Vergangenes Wochenende beim Blogaufräumen bin ich zwangsläufig auch mit den Überbleibselns meiner akademischen Karriere in Berührung gekommen: der #MasterofDesaster-Kolumne, und ich muss zugeben, dass mich beim Lesen schon auch ein wenig Nostalgia gepackt hat. Drei Jahre ist noch gar nicht so lange her, dass man sich nicht noch genau an die Morgen erinnern könnte, und wie man mit einem Latella unter den Achseln zur Bibliothek gefahren ist bei 39 Grad in Wien.

Gleichzeitig habe ich in die letzten zweieinhalb, drei Jahre mehr Leben (Arbeit?) gestopft als meine Großmutter in die Füllung der Weihnachtsgans. Und nein, ich würde nicht sagen, dass die Zeit „schnell vergangen“ ist. Ich habe ich drei Städten und Wohnungen gelebt und praktisch zwei Bücher geschrieben – mal von den 300 Onlineartikeln abgesehen.

Wenn ich meine Worte von damals lese, wünschte ich einerseits, dass ich ein bisschen entspannter gewesen wäre (WOW, das wird mein 35-jähriges Ich auch über mein heutiges Ich denken), andererseits dass mich jemand dafür bezahlt hätte. Die Textfragmente wären eine gute Kolumne geworden, mit ein bisschen mehr Schreib- und Redaktionserfahrung. Aber seien wir nicht zu streng mit der 2015er-Bianca.

Sie hat das damals vorausschauend für die Zitate-Geplagten aufgeschrieben. Die, die schon seit Monaten Facebook oder Instagram von ihrem Handy gelöscht haben, damit sie sich „besser konzentrieren können“ und sich für jede verschwendete Sekunde mit einem extra Aufsatz aus dem letzten Academic Journal bestrafen.

1. Letzten Endes hätte man gerne jemanden gehabt, der dir Mut macht, weiter zu forschen. Oder einfach nur auf eine E-Mail antwortet #FAIL650

Beim Aufräumen habe ich unter anderem diesen Erfahrungsbericht aus meiner Zeit an der Universität Wien gefunden – und was ich mir damals wie heute als Studentin, die sich keinen Elite-Master in England leisten konnte – gewünscht hätte.

“Ausführliches Feedback heißt für mich mehr, als auf eine E-Mail drei Wochen verspätet ein: „Ja, ist in Ordnung“ zu erhalten, während man längst so weitergearbeitet hat, wie man es für richtig hielt. Feedback ist nicht in einer Einheit von 1,5 Stunden gemeinsam mit fünfzehn anderen seinen aktuellen Forschungsstand zu besprechen, der den Rest nur peripher tangiert. Spätestens nach der vierten Person passt niemand auf. Wir starren auf das Smartphone.”

2. Masterarbeit, oder auch: der letzte Strohhalm meiner akademischen Laufbahn, an den ich mich verzweifelt klammere #masterofdesaster

Ich habe gerade meine ersten fünf Seiten für die Magisterarbeit geschrieben. Bleiben nur noch 95. Das Sekundärliteraturverzeichnis ist jetzt schon eine Seite lang. Eigentlich darf man gar keine Sekundärzitate machen, haben wir im ersten Semester gelernt. Was dir keiner sagt: In jedem verdammten wissenschaftlichen Aufsatz wird auf unzählige weitere Quellen verwiesen, die du ausborgen solltest. Im Original.

3. Warten auf das richtige Leben. #masterofdesaster

76 Seiten. Nachdem ich die letzten zwei Wochen jeden Tag an meiner Magisterarbeit verzweifelt bin rumgewerkt habe, kann ich endlich sagen, dass ich mit der Theorie – großteils – fertig bin. Also, sofern man mit Theorie jemals „fertig“ sein kann. Zur Belohnung habe ich mir in der Mittagspause diese Brownie-Eis-Kombination bei Burger King geholt. Irgendwie muss man die Anstrengung kompensieren. Okay?

4. Ich habe weitergemacht, weil ich immer weitergemacht habe und aufgeben anders als etwas zu beenden nie eine Option war. #masterofdesaster

Fünf Jahre. Knapp fünf Jahre hat es gedauert, das komplette Studium abzuschließen. Und dann bekommst du – wie alle dreitausend anderen geisteswissenschaftlichen Absolventen dieses Jahr auch – eine zweizeilige E-Mail, in der dir mitgeteilt wird, dass du deinen bearbeiteten, zuvor von dir ausgefüllten Prüfungspass abholen kannst, der deiner Arbeit beigelegt werden muss. Es fühlt sich an wie ein schlechter Scherz. Ein unwürdiger, bürokratischer Abschluss einer, nunja, langen Reihe bürokratischer Hürden.

5. Der Unterschied zwischen Glück und Zufriedenheit #masterofdesaster

Wie ich letztens nachlesen konnte, gibt es einen Unterschied zwischen „Glück“ und „Zufriedenheit“. Glück ist ein Gemütszustand, den wir empfinden, wenn wir den Moment genießen, während sich Zufriedenheit daraus ergibt, wenn wir etwas erreicht haben, das mit Norm- und Wertvorstellungen zu tun hat.

6. Fünf Schritte meiner Anti-Prokrastinations-Policy. Oder auch: Wie du den Kinoabend unter Sternen genießt, den du dir wochenlang verkniffen hast

Falls du noch studierst, befindest du dich vermutlich gerade in der Phase der Prüfungszeit, in der nichts mehr weiter geht. Du hast schon genug gemacht, um irgendwie durchzukommen, kannst die Nachmittage aber trotzdem nicht kiffend im Park verbringen, weil das schlechte Gewissen an deiner bereits ohnehin strapazierten Seele nagt. Du möchtest, dass der Sommer endlich losgeht, zwischen dir und dem Jumbo Caipirinha liegt nur noch der unübersehbare Bücherstapel auf deinem Schreibtisch.

7. Jedenfalls ist sie jetzt abgegeben, die Magisterarbeit. #masterofdesaster

Jedenfalls ist sie jetzt abgegeben, die Magisterarbeit. Ich freue mich wahnsinnig auf den neuen Lebensabschnitt, der schon in weniger als zwei Wochen beginnt. Bevor ich meine literarische Legitimität vollends untergrabe und in Floskeln wie: „Es war ein harter Weg, der sich zum Schluss bezahlt machte“ verfalle, verbleibe ich einfach mit diesem schlecht redigierten Blogeintrag.

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