Naja, also zumindest dann nicht, wenn er ein bisschen …. anders ist als die Hunde, die man sonst so aus Filmen kennt. Dir nicht direkt an der Tür entgegenspringt. Sich nicht gerne von Fremden anfassen lässt. Separation-Anxiety hat, vermeintlich aggressiv rumbellt oder anderweitig „kompliziert“ ist. Vor allem aus Perspektive derjenigen Menschen, die selbst noch nie einen Hund hatten (und dann gerne mal judgen, was du alles falsch gemacht hast). Aber auch hundeerfahrenere Freund*innen können enttäuscht reagieren, wenn dein Hund nicht sofort zu ihnen auf die Couch hüpft und sich dort bekuscheln lässt, sondern lieber alleine am anderen Ende schnarcht.

Dass mein Hund „anders“ ist, wundert mich wenig. Bin ja schließlich auch nicht ganz normal. Sie braucht aufgrund ihrer Zeit im Zwinger eben ein wenig länger, um Vertrauen zu Menschen zu fassen.

Gut, „ein wenig länger“ ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Bei Männern dauert es – im Best Case – bis zu drei Wochen konstanter Anwesenheit (!), bis sie sich streicheln lässt.

Von manchen Männern fühlt sie sich bis heute so bedroht, dass sie lieber zu knurren anfängt, als sich den Kopf tätscheln zu lassen. Bei Frauen dauert der Vertrauensprozess nur ein paar Stunden. Wenn’s ganz gut läuft, wie letztens bei Anne zuhause, sogar nur eine halbe.

Alles halb so schlimm, oder? Dann eben eine Frau!

Doch das war bei Gott noch nicht alles, meine Guten! Mein Hund verhält sich draußen und drinnen sehr unterschiedlich. Draußen lässt sie sich von Fremden gar nicht anfassen, anleinen oder rufen – egal, ob Frau oder Mann. Egal, ob sie die Person eigentlich schon „kennt“.

Während sie draußen wild herumwuselt, Stöckchen sucht und auch ohne die menschlichen Spaßverderber*innen rundum glücklich ist; behält sie außerdem in Innenräumen stets eine gewisse Skepsis bei und schleicht in unbekannten Wohnungen vorsichtig, fast schon diebisch um Personen und Objekte herum. Sogar zur Essenszeit rührt sie ihre Futterschüssel solange nicht an, bis sie sich sicher fühlt – und kann erst auf dem Sofa entspannen, wenn ich mich daneben setze und ausatme.

Long story short: Die Beziehung zwischen anderen Menschen außer moi und meinem Hund ist tricky und sehr schnell vorbelastet. Ich kann sie nicht “einfach mal schnell irgendwo” mit Sack und Pack abgeben und das Wochenende wegfahren, wenn ich die Aufpasserin nicht komplett überfordern möchte.

Auch der Mensch muss sich ja an meinen Hund und seine Bindungsstörung gewöhnen. Und ich? Bringe es nicht übers Herz, sie über Nacht alleine zu lassen. Nicht so. Nicht, wo ich doch um ihre Ängste und schlechten Welpenerfahrungen weiß. Ich will mir nicht vorstellen, wie sie nachts in einer fremden Wohnung umhertapst und darauf wartet, dass ich nach Hause komme. Wie sie meine Freund*innen zur Verzweiflung bringt, so, wie sie auch mich die ersten Wochen immer wieder an den Rand des Wahnsinns brachte. Weil man viel Geduld für dieses Lebewesen braucht, und noch mehr Liebe. Und zwar konstant von ein bis zwei Bezugspersonen.

Obwohl noch nie jemand konkret angeboten hat, über Nacht auf meinen Hund aufzupassen – oder gar für ein ganzes Wochenende –, ist die Situation irgendwo auch meine Schuld. Ich habe lange nicht aktiv daran gearbeitet, dass mein Hund andere Menschen lieben lernt, weil ich so damit beschäftigt war, überhaupt eine Beziehung mit diesem Hund aufzubauen. Habe sie höchstens fünf, sechs Stunden in der Anwesenheit anderer gelassen. Und dann stets voller Anxiety aufs Handy geschaut. Und manchmal auch, wie befürchtet, ratlose Nachrichten erhalten.

  • “Sie will nicht mit mir rausgehen!”
  • “Sie bleibt einfach auf der Couch sitzen!”
  • “Sie hört nicht auf mich!”
  • “Ich kann sie ja wohl kaum draußen ableinen!”
  • “Sie nimmt kein Leckerli von mir!”

Ja, ja, ja. Das wird sicher alles so gestimmt haben, wenn ich an meine eigenen Anfänge mit ihr zurückdenke. Sie kannte weder Stufen, noch Türen, noch Räume, noch Leinen. Anfangs setzte sie sich einfach mitten auf die Straße und ließ sich keinen Zentimeter bewegen. Egal, ob Autos kamen, oder Radfahrer.

Im Nachhinein ein lustiges Bild, das sich mir in meiner Erinnerung eingebrannt hat. In dem Moment? War es schrecklich. Inzwischen ist vieles besser geworden. Wenn sie mit mir alleine ist, sehe ich sie kein Stück als “Problemhund”. Sie ist der süßeste, knuddeligste, lustigste Hund, den man sich erträumen kann.

Sie mag Sand, Schnee und Laub eben mehr, als grabbelige, oftmals übergriffige Menschenhände. Und das ist völlig okay so.


Wir in Dänemark

Was soll ich euch final mit diesem Blogpost sagen? Wenn ihr einen ängstlichen, aggressiven oder behinderten Hund habt, wird der Plan, „den Hund mal für ein Wochenende abzugeben“ vermutlich nicht so einfach aufgehen.

  • Ihr werdet sehr viel Aufklärungsarbeit betreiben müssen, damit andere sehen, was ihr an „diesem komischen Hund“ findet (bis sie sich selbst verlieben).
  • Ihr werdet den Nichthundebesitzer*innen immer wieder gut zureden und Mut machen müssen (bis sie sich zutrauen, mit dem Hund alleine zu sein).
  • Ihr werdet Geduld brauchen, um die Grenzen eures Hundes zu erschnüffeln und langsam auszuweiten (bis sich euer Hund damit wohlfühlt).

Oder ihr macht es wie ich, und ihr sucht euch Profis in eurer Umgebung, die auch mit solchen Hunden können. Die kosten dann zwar was, aber dafür könnt ihr euch sicher sein, dass eine kompetente Person auf eure Süßis aufpasst. Auch gut: Ihr müsst nicht auf den Good-Will von Bekannten hoffen, die ein völlig verklärtes Bild vom Hundemama-Sein haben.

Meine Hunde-Sitterin wohnt zufällig bei mir im Haus (wie praktisch!) und hat selbst einen sehr wilden Hund in der Pubertät. Sie ist Hundetrainerin und hat mir schon im ersten Monat gezeigt, dass auch ich einiges zu lernen habe, um dieses kleine Froschi (wie Sophie immer so lieb sagt) und seine Körpersprache zu verstehen.

Deshalb bin ich auch nicht böse, dass meine Freund*innen bisher Scheu hatten, sie aufzunehmen. Ich? Hätte mir das vor einem Jahr wahrscheinlich auch nicht zugetraut.

Wie sind eure Erfahrungen mit dem anfänglichen Versprechen der Freund*innen, auf den Hund aufzupassen?

Btw, wenn euch mein Blog gefällt, freu ich mich immer über Mitgliedschaften via steady.fm/groschenphilosophin