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30. September 2018
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Im letzten Jahr ist es mir zum ersten Mal passiert, dass ich auf der Straße erkannt wurde. Einmal war ich gerade dabei, meinen Weg auf Google Maps zu finden, als eine junge Studentin (hello, Zielgruppe) auf mich zukam und fragte: „Bianca? Bist du es?“ Kurz dachte ich, mir sei der Name einer Person entfallen, die ich auf einer Party kennenlernte, aber es handelte sich dieses Mal nicht um den Irrtum meines Gehirns. Die Frau kannte mich von Instagram, und hatte heute Morgen meine Story gesehen. Wir unterhielten uns freundlich, bis wieder jeder seiner Wege ging.

Ich weiß, wie viele Menschen täglich meine Storys sehen, und doch bleiben Begegnungen wie diese seltsam surreal. Schließlich sehe ich die Menschen nicht, die sich meine Inhalte reinziehen, sondern lese ihre Nicknames. Es hat sich etwas verändert, im letzten halben Jahr zwischen meiner Umgebung und mir, ohne, dass ich es konkret beim Namen nennen könnte.

Unbekannte fühlen sich verbunden mit dem, was ich darstelle und sorgfältig in meinem Feed kuratiert habe. Das zeigt mir, dass ich meine Arbeit gut mache. Unbekannte mögen mich, während ich weder persönlich-aktiv etwas dazu beigetragen habe, noch Anteil an ihrem Leben nehme. Sie loben, schätzen, kritisieren und stellen mal bewusst, mal unbewusst Erwartungen an mich, auch aufgrund meiner Texte, und möchten mich gerne privat auf einen Café treffen. Vielleicht, weil ich auch sonst als fixer Bestandteil griffbereit in ihrem Smartphone existiere.

„Zwar reden plötzlich Fremde mit einem, dafür Bekannte nicht mehr“, schreibt Anke Stelling. Und so in etwa fühle ich mich gerade auf meinem unvermeidbaren Weg zur public persona. Da gratulieren mir Leute zur Buchveröffentlichung, ohne zu wissen, ohne wissen zu können, wie ich mich als Bianca Privatperson Jankovska dabei fühle. Da möchten Follower wissen, „wie es so ist“ sich als Autorin hochzuarbeiten, ohne hinter die Arbeits-Kulissen meines Accounts zu blicken. Es herrscht ein Knowledge-Gap, den ich nicht immer persönlich bereit bin zu schließen.

“Every time I judge someone else, I reveal an unhealed part of myself.” Anonymous

Jene, die die (unternehmerische) Professionalisierung ihres Selbst noch nicht erlebten, und gerade nicht am eigenen Laib erfahren, fangen als Social-Media-Privatnutzer ungefragt an mir besorgte Ratschläge und Tipps zu geben, die unter professionellen Umständen Therapeuten, Coaches und der eigenen Mutter vorbehalten sind. „Bist du überhaupt echt?“, „Denkst du nur noch schwarz-weiß?“, „Tust du dir mit diesem Internet-Gedöns überhaupt einen Gefallen?“

Sie vergessen, dass ich meiner Publica Persona mehr Raum geben muss, um mich als Privatperson zurückziehen zu können, weil alles andere ungesund und strategisch kontraproduktiv für meine Zukunft wäre. Sie vergessen, nein, unterschätzen, dass ich Medienwissenschaft studiert, gelernt und unterrichtet habe, dass ich da reingewachsen und mir eine konkrete Strategie ausgedacht habe für meinen Account. Dass dieser bewusst nur ungefähr 10 Prozent meiner Gedanken und Gefühle widergibt und 1 Prozent meiner Real-Life-Beziehungen. Selbst, wenn es auf der Bildschirmoberfläche eventuell anders wirkt. Sie vergessen, dass sie vielleicht noch nie mit mir gesprochen haben, obwohl sie meine Stimme kennen und obwohl sie es gut meinen, manche Grenze sprengen.

“It’s hard being judged.
It’s hard being reviewed.”

Ich bin nicht hier, um Freunde zu machen. Sondern Bücher. Meine oberste Priorität ist und war das verschriftlichte, reflektierte Wort zum Zustand unserer Gesellschaft.

Ich bin gespalten, ganz klar, und fungiere für die einen in erster Linie als (hoffentlich) kompetente Wissensträgerin und für die verhältnismäßig wenigen anderen als Freundin, Partnerin, Enkelin, oder auch ehemalige Bekannte, die manche Wenige jetzt, so kurz vor der Buchveröffentlichung, nicht mehr genau für sich einordnen können. Und genau hier wird es brenzlig. Durch das relativ neue Medium Instagram und seinen tollen Einstellungen und Verbergen-Funktionen sind wir uns alle nicht im Klaren darüber, wo wir beim anderen stehen. Deshalb setze ich bei engeren Kontakten ausschließlich auf gute, alte Telefonate und WhatsApp.

Ich bin nicht berühmt. Ich bin nicht reich. Wer mich kennt, weiß, ich bilde mir nichts auf das klitzekleine bisschen medialer Öffentlichkeit ein – es ist mir sogar unangenehm. Und doch haben mir bereits diese +- 3500 Follower gezeigt, was sich mit dem Wachstum verändert: Man wird nicht nur idealisiert (Freundschafts-Red-Flag #1) und für vermeintliche Persönlichkeitszüge bewundert (Freundschafts-Red-Flag #2), man ist auch plötzlich eine billige Auskunftskraft für feministische Fachliteratur, Wien-Tipps und digitale Strategie. Man ist die per Knopfdruck verfügbare Ersatz-Freundin, weil es keine Regeln am Ort des Austauschs gibt. Man hat im Zweifel zu antworten, zu reagieren, zu agieren, wie es das Gegenüber für sich beansprucht, denn schließlich hat man ja auch angefangen mit diesen Worten im Internet und wenn man das nicht wollte, ja, was dann?

Wer so viel so (pseudo)nah preisgibt wie ich, sagen die einen, darf sich nicht wundern, wenn Grenzen überschritten werden. Ich sage: wer so viel so (pseudo)nah preisgibt wie ich, braucht bald digitale Bodyguards, wenn wir das nicht gemeinsam als Community klären. Selbst, wenn mir mein Job Spaß macht, er hat seine Schattenseiten. Auch hinter großen oder „größeren“ Accounts stecken Menschen mit Ängsten, Freunden, Zweifeln und der ganz normalen Überforderung, die dieses digitale Arbeiten mit sich bringt. Die Wenigstens sprechen darüber, weil sie befürchten, danach als schwach oder für den Job ungeeignet wahrgenommen zu werden. Ich stehe zu meiner Schwäche und versuche lieber offen darüber zu berichten, was es bedeutet als introvertierte, sensible Person Raum einzunehmen, als diese wichtige Diskussion unter den Teppich zu kehren.

Wer öffentlich erkannt wird, und sei es noch so selten, verkommt schnell zur entpersonifizierten Projektionsfläche für allerlei Gefühle. Seien sie negativ, oder positiv. Oder, um ein anderes Bild zu zeichnen: wenn ich Kelly Osbourne sehe, verbinde ich mit ihr auch bestimmte medieninduzierte Gefühle. Schließlich habe ich sie in den frühen Zweitausendern (Danke J. für den FB-Comment ;)) auf MTV mit ihrer Familie streiten gesehen. Ich habe gesehen, wie sie gestruggelt hat mit Alkohol und Drogen, ich kenne ihre Exfreunde, naja, zumindest von Fotos in anderen Magazinen und ich habe mir anhand der medialen Berichterstattung eine fundierte Meinung über sie bilden können. Ob diese nun der Realität entspricht, oder nicht. Ich könnte ihr jetzt einen Brief schreiben und mich darüber auslassen, wie scheiße ich Aktion XY von ihr finde. Ich könnte es aber auch einfach lassen, weil ich keine Ahnung habe.

Die Existenz, der bewusste Aufbau einer Public Persona verändert nach und nach, wie man sich gegenüber Fremden verhält, weil die Bewertung, der später nebenher abfällig geäußerte Kommentar mit im Raum schwingt. Wer sich 2018 über fehlende Authentizität bei Prominenten wundert, muss nur daran denken, wie diese von der Presse behandelt und auf sozialen Netzwerken verrissen werden. Der Shitstorm, die gemeine E-Mail ist eine permanente Variable, ein Nichtgefallen aus welchen Gründen auch immer.

Nun leben wir nicht mehr im Zeitalter der ausschließlich gedruckten und linear empfangbaren Massenmedien, sondern haben von Gott Kevin Systrom das Geschenk Instagram erhalten, mittels dem wir uns unseren Vorbildern oder Hassobjekten ganz, ganz nahe fühlen können. Und genau hier liegt das Problem: Für mich bin ich immer noch ich. Ich bin immer noch die gleiche unfrisierte Person, die abends am Fenster pufft und ihre beste Freundin beim morgendlichen Kakao anruft. Ich bin immer noch Bianca. Die aus 1220 Wien, die ihre Jugend auf Volleyballfeldern verbrachte und am liebsten jeden Tag vietnamesische Sommerrollen isst. Aber ich muss Grenzen schaffen. Nicht nur für mein eigenes Wohlbefinden und meine neue Rolle als freie Dozentin an der HU, sondern auch das meiner Follower.

Ich bin mehr als Insta, aber nur für wenige. Und das soll so bleiben. Alles andere ist Selbstausbeutung, no hard feelings. Ich möchte nicht Daniela Katzenberger werden. Katrin Rönicke beschreibt es in ihrem neuen Werk ganz schön: „Emanzipation ist immer eine Befreiung aus einer Abhängigkeit, bis zu einem Zustand, in dem Anerkennung, ein Recht auf die eigene Erzählungen und die Möglichkeit, über die eigene Zukunft zu bestimmen, bereits gegeben sind.“

Ich habe ein Leben. Eine Familie. Eine Beziehung. Prioritäten. Ich möchte nicht noch mehr mit dem Account und dem Buch in Verbindung gebracht und verwechselt werden, das ich erschaffen habe. Ich möchte die Freunde treffen, die ich habe, und nicht zig aufeinanderfolgende, lose Verbindungen herstellen, denen ich nicht gerecht werden kann.

Sonst halten mich Menschen wieder für ein arrogantes Arschloch, weil ich tagsüber an neuen Projekten arbeite und keinen Nerv habe, mit zwanzig Accounts gleichzeitig über eine Kleinigkeit zu diskutieren. Der Deal zwischen Autorin und Konsumentin wird für mich dort problematisch, wo die Autorin in eine vermeintliche Bringschuld gegenüber den Gedanken, Emotionen und dem Diskussionsbedarf der Beteiligten gebracht wird, was sie – abgesehen von ihrer generellen Leistung, nämlich Texte zu produzieren – in eine unangenehme Doppelbelastung drängt, die weder emotional noch monetär entlohnt, sondern für selbstverständlichen Service gehalten wird, der unter anderen Umständen nur tatsächlichen Freunden zukommen würde. Wer mich deshalb nicht mehr unterstützen möchte, hat mein vollstes Verständnis.

Ich finde, es ist genug, zu schreiben. Ich muss nicht überall mitdiskutieren und dabei sein. Ich möchte professionell erreichbar bleiben, und deshalb für mich eine dehnbare, aber doch vorhandene Linie ziehen, zwischen Followern, Konsumentinnen, Coaching- oder Workshopteilnehmenden und meinen Liebsten. Sympathie hin oder her: die Nicht-Trennung führt früher oder später zu Konflikten. Egal, wie gern ich manchen Follower habe.

Aus diesen Gründen habe ich mich dazu entschieden, die DM-Funktion für die meisten auszuschalten und mein privates Ich künftig noch weniger in meinen Account einfließen zu lassen.

Weil das Schönste, was ich habe, nicht nur eine woke audience und ein Platz in euren verständnisvollen Herzen, sondern immer noch ein gesunder Meter Abstand zum Internet ist.

In Liebe

 

Bianca

 

 

Abschließende FAQs

Da mir Klarheit und Transparenz wichtig sind, habe ich hier abschließend nochmal ein paar Fragen aufgeschrieben, die nach Lektüre aufkommen könnten.

Ich wünsche mir jedenfalls weiterhin, dass groschenphilosophin ein spannender Diskussionsort für alle bleibt, die dort eine Internet-Heimat gefunden haben, fleißig mitdiskutieren und mir durch ihr Engagement am politischen Diskurs große Freude beim Nachlesen bereiten.

Was wird sich ab 1.10 auf dem Account Groschenphilosophin für mich ändern?

Inhaltlich wird sich nicht viel ändern, da ich (hoffentlich) weiterhin einen Mehrwert für andere generiere und meine Community (<3) auch sehr aktiv ist. Der Feed wird wieder vermehrt automatisiert/professionalisiert, sodass ich weniger Zeit online verbringen darf.

DMs werden nicht mehr oder nur sehr sporadisch innerhalb der Öffnungszeiten beantwortet und sind nur noch jenen möglich, denen ich zurückfolge. Meine Aktivität auf der Plattform sinkt tendenziell, da ich mich als Content-Creator, und weniger als aktive Privat-Userin sehe, weil mir dazu neben meinen Jobs schlicht die Zeit fehlt. Sprich: ich bin sehr bewusst online und scrolle mich selten durch Feeds, was darin mündet, dass ich weniger sehe oder kommentiere.

Wer meine ungeteilte Aufmerksamkeit möchte, sendet mir also am besten eine E-Mail (über der Gürtellinie).

Wir haben vor dem 1.10 bereits Kontakt via DM gehabt. Findest du das jetzt störend?

Natürlich haben sich im letzten Jahr einige nette Kontakte ergeben, die ich jetzt nicht ratz-fatz wie ein Roboter abmoderieren und löschen werde. Keine Sorge! Ich bitte nur um Verständnis, wenn meine Antwort etwas länger dauert – und ich stehe für diejenigen, mit denen ich es schon abgemacht hatte, auch nach wie vor für ein Getränk in Wien zur Verfügung.

Damit ich mich sozial gerade während der Zeit der Book-Release nicht übernehme, hab ich mir selbst „socializing“ Aufnahmeverbot erteilt, um mich auf die Pressetermine und Lesungen konzentrieren zu können, zu denen natürlich alle herzlich eingeladen sind.

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