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10. Juli 2014
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Wer in Zeiten der viel gefürchteten Printkrise stolze 9,30 Euro (AT) für ein Magazin verlangt, hat nicht viele (womöglich gar keine) Chancen, sein Publikum zu überzeugen. RICHTIG WÜTEND WERDEN schreit mir in der Thalia-Filiale vom aktuellen Cover entgegen. Wut, die kenne ich. Aus philosophischer Sicht betrachtet habe ich sie bislang nur selten. Millisekunden der Entscheidungsfindung, die letztendlich zugunsten des qualitativ anmutenden Magazins ausfallen. Der erste Eindruck stimmt soweit. Viel Text, trotzdem viel weißer Platz – wir haben das Geld, uns freien Platz zum denken zu leisten -, dezente Schrift, wenig Fotos, ausgezeichnete Grafik, kaum Werbung. Die Köpfe hinter HOHE LUFT werden auf Seite 8 vorgestellt, knapp die Hälfte sind Frauen. Auf 97 Seiten wird dem/der Leser/in ein buntgemischtes Potpourri der Philosophie geboten: Eine Einführung in die hohe Kunst des logischen Argumentierens; die Frage, warum Stil nicht nur mit Geschmack, sondern auch mit Moral zu tun hat (hier online zu lesen), ein altes Interview mit Axel Honneth über das Prinzip der Anerkennung oder auch: Was ist Anarchie, lieber Bela B?

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Der erste inhaltliche Beitrag widmet sich der Redefreiheit. Tobias Hürter und Thomas Vašek fragen, wie man mit Hasstiraden in Buchform umgehen soll. Ignorieren? Verbieten? Sie plädieren dafür, zurückzuschlagen und beziehen sich dabei auf John Stuart Mill, der ein großer Fürsprecher von Freiheitsrechten war. Mit einer wichtigen Einschränkung: „Der einzige Zweck, für den über ein Mitglied einer zivilisierten Gesellschaft zu Recht gegen seinen Willen Gewalt ausgeübt werden darf, ist es, Schaden von anderen abzuwenden.“ Man könne darüber streiten, was genau Mill mit „Schaden“ meinte. Herabwürdigung ist in den Augen der Autoren zweifellos ein Schaden. Indem Pirincci und seinesgleichen Groll publizieren, machen sie diesen angreifbar, sie verleihen ihm Gestalt. Fazit: Wir müssen Stimmen wie die von Pirincci dulden und ihnen widersprechen. In einer Sprache, „die sie verstehen, also hart und deutlich.“ Denn „Redefreiheit für alle außer für Arschlöcher ist keine Redefreiheit.“

Zugegeben, etwas verdutzt war ich schon. Ich hatte nicht erwartet, „Arschloch“ gleich im ersten Kommentar eines Philosophie-Magazins zu lesen. Verdutzt ist hier nicht gleichzusetzen mit enttäuscht, im Gegenteil. Soviel Bodenständigkeit und (pop)kulturelle Aktualität hätte ich dem Team wohl gar nicht zugetraut. Wenn wir schon beim Qualitätskriterium Aktualität sind, das gerade im Bereich der klassischen philosophischen Texte meines Erachtens Auslegungs- und Interpretationssache ist, muss an dieser Stelle ein weiteres Lob ausgesprochen werden. Es wird sowohl auf das „Supergeil“ Video als auch „YOLO“ Bezug genommen. You only live once sei dabei nicht mehr als Carpe Diem für Dummies. „Wie ein lässiges Achselzucken ist YOLO für alles zulässig, was der coole junge Mensch tut oder bleiben lässt. Egal wie irrelevant oder moralisch fragwürdig die Handlung ist. (…) Das Urban Dictionary definiert YOLO als a dumbass’s excuse for something stupid that they did. Während der lateinische Klassiker noch mehr von einer Handlungsaufforderung oder einer Lebensaufgabe hat, ist YOLO ein Stempel, der erst im Nachhinein aufgedrückt wird. Dadurch bleibt er nur eine hohle, nervige, omnipräsente Phase.“ Hätte man schöner nicht formulieren können. In Zukunft weiß ich, welches Zitat ich unter sinnentfremdete Beiträge posten werde. Ob es meinen Beliebtheitsstatus fördern wird? Abzuwarten.

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Auch die Cover-Story RICHTIG WÜTEND WERDEN überzeugt auf drei Doppelseiten mit Exkursen zu #aufschrei, Thilo Sarrazin, NSA, als auch Femen und Pussy Riot. Thesen von Seneca und Hume kommen dabei nicht zu kurz und werden immer wieder mit politischen Begebenheiten in Verbindung gesetzt, um nicht zuletzt das Geschehene besser greifbar zu machen. Nach Seneca sind Entflammbarkeit und Kontrollverlust die denkbar schlechtesten Ansätze zur Konfliktbewältigung. Aber auch Kant ermächtigte den Verstandesgebrauch zur alleinigen Richtschnur des Handelns. Autor Christopher Schmidt fragt zurecht, ob dies die ganze Wahrheit darstellt und ob unsere Affekte überhaupt das sind, wofür wir sie halten. Wie weit trägt der viel beschworene Dualismus von Fühlen und Denken? Ist es berechtigt, jede Form von Erregung gleich auf den Index zu setzen? Anders als Kant sieht Aristoteles Zorn nicht als niedrigen Impuls: „Der Zorn scheint nämlich noch in etwa ein Ohr für die Vernunft zu haben. Nur dass er nicht richtig hört, gleich einem Diener, der, ohne seinen Herrn ganz ausreden zu lassen, hinausläuft und dann den Befehl verkehrt ausführt.“

Besonders hilfreich sind die Lektüretipps am Ende von komplexen und demnach auf wenig Zeilen schwierig zur Gänze abhandelbaren Themen, wie beispielsweise „Zorn und Zeit“ von Peter Sloterdijk, „Philosophie der Gefühle“ von Sabine Döring oder „Political Emotions“ von Martina Nussbaum. Auch Standardwerke wie „Aphorismen zur Lebensweisheit“ von Schopenhauer werden in weiterer Folge genannt. Die Bücher-Wishlist für kommendes Weihnachten wäre damit wohl abgehackt.

Um zwischen all den intellektuell fordernden Artikeln abschalten zu können, haben die MacherInnen sich für eine verstörende Fotostrecke von Nadja Bournonville in der Mitte des Hefts entschieden. Neben der Titelgeschichte gibt es einen weiteren qualitativ herausragenden Text zum Thema Prostitution. Wer schon denkt, alles über das Thema gelesen zu haben und an dieser Stelle gelangweilt abschweift, dem kann ich nur sagen: Von wegen! Kathrin Kuhn widmet sich Prostitution aus philosophischer (Überraschung!) Perspektive und hinterfragt unsere Gesellschaft der Käuflichkeit.

Was also ist das moralisch Besondere daran, den eigenen Körper zu verkaufen (…) wo beginnt das Problem der Entfremdung, der ‚Käuflichkeit’ – und damit die moralische Dimension – wirklich? Wenn wir jeder Prostituierten – so sehr sie auch die Freiwilligkeit beteuert (…) absprechen, dass sie eine bewusste Entscheidung getroffen hat, weil sie möglicherweise durch eine traumatische Erfahrung gar nicht in der Lage ist, ein gesundes Verhältnis zu ihrer eigenen Leiblichkeit zu entwickeln, dann sollten wir uns fragen, ob eine psychologische Schieflage nicht auch zu anderen Formen der Käuflichkeit oder Selbstentfremdung führen kann. Formen, die wir gesellschaftlich allerdings für ziemlich selbstverständlich halten. In vielen Berufen setzen wir unseren Körper ein – oft bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit(…), wenn wir an Pflegeberufe denken, an Schichtarbeit oder den Bergbau.

Kuhn kritisiert, dass hierbei die moralische Komponente fehle, der Einsatz in prestigeträchtigen Berufen viel zu oft als lobenswert hochstilisiert werde. Es scheint ethisch völlig in Ordnung, wenn sich heute ein Mensch für seine Karriere im mittleren Management um Kopf und Kragen arbeitet. Auch die feministische Perspektive wird nicht außer Acht gelassen. Die gesetzlich verankerten Rechte sprechen für ein Frauenbild, das uns Frauen zutraut, unser Leben in die eigenen Hände zu nehmen – wir „müssen es dann aber auch tun, und wenn andere Frauen es ebenfalls tun, sollten wir nicht wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und rufen, dass wir es uns mit dem Gebrauch der weiblichen Freiheit so dann doch wieder nicht vorgestellt haben. Dann ist es nämlich keine Freiheit mehr.“

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An dieser Stelle könnten unzählige weitere Zitate aus diesem großartigen Magazin folgen, das ich um 33 € (6 Ausgaben pro Jahr, Studierendenpreis) künftig abonnieren werde. Es ist nicht nur die ausgesprochen umfangreiche Themenvielfalt, die dieses Magazin auszeichnet, sondern auch das Fehlen von jeglicher Arroganz oder gar Überheblichkeit, sodass auch weniger Erfahrenen das umfassende Spektrum der Philosophie näher gebracht werden kann.

HOHE LUFT erscheint 6 x im Jahr in der HOHE LUFT Verlag UG & Co. KG.

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