Ein halbes Jahr ist es her, dass ich mein kleines Experiment gestartet habe. Sechs Monate lang wollte ich nichts Neues kaufen. Einzige Ausnahme: Etwas wird kaputt. Keine neuen schwarzen T-Shirts also (gefühlt besitze ich 30), keine bestickten Blazer, keine Schuhe (10?) und schon gar keine Jeans (8). Angeregt durch die erschreckenden Produktionsbedingungen in Großhandelsketten wie dem H&M-Konzern, Zara, Primark und Co. sowie dem Gefühl, ohnehin schon genug zu besitzen, startete ich im Juli und fühlte erstmal: keinen Unterschied. Warum auch?

Gedanklich hatte ich mich schon länger davon verabschiedet, meine Garderobe jede Saison mit verzichtbaren „It-Pieces“ zu bereichern. Als Teenager konnte ich mir nichts Schöneres vorstellen als einen Nachmittag lang in Fußgängerzonen zu verplempern. Immer auf der Suche nach dem neuesten weißen Basic-Shirt, das genauso aussehen würde wie die anderen drei zuhause. Wow! Für den perfekten Tag fehlten nur noch Pommes von McDonalds.

Das erste Monat verging schnell, auch das zweite gestaltete sich problemlos. Im dritten näherte sich eine schwarze Jeanshose ihrem natürlichen Ende. Ausgebleicht und im Schritt verschlissen wurde sie ganze zwei Jahre alt. Als Alternative habe ich mir eine neue Version von einer etwas teureren Marke im lockeren Karottenschnitt der Achtziger zugelegt. Bis lang hält’s! Anders als mein Vorsatz, wirklich gar nichts Neues zu kaufen.

Im Oktober war ich nach der Arbeit mit einer Kollegin bei COS, die sich für ein Date neu einkleiden wollte. „Nur schauen!“, sagte ich mir. Zu spät! Wie ein Ex-Junkie war ich bereits von der neuen Winterkollektion verführt worden. Als ich meinen knallblauen Liebling (50 €) erblickte, war es um mich geschehen. Immerhin: Er blieb der einzige Pullover, den ich mir für den Winter kaufte – und trotzdem tat es weh. Weil ich doch eigentlich genügend andere Pullis habe, auch wenn sie mir nicht mehr gefallen, sobald ich damit die Wohnzimmercouch verlasse. Sie sind einfärbig, schlabbrig und ohne jeglichen Schnitt. Also nochmal ein Auge zugedrückt, der Pulli kam gedanklich in die Schublade: „Haste doch noch gebraucht!“.

Okay. Anders als die andere schwarze Hose, etwas breiter geschnitten und aus dickem Baumwollstoff. Schon das Aufschreiben tut weh! Ich beruhige mich damit, dass ich sie wirklich jede Woche zweimal trage. Drei Dinge also, die ich während des Experiments neu gekauft hatte. Einmal ersetzt, einmal vermeintlich notwendig und einmal, weil ich nicht widerstehen konnte. Oh, und was ich fast vergessen hätte: Da war noch dieses eine bordeauxfarbene Paar Winterschuhe, von Gabor. Zählt das auch? Es war immerhin schon Ende November! Und ich hatte kein flaches Paar für den Alltag. Genug der Rechtfertigung.

„Aber was sind schon drei neue Kleidungsstücke und ein Paar Schuhe in sechs Monaten?“, frage ich mich. Im Vergleich dazu, was ich früher an Schrott angeschleppt habe? Die wichtigsten Kriterien, nach denen ich heute kaufe, sind Qualität, Tragbarkeit und Kombi-Möglichkeit mit meinem restlichen Kleiderschrank. Wenn die Produktionsbedingungen fair sind – umso besser. Eine ausführliche Liste zu nachhaltigen Labels ist beispielsweise hier (http://dariadaria.com/2017/01/fair-fashion-101-wo-finde-ich-nachhaltige-basics.html) zu finden.

Trotz des – rein rational betrachtet – gescheiterten Experiments möchte ich meine reflektierten Konsumentscheidungen beibehalten. Nicht mehr einzukaufen hat positive Auswirkungen auf meinen Geldbeutel. Gesamt habe ich in den sechs Monaten 350 Euro für die Neuanschaffungen ausgegeben. Dazu kam ein außergewöhnlicher, schöner langer Vintage-Rock und eine Vintage-Lederjacke – für 40 Euro. Zu Weihnachten hat mir meine Cousine einen alten Schal und meine Oma zwei ihrer alten Blusen geschenkt. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass ich etwas Schönes dazugewinnen konnte, ohne Geld auszugeben und die Umwelt zu belasten.

Nachdem sich Carsharing immer weiter durchsetzt, könnte es – wenn es nach mir geht – schon bald zur Gewohnheit werden, Kleidung zu teilen. Zumindest Blazer, Jacken, Mäntel oder Hüte.

Mir den Konsum komplett zu verbieten, klappt scheinbar doch nicht. Wahrscheinlich liegt es am „Verbot“ selbst. Acht Monate nach dem Start des Experiments merke ich dennoch, wie mich der Inhalt meines Kleiderschranks anfängt zu langweilen. Es sind die typischen Gewohnheitserscheinungen, die mich nerven. Die nach etwas Neuem, Grellem, Anderem verlangen – das nach spätestens drei Monaten wieder zur Gewohnheit wird. Ich versuche, besser zu kombinieren und habe auch zwei verschollene Rollkragenpullis für mich entdeckt.

Insgesamt würde ich sagen, dass ich mich mit meiner Garderobe wohl fühle – alle zwei drei Monate aber doch gerne ein neues beziehungsweise gebrauchtes Teil erstehen möchte, um sie zu erweitern. Binge- und Fehlkäufe sind schon lange passé.

Immerhin etwas.