Als penetrante Nichtraucherin habe ich jahrelang mein Bestes gegeben, um das Rauchvernügen meiner unmittelbaren Umgebung so klein wie möglich zu halten. Beim Skiurlaub setzte ich mich als Kind am Lift immer extraweit von meinem qualmenden Vater weg, um aus sicherer Entfernung „es stinkt“ zu schreien. Wie konnte er so leichtfertig seine Gesundheit aufs Spiel setzen? Er hatte doch mich. Rauchen, das war für mich von Anfang an Teufelszeug.

Am Schulhof war ich dann immer die Langweilerin, die zu jeder ihr angebotenen Zigarette „nein“ sagte. Nein, ich rauche nicht. Echt? Na komm! Nein, es schmeckt mir nicht. Nicht ein Zug? Nein, aber danke. Trotzdem habe ich einen Großteil meiner Jugend und meines jungen Erwachsenenalters in verrauchten Räumen verbracht. Zuerst bei den Kellerparties meiner Schulfreunde, als man die Zigaretten noch heimlich ins Haus schmuggeln musste, später in den von den großzügigen Eltern generalsanierten Dachgeschoßwohnungen meiner Studienkollegen. Egal, wie gut man seinen Kindern zuredet, die Fakten zu Lungenkrebs und schlechten Zähnen wiederholt: Es wird wieder geraucht. Überall, wo es nur irgendwie möglich ist. Let’s face it.

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„Heute wäre doch ein guter Zeitpunkt, mit dem Rauchen anzufangen, B.!“ Dieses Wochenende wollte ich nicht wieder die Einzige sein, die nicht-qualmt und ihre Hände verkrampft in die Hüften stemmt. Also habe ich meine erste ganze Zigarette geraucht, am Fenster. Es hat sich gut angefühlt. Nur ich und eine Tschick, und der sich leerende Becher Billigweißwein in meiner linken Hand. Der Blick auf die Stadt. A Traum. Das ist es also, wovon alle sprechen.

Es können noch so viele Gesetze zum Schutz der Nichtraucher verabschiedet werden. Wer in ist oder sein möchte, der tschickt. Punkt. Daran hat sich in den letzten zwanzig Jahren so gut wie nichts geändert. Wer jung ist und auf Parties geht und nicht weiß, wohin mit seinen Händen, weil der Pegel noch nicht reicht, um sie unter den Pullover seiner Sitznachbarin zu schieben, raucht. Wer auf den Bus wartet, raucht. Nach der Vorlesung, während man sich draußen über die schlechte Powerpointpräsentation echauffiert. Vor dem Essen, bevor man wieder ins Lokal geht. A Tschick, die geht sie scho no aus! Soviel Zeit muss sein. Wiener Gemütlichkeit.

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Ich hatte es satt, immer nur die zu sein, die zwar morgens angewidert an ihren verrauchten Ekelclubklamotten riechen muss, aber nie selbst in den Genuss kommt, der mit dem Rauchen einhergeht und den Gestank verursacht.

Man liest neulich im deutschen Feuilleton, die Jugend von heute wäre vernünftiger und braver als je zuvor. Wenn ich mich in meinen Kreisen umsehe, wird so viel geraucht wie überhaupt noch nie. Hallo, Realität. Am Balkon. Im Wohnzimmer. Im Schlafzimmer! Jeder hat eine Tschick in der Hand, oder schon im Mund. Als ob es kostenlos zugängliche Lungenersatzteillager gäbe. Während es noch vor fünf Jahren vollkommen in Ordnung schien, die Raucher vor die Tür zu schicken, wenn sie mal wieder mussten, ist es mittlerweile normal sich in Gesellschaft von Nichtraucherinnen eine Tschick nach der nächsten an den Mund zu führen und den gesamten Raum zu verpesten. Ohne einmal zu fragen.

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Und sei es noch so ungesund! Die Jugend will sich das lässige Rauchausblasen nicht nehmen lassen, wird sie doch sonst schon in allerlei Angelegenheiten des Lebens in ihrer Wahlfreiheit beschnitten und bevormundet. WU oder TU? Alleine wohnen oder doch in einer WG? Veganer Zwiebelschmalz oder Linsenaufstrich? Es gehört fast dazu, zum lässigen Hipster-Studentenlifestyle, die selbstgewuzelten Tschick haben sich zum fixen Bestandteil des Habitus entwickelt. Da sitzen sie dann, mit ihren Man-Buns und übereinandergeschlagenen Beinchen in hochgekrempelten Röhrenjeans und drehen und schlecken und zünden gegenseitig an.

Willst a Tschick? Beim Rauchen kommen de Leit zam. Zumindest in Österreich, na? Und so will auch ich endlich dazugehören und nicht mehr leidig daneben stehen, als abgehobene Gesundheitsfanatikerin. Die den Dampf später ohnehin miteinatmet, sofern sie sich nicht von allen Aktivitäten des gesellschaftlichen Daseins ausschließt.

Rauchverbote auf der Tanzfläche im Club? Denkste! Spästestens nach dem dritten Glas sind alle Verordnungen vergessen und die erste Tschick wird heimlich, mit gekrümmten Rücken, unter dem Tisch angezündet. Bis sich die Raucher wieder den Raum zurückerobert haben, der ihnen vor Jahren genommen wurde. Zuerst im Flugzeug, dann in den Restaurants und Bildungsstätten und jetzt auch noch in den Beisln. So lange, bis sich die Zigarettenlichtlein ausbreiten wie ein Strohfeuer.

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Eigentlich schmeckt mir die Tschick nicht. Aber das ist nicht das Thema. Ich gieße Weißwein nach. Stehe am Fenster, schaue in die Ferne, denke an all die wunderbaren Menschen, die ich schon kennen lernen durfte und ziehe und inhaliere und lasse den Rauch meine Lungenflügel passieren, bis ich ihn in die Nacht entlasse. Zehn Jahre habe ich mich erfolgreich gegen den Gruppenzwang gewehrt und nie verstanden, warum Menschen eigentlich mit dieser vollkommen sinnlosen Raucherei angefangen haben. Bis jetzt.

 

PS: Ich rauche nach wie vor nicht. Smoking stinks.
Und ihr so?