber fade Klischees über menstruierende Frauen reproduziert. Die junge Frau mit dem hippen Fahrrad radelt durch die Stadt und zeigt einem Autofahrer den Stinkefinger, dazu der Text: „Fick dich, du Autoproll!“ Lass ich erst mal so stehen, wenn das in Ordnung geht. Ich glaube zwar nicht, dass ein mehrtägiges Blutopfer dem Spuk (welcher Spuk eigentlich?) ein Ende bereitet, aber zu streng sollte man hier in Anbetracht der freien künstlerischen Interpretation auch nicht urteilen.

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Bis auf die 30 Seiten voller Empfehlungsschreiben zu allerlei, was man momentan sehen/besuchen/lesen/kaufen kann, ist auch diese inhaltlich abwechslungsreiche und zum Lesen einladend gestaltete Ausgabe der Missy ein weiterer Grund, das Magazin zu abonnieren und damit deutlich zu machen, dass ein unabhängig berichtendes feministisches Magazin im deutschsprachigen Journalismus mehr als nur nötig ist. Gewünscht hätte ich mir mehr Meinungsbeiträge zu kontroversen Themen und ein bisschen weniger Film. Für diese Spate gibt es andere Magazine, die ich mir kaufen würde. Selbiges gilt für Musik. Klar darf ein feministisches Magazin auch Rezensionen und Kurzberichte veröffentlichten und damit eine konsumanregende Sammlung für den unerwartet eintretenden Fall der post-weihnachtlichen Langeweile zusammenstellen – dennoch würde ich mir für die Zukunft wünschen, längere Beiträge in der Rubrik “Sex” als auch “Mode” vorzufinden.

www.missy-magazine.de