Keine Sorge: „Starting a Revolution“ ist kein typisches #Girlboss-Buch, das neben der richtigen Art zu atmen jede Menge Selbstliebe und abstrakte Erfolgs-Mindsets predigt („Affirm: my income will double this month“).

Ganz im Gegenteil: Lisa Jaspers (Folkdays) und Naomi Ryland (tbd*) sind als etablierte Unternehmerinnen schonungslos ehrlich – mit ihrem Publikum, als auch sich selbst – und rechnen auf kompakten 156 Seiten mit einer VC-getrieben, verblendeten Start-Up-Szene ab, die Perfektion und Angeberei fördert. Selbst, wenn dabei die eigene Persönlichkeit, Freundschaft und Spaß am Produkt auf der Strecke bleiben.

Erzähle stets, dass bereits ein anderer Investor Interesse hat!“, „Senke deine Stimme!“ und „Sag, dass du deine Konkurrenz zerstören möchtest!“ sind Tipps, die Naomi zu Beginn ihrer Investment-Suche öfters zu hören bekam. Lisa wiederum war damit beschäftigt, ihre Emotionen in Schach zu halten, – denn die haben bekanntermaßen nichts auf der Arbeit zu suchen.

Mission: Purpose-driven leaderships etablieren

Als Freundinnen haben die beiden 2019 schließlich dieses – Entschuldigung für das Buzzwort, aber hier passt es tatsächlich – inspirierende und mutmachende Buch geschrieben, in dem sie nicht nur ihre eigenen Fehler wie Arroganz und Delegationsschwierigkeiten, angstgetriebene Quitting-Fantasien und Hiring-Learnings aus den vergangenen zehn Jahren anekdotisch aufarbeiten, sondern auch sieben andere Heropreneurs und deren Statements einbetten.

Um anderen Frauen* zu zeigen: Seht her, ihr müsst nicht auf Teufel komm raus wachsen, Angestellte misshandeln, Homeoffice verbieten oder Business-Relations eingehen, auf die ihr keinen Bock habt. Ihr könnt ihr selbst sein, wenn ihr euch mit den passenden Partner*innen umgebt.

Nur, wer gewillt ist, als Mensch zu wachsen, kann andere führen

Gut gefallen hat mir, dass das Buch laut ausspricht, was ich mir schon so oft gedacht habe: dass Menschen nicht in Jobs bleiben, in denen sie sich verstellen müssen, zum Beispiel. In denen sie Roboter als Chefs haben, die schablonenhaft und deeskalierend antworten, ohne Verständnis für die jeweilige Situation aufbringen und Feedback als vermeidbare Komponente bis zum bitteren Ende ausblenden.

“Those that do dare to challenge their bosses are typically put in their place very quickly.”

Oder, dass eine starke Work-Culture erstmals immer wichtiger ist, als die Strategie. Denn sobald Mitarbeiterinnen sich unwohl fühlen oder nicht mit der internen Kommunikation klarkommen, werden sie sich nach etwas Besserem umsehen. Arbeit sollte deshalb ein Ort sein, an dem Menschen wachsen können. Und nicht wie Topfpflanzen während des Sommerurlaubs verkümmern.

Team > alles

Naomi und Lisa berichten darüber, wie ihnen Therapie (und nicht Yoga) geholfen hat, sich selbst und damit ihre Employees besser zu verstehen, das richtige Maß an gesundem Wachstum zu erkennen und sich aus Tätigkeitsfeldern zurückzuziehen, für die sie nicht gemacht sind.

Die eigenen Stärken und Schwächen zu kennen, sich mit seinen Emotionen auseinanderzusetzen klingt basic – und doch wünschte ich, dass dieses Buch die eine oder andere Person lesen würde, die sich vor Arbeitsbeginn immer noch ein vermeintlich tadelloses Poker-Face aufsetzt und dabei glaubt, kompetent zu wirken.

“A lot of my success came from a place of effort and night shifts and diligence. You still need that but I feel like I could have arrived where I am now in a different way if I had taken more time with myself and for myself. Don’t mistake this for just yoga, meditation and healthy eating. Not the external things. We’re talking about therapy, basically.”

Naomi Ryland

Ein wenig unspannender fand ich diverse zwischengeschobene Modelle aus Reinventing Organizations (Frederic Laloux) oder praktische Tipps zur Organisation von Meetings oder Mitarbeiter*innengesprächen. Ganz einfach, weil ich a) lieber mehr persönliche Geschichten gehört hätte, und b) selbst kein Unternehmen, sondern glückliche Einzelunternehmerin bin.

Obwohl ich über weite Strecken nicken musste und trotz fehlender Führungserfahrung verstand, wo die Probleme größerer, hierarchisch geführter Organisationen liegen, musste ich ab und an ein seufzendes „Unrelatable“ ausstoßen, da die interviewten Frauen ein Level an Erfolg haben, das für die meisten Lesenden wohl genauso wie für mich in weiter Ferne liegt.

Lieber hätte ich kleinere digitale Business-Owner aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz gehört, und wie diese mit der Altbackenheit, Bürokratie und Misogynie der Länder umgehen, als erneut Einblicke aus dem entfernten „Work hard, play hard“-Sillicon Valley präsentiert zu bekommen. Selbst, wenn diese von Naomi und Lisa abgeschwächt, ent-mainstreamisiert und reflektiert widergegeben wurden.

Ich kann das Buch dennoch allen empfehlen, die sich schon immer mal gefragt haben, warum sie sich nach einer emotionalen E-Mail schlecht gefühlt und die Schuld bei sich gesucht haben.

Jenen, die keine Lust auf kräftezehrende Pitches vor einem Haufen weißer Start-Up-Dudes haben, die nur auf deine Teamgröße und Investment-Runden schielen oder ihr ganzes Leben lang einer entwerteten Arbeit ohne persönlicher Benefits oder Sinn nachzugehen.

„Work doesn’t have to be hard and it doesn’t have to be miserable, she told me. If it doesn’t feel right, do it differently.“

„I’m not sure it’s possible“, I replied.

“It must be”, she said.

And so our revolution began.

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