Ich bin großer Fan von Mini-Serien – Alias Grace, Top of the Lake, The Queen’s Gambit – und wenig überraschend nun auch von der neuesten Netflix-Arthouse-Produktion Halston.

Sobald eine Serie lediglich fünf bis sieben Folgen hat, erwarte ich wie ein versnobbter Kinobesucher hochwertige Requisiten, Good Writing, hervorragende Schauspieler und dieses gewisse Etwas, das mich mit meinem ganzen Geist in das Setting eintauchen lässt und die Frage in den Hintergrund rückt, ob die Kostüme eigentlich aus Plastik sind. Bei Halston jedenfalls, stimmte die Qualität. Wäre auch tragisch gewesen, wenn nicht – schließlich geht es um die amerikanische Fashion-Industrie der 50er bis 80er Jahre und einen ihrer bedeutendsten Begründer.

Ewan McGregor spielt den Ausnahme-Designer Halston, dem es wahrlich nicht an Selbstbewusstsein mangelt. Er hält sich selbst für den schlausten, talentiertesten und unterschätztesten Künstler der Branche und hat ein ausgeprägtes Bad Temper.

„They’re all jealous of me since I became a big star.“
Halston

Wer mit Halston arbeitet, muss damit rechnen, angeschrien, herumkommandiert und belächelt zu werden. Sein Verhalten, das heute durch einen anonymen Twitter-Leak bestimmt einen internationalen Shitstorm auslösen würde, fesselt … leider trotzdem. Denn Halston ist nicht nur Arschloch, er ist auch ein guter Freund und Zuhörer. Er ist komplex, einsam, sehnsüchtig, bedürftig und grausam zugleich. Er hat seine softe Seite und er liebt seine Freunde – vielleicht sogar noch mehr als seinen Beruf. Deshalb kann jeder, der es länger als eine Saison mit ihm aushält, auf Loyalität, Luxusreisen, jede Menge Parties und Schi-Schi hoffen.

Halston ist der “typische Künstler”, der sich nicht um seine Finanzen schert.

Er kann Menschen belabern – aber er hat keine Ahnung, wo das Geld am Ende des Tages landet, wenn er es denn überhaupt bekommt. Und so passiert es bei einem Flug nach Paris, dass er einem Investor die Rechte an seiner Brand verkauft. Er tut das, um sich und seinen Mitarbeitern Sicherheit für die nächsten Jahre zu garantieren. Keine unbezahlten Rechnungen und keine unbezahlten Arbeitstage mehr.

„If I sign that contract I may never be left to feel unappreciated. Unprotected. Unsafe. Promise me that, David. And we have a deal.“
Halston im Flugzeug nach Paris zu David

Nach dem Setzen der Unterschrift ist Halston nicht mehr im Besitz seiner Marke und hat sich mit dem Deal ein Management ins Haus geholt, das sich zwar um die Finanzen und das Überleben der Brand Halston kümmert, dafür aber nicht an der künstlerischen Vision des Designers interessiert ist. Von jetzt an muss Halston als Maschine funktioniere.

Das produzieren und entwerfen, was Profit bringt – nicht Prestige.

Während Halston zu Beginn seiner Karriere fast schon zwanghaft versucht, als Marke exklusiv und unerreichbar zu erscheinen, verwandelt sich sein Fashion-Imperium im Laufe der Jahre zu einer verwässerten, qualitativ höchstens durchschnittlichen 08/15-Marke. Unter Halston laufen plötzlich Sonnenbrillen, Koffer, Shirts und Kleider für jederfrau. Statt im Luxussegment auf einem Level mit Balenciaga zu spielen, nähert er sich der von ihm verhassten Brand Max Faktor an.

Trotz der Tragik des künstlerischen Ausverkaufs, macht es doch unheimlich Spaß Ewan McGregor dabei zuzusehen, wie er jedem, der versucht ihm ans Bein zu pissen, unverblümtes Contra gibt. Halston ist so sassy, dass selbst Ru Paul einpacken könnte. Auf die Frage, ob er nicht aus Indiana komme, sagt Halston bloß: „I was from Indiana.“ Halston hat sich so stark von seiner Herkunft emanzipiert, dass er nicht einmal mehr aus dem Bundesstaat kommt, in dem er geboren wurde. Diesen Satz merke ich mir für später.

Was er trotz des Ruhms und Glamours nicht geschafft hat, ist seinen Shit together zu haben. Nicht nur fällt er auf den Sexarbeiter Victor Hugo rein, der ihm mehrere Warhols von den Wänden klaut und am Ende der Beziehung mit Sex-Tapes blackmailed. Halston hatte ganz offensichtlich auch keine Ahnung von dem Vertrag, den er unterschrieb.

Als die Marke Halston hinter dem Rücken von Halston verkauft wird, bekommt er es erst mit, als ein neues Management in seinem Büro auftaucht. Als Halston aufgrund seiner Drogen- und Alkoholsucht immer weniger zur Arbeit erscheint, stellen sie ihm einen neuen Designer zur Seite, der – anders als Halston – tatsächlich noch als Designer arbeiten möchte.

Als Halston kündigt (gekündigt wird?) und entschließt, wieder sein eigenes Ding zu machen – fernab der kommerziellen Guidelines irgendeines Konzern-Arschlochs – sagt ihm sein Anwalt, dass er genau das nicht tun kann. Denn: Er hat seinen Namen, seine Marke, verkauft. Es steht ihm rechtlich nicht mehr zu, irgendetwas unter dem Namen Halston zu produzieren, auszustellen oder zu verkaufen. Er darf nicht einmal mehr sagen oder im Kleingedruckten vermerken: „Made by Halston“.

Im § 27 Abs. 1 Rechtsübergang MarkenG steht es wie folgt: “Das durch die Eintragung, die Benutzung oder die notorische Bekanntheit einer Marke begründete Recht kann für alle oder für einen Teil der Waren oder Dienstleistungen, für die die Marke Schutz genießt, auf andere übertragen werden oder übergehen.

„You sold your name Halston.“

„Well moving forward, the next time I sign a contract I’ll make sure to read it first.“

Gegen Ende der Serie sieht man Halston mit seinem alten Freund Joe im Auto, der ihn damit aufzieht, dass er dumm genug war, seinen Namen zu verkaufen.

Halston sagt: „I regret that I sold it that cheap.“

Heute würde er das Doppelte dafür zahlen, um seinen Namen zurück zu bekommen. Und natürlich den gottverdammten Vertrag lesen.

„I must be a real artist because I’m a terrible business man.“
Halston

Lessons learned, würde ich sagen.

Read the goddamn contract – egal, was du designst, schreibst oder für kommerzielle Zwecke an Dritte verkaufst. Sonst machen andere am Ende Profit auf deine Kosten, während du vor lauter Druck psychische Probleme bekommst.