zweitageeinenacht

Sandra hat eine Familie. Einen Mann, zwei Kinder, ein nett eingerichtetes Haus in einer belgischen Provinz. Es ist alles so, wie sie es sich gewünscht hatte. Irgendwann ist sie depressiv geworden, konnte morgens nicht mehr aus dem Bett. Jeder Schritt fällt schwer, das Essen schmeckt nicht. Für die Kinder hat sie sich aufgerafft, Sandra möchte nicht, dass sie sie weinen sehen. „Wird Mama wieder krank?“ fragen der Sohn und die Tochter den Vater, der sich so wenig wie möglich anmerken lässt. Sandra möchte nicht mehr um ihre Arbeitsstelle kämpfen, es ist zu spät. Sie kann es ihren ArbeitskollegInnen auch nicht verübeln, sie würde – hätte sie die Wahl – vermutlich selbst die Prämie wählen. 1000 Euro extra im Jahr sind viel Geld, die finanzielle Zukunft der Angestellten genauso unsicher wie ihre Jobs. Der soziale Abstieg ist längst nicht mehr fiktives Unterhaltungsfernsehen, es ist das was die Frau in der Wohnung neben dir betrifft.

Während Sandra aufgrund ihrer Depressionen krankgeschrieben war, musste die Arbeit mit einer Person weniger bewältigt werden. Als ihr Chef bemerkt, dass das klappt, organisiert er eine interne Abstimmung. Entscheiden sich die Angestellten für die Prämie, wird Sandra entlassen. Das realitätsnahe Drama mit Marion Cotillard zeigt die Probleme auf, die in Zeiten der europäischen Wirtschafts- und Finanzkrise niemand sehen möchte: Arbeitslosigkeit, Depression, Egoismus in zwischenmenschlichen Beziehungen. Sandra hat zwei Tage und eine Nacht Zeit, um jeden und jede Einzelne ihres Teams davon zu überzeugen, dass sie ihren Job behalten will. Behalten muss, denn die Familie braucht das monatliche Einkommen. Um das Haus abzubezahlen, um die Kinder zu ernähren, um ein menschenwürdiges Leben zu führen. Sandras Mann verdient alleine nicht genug. Er versucht seine Frau zu unterstützen, so gut es geht. Sie fragt ihn, ob er nur noch mit ihr zusammen ist, weil er Mitleid hat. Er verneint. Er akzeptiert ihre Depression, auch wenn seine Frau ihm dadurch abhanden kommt.

Jean-Pierre und Luc Dardenne ist mit „Zwei Tage eine Nacht“ ein berührendes Werk gelungen, das den moralischen Verfall der neoliberalen Arbeitspraxis in seinen Grundpfeilern kritisiert. Bei den Recherchen für den Film sind die Brüder auf belgische Firmen gestoßen, die diese Form der Personalkostenreduzierung tatsächlich angewandt haben. Die Regisseure begleiten Sandra auf ihren Auto- und Busfahrten, hin zu abgelegenen Bezirken, hinein in ihr unbekannte Hochhäuser. Jede Stimme zählt und jede dazugehörige Person hat eine andere Ausrede parat, warum sie sich für die Prämie entscheiden möchte. Sei es das Studium der Tochter, die anfallende Renovierung oder der Einzug in das Liebesnest mit dem neuen Freund. Natürlich tue es ihnen leid, man könne auch das Gegenüber verstehen, aber Geld sei eben Geld. Was kann man da schon machen?

Während ich im Kino sitze, schnürt sich mir die Kehle zu.

Originaltitel: Deux jours, une nuit
Buch und Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Darsteller: Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Catherine Salée
Produktion: Les Films du Fleuve, Archipel 35
Länge: 95 Minuten