Ich habe gerade meine ersten fünf Seiten für die Magisterarbeit geschrieben. Bleiben nur noch 95. Das Sekundärliteraturverzeichnis ist jetzt schon eine Seite lang. Eigentlich darf man gar keine Sekundärzitate machen, haben wir im ersten Semester gelernt. Was dir keiner sagt: In jedem verdammten wissenschaftlichen Aufsatz wird auf unzählige weitere Quellen verwiesen, die du ausborgen solltest. Im Original.

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Es bleiben also nur zwei Möglichkeiten: Entweder du vertuscht das Sekundärzitat durch einen übermäßigen Einsatz des Konjunktivs. Oder du bist so ehrlich wie ich und hast am Ende eben eine hässliche Masterarbeit, weil du auf Nummer sicher gehen wolltest und dich vor der Plagiatsprüfung anscheißt. Und jetzt kommt mir bitte niemand mit: Kauf dir doch das Originalwerk! Dafür müsste ich entweder a) reich sein, oder b) unendlich viel Zeit zur Verfügung haben, um den ganzen paraphrasierten Mist exklusiv für meine letzte akademische Höchstleistung selbst nachzuschlagen. Ich vertrau euch einfach mal, ja?

Nach fünf Seiten hat mich spontan die Motivation verlassen, obwohl mich mein Thema wirklich interessiert. Mich packt die Erkenntnis abseits des Erkenntnisinteresses: Dass ich bis November wohl kein einziges nicht-wissenschaftliches Buch mehr lesen werde, ohne mich dabei in jeder Sekunde zu fragen, ob es nicht klüger wäre, gerade an der M-m-m-m-m-m-maaaaaasterarbeit zu sitzen. Kurz auf twitter? Schreib lieber! Zeitung gelesen? Zeitverschwendung. Muss ich mich beeilen? Stresse ich zu sehr? Wenn ich heute zu lasch mit dem Gedanken der Abgabe umgehe, werde ich bis August keine Zeile schreiben und in Anbetracht dessen eine fürchterliche Zeit in Tokyo verbringen, vom Gewissen geplagt. 

Bis zum 1. September habe ich theoretisch noch 80 Tage Zeit. Es sollten noch etwa 70 Seiten werden, ohne Empirie. Das macht 1,4 Seiten pro Tag. Das ist doch nichts!

Blöderweise ist das Einzige, was ich neben dem Schreiben meiner Masterarbeit aktuell „beruflich“ mache: Schreiben. Oder zumindest das Einzige, was ich machen würde, hätte ich nicht diesen immensen Berg an Fachliteratur vor mir liegen. Weise Freundinnen haben mir verraten, dass ich mich auf die Masterarbeit konzentrieren sollte, bevor es zu spät oder Zeit für den endgültigen Berufseinstieg ist.

Die Masterarbeit ist vorerst der letzte Strohhalm meiner akademischen Laufbahn, an den ich mich verzweifelt klammere, meine Ausrede für abgesagte Jobs und Aufträge, meine Standardantwort auf jeder Party auf die Frage, was ich denn „eigentlich so mache.“ Masterarbeit schreiben, jaja, das mache ich gerade, also nicht jetzt in diesem Augenblick, aber sonst, wenn ich zuhause bin und nicht gerade das Bett neu überziehe, oder im Zimmer auf und ab laufe und dabei die vertrockneten Quichereste von gestern in mich reinschaufle, im Stehen, obwohl ich gar keinen Hunger habe oder abwasche oder einkaufen gehe, für die nächsten Tage oder schon auf dem Weg bin, zu Freunden, oder ein Buch abholen sollte. Die Zeit, die ich mir Gedanken über den 100 Seiten Brocken, gespickt mit allerlei Theorie und Empirie mache, könnte ich auch in das Zusammenfassen der Literatur stecken. Nur: Wo fängt man an? Wo fängt man um Himmels Willen bitte an, wenn es zu deinem Thema um die dreißig relevante Bücher gibt, die du dann liest, und markierst und zusammenexzerpierst und dich danach immer noch fragst: War das die richtige Stelle? Habe ich nichts Wesentliches vergessen? Und natürlich auch: Wen interessiert’s?

Um den Prozess für die Nachwelt festzuhalten und euch von meinen Leiden eines Sommers voller Fachlektüre zu berichten, habe ich mir überlegt, eine eigene Reihe daraus zu machen. Meine Dreiecksbeziehung mit der Masterarbeit und FOMO kommt mir besonders im Sommer gar nicht recht. Wann wäre ein guter Zeitpunkt zu schreiben, außer zwischen 5 Uhr nachts und etwa zehn Uhr morgens? Oder: Kann man eigentlich den „Moment leben“, während man in der Hauptbibliothek schwitzt?

Ich werde mein Bestes geben. Um Förderungen ansuchen. Den Zeitplan straffen. Trotzdem in den Urlaub fahren. Weil, und das stimmt eben doch: YOLO. Der vielleicht letzte (naja, sagen wir vorletzte) unbeschwerte Sommer meines Lebens hat gerade erst begonnen. Masterarbeit, ich nehme dich mit auf eine Reise.