Es gibt diese Persönlichkeiten, bei denen fragt man sich schon, warum sie seit Jahren so viel Applaus in der deutschsprachigen Medienöffentlichkeit bekommen. Mehr Exclusive-Verträge signen als Mittelklassemusiker. Ohne groß etwas Bewegendes zu sagen zu haben mit überschlagenen Beinen auf Bühnen sitzen und mit anderen B- bis D-Promis bei einer Weißweinschorle über Gott und die Welt palavern, als ob es noch mehr live aufgezeichnete Laberpodcasts zwischen zwei weißen, uninteressanten Menschen auf Apple iTunes bräuchte.

Was hat der eigentlich noch mal gemacht?

Beim Hinhören in der eigenen Bubble fällt leider auf, dass besagte Personen von anderen meist als sehr sympathisch beschrieben werden. Sie gelten als „angenehme Gesprächspartner“, manchmal sogar auch als „totaaaal witzig“. Sie können „gut zuhören“, und hätten immer nur „das Wohl ihrer Fans“ im Sinne.

Aber ist es wirklich so einfach? Zeit für eine 5-Schritte-Anleitung der Piggyback-Strategie, die schon manche 08/15-Dudes und Duderines auf die oberen Plätze der Publikums-Lieblinge katapultiert hat.

1. Sei eine weiße, durchschnittlich begabte Person mit gut verborgenem Darstellungsdrang

Deine Karriere kommt nicht wirklich in die Gänge, obwohl du davon überzeugt bist, dass du mit deinen einzigartigen Fähigkeiten die Massen zum Brummen bringen könntest? Kein Problem! Als weiße, able-bodied (, männliche) Person aus Mecklenburg-Vorpommern oder BaWü kannst du deinen Eltern noch locker die kommenden fünf Jahresmieten für deine hippe Bude in Eimsmüttel/Neukölln/Wo auch immer man in München wohnt aus der Tasche ziehen und versuchen, auf anderem Wege „ganz nach oben“ zu kommen.

2. Leg dir eine Social-Media-Persönlichkeit an und schau, was “bei rumkommt”

Ein bisschen was musst du dann leider schon tun. Nur weil du es mit deiner Kunst (Schreiben, Singen, Gitarrespielen, junge Mädchen in der Disco fotografieren) selbst nicht geschafft hast, berühmt zu werden, heißt das ja nicht, dass andere Menschen auch nicht berühmt geworden und mit dir in der Versenkung verschwunden sind.

Am besten fängst du jetzt sofort an, Magazine und Zeitungen zu lesen (Die Zeit! Den Spiegel! Die Brigitte! Edition F!), die wichtigsten 30-unter-30-Rankings Deutschlands zu scannen und dann allen semiprominenten, prominenten und „aufstrebenden“ Personen, die dort erwähnt werden, zu folgen.

So stellst du sicher, dass bereits jemand anderes die Auswahl darüber getroffen hat, wem du folgen solltest, und wem nicht.

Außerdem läufst du so nicht Gefahr, über deinen Tellerrand zu schauen und vielleicht tatsächlich neue, vielversprechende Talente zu erblicken, die nicht so sind wie du in weiblich (oder männlich, je nachdem).

3. Fang einen Podcast, einen Insta-Account etc. an und gib (zuerst) anderen eine Bühne

Weil du selbst irgendwann feststellst, dass du nichts zu sagen hast und auch keine Kunst (mehr) machst, bleibt dir wie gesagt nichts anderes übrig, als schlechte Twitter-Jokes zu reißen und/oder anderen die Bühne zu geben. Dabei passt du penibel genau darauf auf, auch immer deinen Gesprächsanteil einzufordern und lässt immer wieder persönliche Anekdoten aus deiner Jugend im Tenniscamp/in der DDR/in Grammatneusiedl einfließen, um auch relevant zu bleiben.


Na, schon getriggert?

Außerdem passt du auf, dass die Personen auf jeden Fall 10 bis 40 mal mehr Reichweite haben als du, damit du hinterher von der reposteten Episode profitieren kannst. Du weißt: wenn dein Plan aufgeht, reitest du piggybacking STRAIGHT nach oben.

4. Spreche von dir selbst als einflussreicher Person bis du eine bist

Du hast alles richtig gemacht! Indem du anderen, „berühmten“ Personen mit tatsächlichen Inhalten eine Bühne bietest, kannst du sozial aufsteigen. Weil du nur Personen einlädst, die bereits massenmedial als „gesellschaftsverträglich“ anerkannt wurden, verringerst du jegliches Risiko, angegriffen zu werden. Im Gegenteil: du wirst sogar noch mit den tollen Persönlichkeiten aus deinem Medienportfolio assoziiert!

Wenn du also zum Beispiel als Mann über Sexismus sprichst und einer Frau dafür die Bühne überlässt, dann bist du hinterher, genau: FEMINIST! Ist das nicht superb?

So einfach geht positives Selfe-Branding, ohne selbst mehr zu tun als „Und, wie war das so damals für dich“ oder „Interessant, so ging es mir auch“ zu sagen.

5. Lass dich krönen und werde endlich selbst interviewt

Nachdem sich in der Aufgeblasenes-Ego-Mediensphäre herumgesprochen hat, dass du nur mit interessanten, spannenden, berühmten Persönlichkeiten sprichst, wird dir selbst der Titel: Interessante, spannende, berühmte Medienpersönlichkeit verliehen.

Du wirst gefragt, wie du es schaffst, immer dieselben 5 Gäste einzuladen, ohne dass es irgendjemanden deiner Branchenkollegen auffällt. Ja, am Ende bekommst du für deinen Fleiß für mehr Diversität sogar Exklusiv-Verträge angeboten und machst richtig fett Kohle, ohne deinen Stepping Stones jemals auch nur einen Cent bezahlen zu müssen.

So ein bisschen auf gut tun und hinterher finanziell, sozial und beruflich profitieren? Papperlapapp.

Und genau deshalb signen irrelevante Self-Made-Medienpersönlichkeiten mehr Verträge als Mittelklassemusiker. Ohen groß etwas zu sagen, sitzen sie schon im übernächsten Festivalsommer selbst auf den Bühnen, die sie einst nur aus der Ferne bestaunten. Deshalb sprechen sie mit anderen B- bis D-Promis bei einer Weißweinschorle über Gott und die Welt, als ob es noch mehr live aufgezeichnete Laberpodcasts auf Apple iTunes bräuchte.

Weil sie das System erschaffen, erhalten – und, nicht zu vergessen, erfunden haben.

Du hast bis zum Ende gelesen und dazwischen vielleicht sogar mal gelacht? Dann gönn dir ein Groschenphilosophin-Abo auf Steady und bekomme jeden Monat ein bis drei Perlen dieser Art direkt ins Postfach serviert. Außerdem habe ich auch einen Podcast, in dem ich den “ganz normalen Bürostuhlterror” unserer spätkapitalistischen Leistungsgesellschaft in gewohnt zynisch-genüsslicher Art zerpflücke. Gönn dir!