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27. Februar 2014
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Verfolgt man Medien, scheint es tatsächlich nichts anderes mehr zu geben als Opfer. ,,Wir sind Opfer der Politiker, Politiker sind Opfer der Medien, Verbrecher sind Opfer ihrer Kindheit, die kleinen Anleger sind Opfer der großen Finanzakteure, die Konsumenten sind Opfer der Werbung, die Arbeitslosen sind Opfer der Arbeitsmarktpolitik und die dafür verantwortlichen Politiker sind Opfer der multinationalen Konzerne (Breitenfellner 2013: 13).”

Das Verhalten der Menschen wird nicht durch das bestimmt, was sich wirklich zugetragen hat, sondern durch die Interpretation davon. René Girard

Autorin Kirstin Breitenfellner, welche regelmäßig im Falter publiziert, stellte sich der Opferproblematik aus unterschiedlichsten Perspektiven. Was ist das überhaupt, ein Opfer? Wieso wird ,,Du Opfer“ als einer der schlimmsten Diffamierungen im deutschen Jugendsprachgebrauch gesehen? Kaum ein Begriff wird in der Medienwelt so gerne ,,als moralische Keule geschwungen“, bei kaum einem Begriff fällt die Schwarzweißmalerei so stark aus. Während alle über das (vermeintliche) Opfer und den (vermeintlichen) Täter sprechen (Unschuldsvermutungen haben ihre Berechtigung scheinbar eingebüßt), bleibt für die Thematisierung der Dritten im Bunde – die Retter – kaum noch Platz. Breitenfellner kritisiert keineswegs ausschließlich den Boulevard für die Omnipräsenz des Begriffes. Auch sogenannte Qualitätsmedien werden nicht müde, ihre Rolle im Dramadreieck einzunehmen und, ohne darum direkt gebeten zu werden, für die Hilfsbedürftigen einzuspringen und mit erhobenem Zeigefinger auf die Verrohung der unsrigen Gesellschaft aufmerksam zu machen. Was dabei für die Medien herausspringt? Ein (monetärer) Mehrwert, abhängig von Anspruch, Ansehen oder Quote.

Die Idee zum Buch kam Breitenfellner nach einem von ihr veröffentlichtem Artikel im Falter: Opferlust. Die Reaktionen der RezipientInnen hätten nicht unterschiedlicher ausfallen können, was sie in ihrer Vermutung hinsichtlich des Polarisierungspotentials bestätigte. Die Autorin scheut nicht, die moralische Überlegenheit des Begriffes zu demonstrieren als auch zu dekonstruieren, der seine Gegner mittels Maßnahmen der political correctness mundtot machen will. Dass die ,,Opfervorwürfe“ manchen sauer aufstoßen würden, war abzusehen. So beschwert sich ein Autor im Online-Magazin Tante Jolesch: ,,Das Bedenkliche an diesen undokumentierten und teilweise larmoyanten Auslassungen ist die kaum verhohlene Pauschalverunlimpfung der Opfer. Wie muss ein Mensch sich fühlen, der nach Jahren und Jahrzehnten endlich wagt, mit seinem Leid an die Öffentlichkeit zu gehen […]“ Klingt plausibel, auf den ersten Blick. Leider ist es faktisch unmöglich, ein derartig breit gefächertes Thema auf zwei Seiten abzuhandeln. Ziel des Buches war daher, den Opferbegriff (neu) zu definieren und zu differenzieren, ihn in der Kultur- und Religionsgeschichte zu verankern. Hinterfragt werden sollte auch der Gebrauch des Begriffes in den Medien und von Seiten der Politik. Das umfangreichste Kapitel ,,Medienskandale – Wir verfolgen unsere Götter“ widmete sich insbesondere den Fällen Kachelmann und Kampusch. Letztere eckte immer wieder dadurch an, dass sie sich die Deutungshoheit über ihre Geschichte bewahren wollte. Dass es eine eigene Gewerkschaft für Opfer von Castingshows gibt, war mir im Übrigen neu.

Dass es Opfer gibt und dass diese Schlimmes erleiden, stellt Breitenfellner nicht (!) in Frage. Auch wenn einige Passagen diesbezüglich mehr gut gemeint, denn gut gelungen sind. Kein Opfer ist wie das andere, Breitenfellner hätte dahingehend mehr Aufklärungsarbeit leisten müssen. Es geht in diesem Buch vielmehr um die hysterische Verwendung des Opferbegriffs in den Medien, der vielen Betroffenen nur auf den ersten Blick dient. Oft werden diese ein zweites Mal Opfer, wenn die Medien sie in die Öffentlichkeit zerren. Im Namen der guten Sache, die Menschheit soll schließlich darüber unterrichtet werden, was richtig und was falsch sei. Mitleidsbekundungen und abklingendes Medieninteresse nach der ,,Abfertigung des Opfers“ inklusive. Dass den Betroffenen dabei jegliche Autonomie und Eigenverantwortung abgesprochen wird, bleibt unberücksichtigt.

Das Buch zeichnet sich durch kritische, säuberlich recherchierte als auch historisch belegte Inhalte (deren Qualität wohl vom Informationsstand des Rezipienten abhängt) aus, die Schwarzweißmalerei keinen Platz bieten. Trotz des durchwegs vorhandenen akademischen Sprachgebrauchs liest sich das Werk keinesfalls wie eine starre Faktenansammlung. Jedes Kapitel steht für sich selbst, was das Überspringen von bestimmten Bereichen möglich macht.

Ein umfangreiches Literaturverzeichnis bietet allen Interessierten Folgeliteratur, unter anderem von René Girard, Jürgen Habermas oder Christoph Feurstein.

Kirstin, Breitenfellner (2013): Wir Opfer. Warum der Sündenbock unsere Kultur bestimmt. Diederichs Verlag, München

Recht am eigenen Bild: Kirstin Breitenfellner
Fotoquelle: www.kirstinbreitenfellner.at/fotos/ (c) Robert Fleischanderl

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