maggiedeblock

Auf die Gefahr hin, folgenden Beitrag aus dem Antrieb der persönlichen Erfahrung heraus zu verfassen und diesen dabei in Subjektivität zu ertränken, beginne ich trotz aller Voreingenommenheit schlicht mit dem Anfang der Begebenheiten. Freitag vor zwei Wochen waren meine Freundin Margo und ich in einer Bar. Was jetzt wieder so klingt, als ob wir den Großteil unserer freien Zeit in ebendieser verbringen würden, täuscht. Es ist lediglich ein guter Start, Blogbeiträge einzuleiten. Beinahe erschreckend oft packt mich nach solchen Abenden die Schreibwut, Erlebtes auf Papier (oder eher WordPress) zu bringen. Jedenfalls waren wir in einer Bar, um zwei Uhr früh, und haben zufällig Katja kennengelernt. Wir unterhielten uns über alles Mögliche und gleichzeitig nichts Besonderes. Sie arbeitet seit einigen Jahren im Unternehmen ihres Vaters, lebt keine fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt, trinkt gerne Cava. Sie hat sich unlängst Schuhe von Moschino gekauft, in denen sie kaum laufen kann. Aber sie sehen großartig aus, man gönnt sich ja sonst nichts. Katja ist 32, sie geht gerne feiern, sie kennt viele Leute, das ist ihre Heimatstadt. Wir sollen doch nächstes Wochenende mitkommen, zur Halloweenfeier. Sie hat auch bereits ein tolles Kostüm. Ob wir Maggie de Block kennen, fragt sie uns. No, it doesn’t ring a bell. De Block ist, so erfahren wir gleich, fat. She is huge, really fat and ugly, erzählt uns Katja. De Block ist seit Oktober 2014 die belgische Ministerin für Gesundheit und Soziales. Katja beschreibt uns detailreich, wie sie sich in De Block verwandeln wird. Yeah, I even bought ugly teeth, u know! I will wear a lot of clothes over my clothes. I have to do something with my face. And my hair, too, she hasn’t got blond hair. It will be huge. Totally funny.

Margo und ich hatten bislang keine Einladung für Halloween und auch sont keine weiteren Pläne, wie wir diesen sinnlosen „Feiertag“ verbringen würden. Katja gab uns ihre Nummer. Wir können uns ja melden, falls wir Lust haben mitzukommen. Eigentlich hatte ich schon ab dem Zeitpunkt keine Lust mehr, als sie De Block als fett bezeichnete. Fett war das erste Adjektiv, mit dem sie die Ministerin umschrieb. Ich weiß nach dem Gespräch mit Katja nichts über De Blocks politische Aktivitäten, ihre Ausbildung, ihre Pläne für Belgien, ihr Leben, Verhandlungsgeschick, rhethorischen Fähigkeiten oder Sonstiges, das mir erlauben würde, ein Urteil über sie zu bilden. Das Einzige, das ich scheinbar wissen muss ist, dass es eine allgemein anerkannte Lachnummer für Belgien ist, eine übergewichtige Gesundheitsministerin zu haben. Ja, wie kann das denn möglich sein, fragt sich Katja.

Ich schäme mich für mein Schweigen, das beinahe eine stille Einverständnisverklärung ist. Als Katja ihr Grusel-Outfit bewarb, kannte ich sie gerade eine halbe Stunde. Sie war von Beginn an offen und interessiert gewesen, zuvorkommend und freundlich. Sollte ich sie darauf hinweisen, dass es nicht in Ordnung ist, sich als „Dicke“ zu verkleiden? Genauso wenig wie sich das Gesicht mit schwarzer Farbe anzumalen. Ich entschloss mich, einfach meinen Mund zu halten. Was würde Kritik bringen, um diese Uhrzeit? Ich kenne Katja doch gar nicht. Was würde es an ihrer Entschlossenheit ändern, das bereits zusammengestellte Outfit tatsächlich zu tragen? Es geht mich nichts an, als was sie sich verkleidet, das ist ihre Entscheidung. Es ist ja nicht so, als ob sie mit dem Finger auf die Person hinter mir gezeigt und dabei „DU FETTE HÄSSLICHE SAU, DU BIST NICHTS ANDERES ALS ÜBERGEWICHTIG UND ABARTIG!“ geschrien hätte. Das wäre zu weit gegangen. Mit diesen Gedanken versuchte ich mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, als ich wenig später nach Hause ging.

Vergangenen Freitag war es soweit. Margo und ich hatten Katja zugesagt. Noch bevor die Gastgeberin im Lokal war, gesellte sich Lora zu uns. Sie war leicht übergewichtig, das muss an dieser Stelle erwähnt werden. Katja setzte sich zehn Minuten später in voller Maggie-Montur neben Lora und war – trotz ihrer Kleiderschichten und Aufblas-Brüste – dünner als sie. Danach bewarb Katja ihr Outfit (I look really terrible right? And it’s so hot underneath all these clothes) und zeigte uns die Plastikschichten unter ihrem Oberteil. Fremdschämen war gar kein Ausdruck für meinen Gemütszustand. Ich habe mich gefragt, wie sich Lora fühlt. Sie hat sich nichts anmerken lassen und doch kann ich es mir nicht vorstellen, dass es sie nicht gekränkt hat. Man stelle sich vor, man ist eine WoC und neben dir sitzt jemand, der die Grundfeiler von cultural appropriation nicht verstanden hat. Natürlich wären alle (hoffentlich) erzürnt gewesen. Aber bei dickleibigen Menschen? Da darf man nichts sagen, denn verwerflich ist es wohl allemal. Offensichtlich ungesund. Es muss etwas falsch gelaufen sein, bei Maggie und Lora.

Und wieder wusste ich nicht, wie ich reagieren soll. Lora charmant fragen, wie sie Katjas Outfit findet? Katja beinahe beiläufig darauf hinweisen, dass sie damit eventuell Loras Gefühle verletzt? Schweigend saß ich daneben und hoffte, dass Katja ihre falschen Brüste und die schiefen Zähne rausnehmen würde. Katja und Lora sind seit Langem befreundet. Muss ich diejenige sein, die die Grundpfeiler ihrer Freundschaft angreift, ins Wanken bringt? Nur weil Katjas Outfit für mich nicht in Ordnung war? Wer sagt, dass Lora sich angegriffen gefühlt hat?

Wie geht ihr damit um, wenn ihr euch in Situationen wie diesen befindet? Ich bin nicht „eingeschritten“, weil ich nicht die Spaßverderberin sein wollte. Nicht die, die andere – fremde – Menschen vor den Kopf stößt. Aufklärt. Belehrt, was fatshaming überhaupt bedeutet, als auch anrichtet. Wäre das einer meiner FreundInnen passiert, hätte ich bestimmt darüber diskutiert. Auch sonst scheue ich mich nicht, Dinge beim Namen zu nennen. Aber zu Halloween war es anders. Ich war nicht in der Lage einer fremden Person, die so freundlich war mich einzuladen und ihrem gesamten Freundeskreis vorzustellen, den Abend zu verderben.