Tag 3

Der Jetlag lässt mich meist nicht vor zwei Uhr früh schlafen, die Lichter und der Lärm der Stadt sind – wie würde es im etablierten Reiseführer ausgeschmückt werden – überwältigend. Wenn ich das im 8. Stock gelegene Zimmer verlasse, springt mir das nackte Leben entgegen. Ich weiß nicht, ob ich mich während des 15-stündigen Fluges (mit einmal umsteigen) ausreichend darauf vorbereitet habe. Schaut eher nicht danach aus. Hätte mir nicht den neuen Thriller mit Nicole Kidman ansehen sollen.

In Ho Cho Minh leben so viele Menschen wie in ganz Österreich. Ein ausgezeichneter Anlass, sich als Individuum mal wieder in Perspektive zur restlichen Welt wahrzunehmen. Schon besser.

Die permanente Reizüberflutung überfordert mich, manchmal. Dann tut es gut, sich mit ein paar Reisküchlein um ungefähr einen Euro ins Innere eines Restaurants zurückzuziehen und die Stadt aus einer gewissen Entfernung zu beobachten. Der Schweiß rinnt, reichlich.

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Tag 4

Die Mopeds sind ü-b-e-r-a-l-l. Vor dem Überqueren der Straße sollte man besser keinen Augenkontakt aufnehmen, das verwirrt alle Beteiligten. Einfach gehen, sie werden ausweichen, so funktioniert der Rhythmus der Stadt. Jeder nimmt Rücksicht. Nach dem dritten Mal habe ich mich daran gewöhnt. Es ist sogar ganz angenehm, ohne den bevormundenden Ampeln. Ich gehe, wann ich will. Wow, dafür musste ich ans andere Ende der Welt reisen. Bin enttäuscht.

Ich esse Pho Bo zum Frühstück, die typische Nudelsuppe mit Rindfleisch. Sie wird mir gemeinsam mit dünnen Reisnudeln, frischen Kräutern und Gemüse sowie einer Schüssel nuoc mam (Fischsoße) vorgesetzt. Überhaupt könnte ich den ganzen Tag essen, die unendliche Auswahl an Speisen wäre mir die drei Kilo plus wert. Com ist peinlicherweise das einzige vietnamesische Wort, das ich bisher gelernt habe. Reis.

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Tag 6

Keiner von uns ist je mit einem Moped gefahren. Ja, ich habe einen B-Führerschein, theoretisch kennt man auch die Verkehrszeichen (die sind eh international, oder?) und eigentlich ist das ja alles kein Problem. Total locker. Vor dem ersten Start schnürt mir nicht nur der für den Kopf eines Kindes konzipierte Helm das Kinn, sondern vor allem die Angst die Kehle zu.

Der Mann vom Verleih fragt nicht nach einem Ausweis, auch nicht nach Geldeinsatz. Stehe diesem Vertrauensvorschuss aufgrund meiner europäischen Sozialisation erst mal skeptisch gegenüber. Mal abwarten, ob das Moped gestohlen wird.

Unbeabsichtigter Kickstart aufgrund des eben beschriebenen Erfahrungsmangels, ich schreie, wir fahren doch noch vom Gehsteig in die Mitte der Fahrbahn, ohne umzukippen, ich klammere mich fest und mache die Augen zu. Ich mache die Augen auf, ohne etwas zu Sehen ist es noch schlimmer.

Habe Zeit nachzudenken. Was nützt eigentlich der Helm, wenn wir gegen ein anderes Moped krachen? Gedanken einer Schisserin. Der Gegenverkehr kommt uns nicht nur auf der anderen Fahrbahn entgegen, sondern auch auf der eigenen. Mein Mund ist trocken, der Wind bläst in meine dreiunddreißig Tage und damit drei Tage zu alten Kontaktlinsen. Noch bevor wir die erste Kreuzung erreichen, muss ich aufs Klo.

Irgendwann müssen wir rechts abbiegen, bitte nicht. Da ist keine Ampel, dafür reger Hauptstraßenverkehr. Ich schreie diesen für den weiteren Verlauf der Fahrt essentiellen Fakt nach vorne. Wieso entspanne ich mich nicht endlich, komme ab von meinem übertriebenen Sicherheitswahn. Man kann jeden Tag sterben, beim Überqueren der Straße (gut, die Verkehrstoten in Ho Chi Minh übersteigen auch hier die von Österreich), beim Stolpern auf der Treppe, beim Putzen des Gasherds (glaube ich, habe ich noch nie versucht). Sonst bin ich doch auch nicht so ein Feigling gewesen. Muss während der Fahrt daran denken, was sie mit unseren Überresten machen würden (auch hier wieder: theoretisch), mitten auf einer vietnamesischen Landstraße. Würde man meine Eltern kontaktieren? Ich habe mein iPhone nicht mitgenommen.

Ich denke an das bevorstehende Abendessen. Wir parken uns ein, gehen an einer Bushaltestelle vorbei, über die Brücke. Fünf junge vietnamesische Männer lachen uns aus. Ich weiß nicht warum, ich lächle zurück. Erhole mich langsam vom Verlassen der sogenannten Komfortzone. Eigentlich will ich lieber mit dem Taxi zurückfahren. Das wäre teurer.

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Tag 7

Da stehe ich wieder, die geizige Touristin, die lieber 5 Euro am Tag für ein Moped zahlt als ein fiktives Sicherheitsbedürfnis zu befriedigen. Jetzt muss auch ich lachen, über mich selbst. Alles ist wunderbar, ich frühstücke Bun Thang und Pho, abwechselnd mit Huhn und Rind. Die Maracuja ist in echt säuerlicher als erwartet, kannte den Geschmack zuvor nur von diesem Getränk namens Latella. Habe den zugeführten Zucker unterschätzt.

Mit den anderen Touristen will man erfahrungsgemäß nichts zu tun haben, es muss sich um ein Missverständnis handeln, dass sie zur selben Zeit am selben Ort sind und ihn durch ihre alleinige Anwesenheit seiner Besonderheit berauben. Wenn man schon individuell reist, ohne 3-Tage-Mekong-Delta Bustour, möchte man auch bitteschön die Exklusivität der chinesischen Pagode irgendwo im dritten, oder war es der siebte Bezirk, für sich beanspruchen. Stattdessen macht man Fotos von Gläubigen, einfach weil es schön aussieht. Ich schäme mich, ein bisschen.

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Tag 8

Dieses Touristinnendasein beschäftigt mich weiterhin. Houellebecq fragt in seiner neuesten geistigen Ausscheidung, was er „in diesem Moment“ an „diesem Ort“ mache. Dann, ich paraphrasiere an dieser Stelle willkürlich aus meinem Gedächtnis, kommt er zu dem Schluss, dass man sich das an jedem Ort zu jeder Zeit seines Lebens fragen könnte. Was macht man eigentlich irgendwo? Ich habe Sand zwischen den Zähnen.

Urlaub ist ein seltsamer, erkaufter, zeitlich begrenzter und in seiner Schönheit nicht zu unterschätzender Ausnahmezustand, der einen auch mental weit weg befördert, wenn es gut geht. Man kann soll auf Knopfdruck entspannen und sich seinem Innersten widmen, endlich das Buch lesen, das unter normalen Bedingungen ein dreiviertel Jahr lang sein unangetastetes Dasein auf dem Nachttisch fristet, man muss rausgehen, die Welt sehen, „Neues kennenlernen“, als ob dann die einzige Zeit des Jahres gekommen wäre, in der das angebracht scheint. Ich sage nein.

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