Kannst du dich erinnern, wann du das letzte Mal ein Wochenende ohne dein Smartphone verbracht hast? Damals, im Sportlager 2006, als dich nach deiner Rückkehr niemand vom Bahnhof abholte? Beim Campingurlaub in Bibione? In Cuba, als dein Netz einfach nicht so wollte wie du und der heiße Bartender? Nein?

Ich konnte es auch nicht. Bis heute. Freitagfrüh hatte ich den bombastischen Einfall mir selbst (haha, SELBST!) zu beweisen, wie unabhängig ich doch von meinem alltäglichen Begleiter agiere. (Antwort: Gar nicht)

Das Problem mit dem Beweisen beginnt schon damit, dass man das Gefühl hat, etwas zu müssen. „Ich beweise mir, dass ich drei Wochen ohne Schokolade leben kann.“ An was wird man die ganze Zeit denken, während man um Supermarktregale kreist? Richtig. Egal, ich hatte meinen Vorsatz gefasst und sperrte die Wohnung hinter mir zu.

Freitag
Gegen Nachmittag machte ich mich auf den Weg zum Haus meiner Großeltern. Ich hörte schlechte Musik (Standard) und freute mich über die zarten Wölkchen am Himmel. Sind die immer so? Und, ist es eigentlich wahr, dass „Menschen heutzutage“ mit gesenktem Blick aneinander vorbeilaufen?

Als ich ankam, waren meine Cousine und mein Cousin bereits für das Wochenende einkaufen gefahren. Warum ich denn nicht abgehoben hätte? Siehe oben. Stattdessen konnte ich mich schon mal mit dem Rest auf das sträflich vernachlässigte Fest namens Ostern einstimmen – oder wie Dedko es sagen würde: “Prineste mi víno!” Vino ist, habe ich mal gehört, international.

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Später hatte mein 19-jähriger Cousin den großartigen Einfall ins Zentrum zu fahren, um ein wenig zu end-pubertieren. Frauen „schauen“ und so, Würstel essen. Wer durfte das Auto steuern? Ohne Navi, ohne iPhone. Ziemlicher Scheiß. Nachdem wir uns dreimal verfahren hatten und 15 Minuten einen Parkplatz suchten, war meine Laune auf demselben Stand wie mein Promillepegel: 0,0.

Wieder später. Beim Nachhauseweg mussten wir an einer Tankstelle halten, weil wir ich komplett die Orientierung verloren hatte. Nove Mesto? Petržalka? Es hätte auch Brno sein können, wasweißich. War genauso unlustig, wie es klingt.

Fazit Tag 1: Die Zeit, die man beim Starren auf das Display verliert, bekommt man dadurch wieder, indem man viel schneller von A nach B findet. Im Endeffekt hatten wir mehr als eine Stunde länger gebraucht, als mit technischer Unterstützung.

Samstag
Erstmal bis halb eins pennen. Der erste Morgen ohne Kontrollgriff zu Whatsapp, iMessage, Instagram, Twitter und was man sonst noch installiert hat, aber jetzt nicht unbedingt aufzählen möchte. Ja, es ging mir gut. Mir fehlte nichts. Ich setzte mich in die Küche und trank den ersten Kakao seit langem. Ich war fast nicht neugierig, aber – leider – nur fast.

Ich dachte mit einer derartigen Intensität an mein iPhone, wie nicht an manch verflossenen Liebhaber. Mit einem iPhone teilt man mehr, als einem lieb ist. In guten, wie in sehr guten Zeiten. Und in beschissenen.

Es weiß, wie du morgens aussiehst. Du sprichst manchmal zu ihm, berührst es beinahe zärtlich, während du vor Wut köchelnd deine Worte in die nicht mehr haptisch spürbaren Tasten hämmerst.

Dein Smartphone ist vielleicht sogar das Erste, was du morgens anfasst und du legst es erst wieder zur Seite, wenn andere Beschäftigungen dazwischen kommen. Essen und ficken zum Beispiel. Da mache selbst ich Ausnahmen.

Ich habe nicht mitgezählt, wie oft ich an meine momentan nicht abrufbaren E-Mails gedacht habe. Es waren ungefähr siebenundachtzig Mal. Mein Gott, aber grob geschätzt. Und immer nur ganz kurz, ja? Ich esse auch nur einmal die Woche Fleisch, jetzt ist aber Ende hier.

Dazwischen habe ich allerlei Dinge gemacht, die es nicht lohnt aufzuzählen. Im Schnelldurchlauf: Ich habe mich zwei weitere Male verfahren, war auf einer versifften Gabber-Party im Sub Club (pics and it DID happen), die in Österreich ihresgleichen sucht und habe mir einen pastellfarbenen Mantel gekauft, weil mich die Cousine zum Konsumieren in ein nahegelegenes Einkaufszentrum verschleppte. Die Gespräche waren gut, die Ente auch. Das Kraut nicht. Ich hasse Kraut, egal welche Farbe.

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Ich fühlte mich befreit (oder redete es mir zumindest ein), von all den unnötigen Spielereien, mit denen man versucht einer höflichen Konversation bei Tisch zu entfliehen. Und doch muss ich sagen, dass der Unterschied zwischen einem Leben mit und ohne Smartphone nicht merklich spürbar war. Die Gedanken waren dieselben.

Fazit Tag 2: Ob das Handy am Tisch liegt oder nicht, für die Gespräche ist man selbst verantwortlich. Wer gerne minutiös kontrollieren möchte, was in einer Online-Parallelwelt passiert, um die Sucht zu befriedigen, kann ja die Push-Nachrichten aktivieren und ansonsten so tun, als ob das Ding nichtexistent wäre.

Anmerkung: Vielleicht wäre ein längerer Entzug sinnvoll.

Sonntag
Ich hasse Sonntag schon unter “normalen” Umständen. Diesmal lag ich gemeinsam mit J. und D. im Bett und hätte mich in meiner halbverkaterten Stimmung am liebsten mit irgendetwas beschäftigt, das nicht im Entferntesten mit Lesen oder Fernsehen zu tun hatte. Oder Sprechen.

Niemand wollte rausgehen (zu kalt), die Geschäfte hatten zu (Scheißkatholiken) und mein Opa hielt wieder einen seiner Vorträge über die guten alten sozialistischen Zeiten und dem, was davon noch übrig war. 350 Euro Pension, um genau zu sein.

Irgendwann nachmittags war der Suchtdruck besonders stark, woraufhin ich ein Gespräch über Bourdieu initiieren wollte. Meine Tante lachte mich aus. Nachdem sie mich sonst nie Deutsch sprechen hört, muss mein „akademisch“, das mir durch jahrelange universitäre Be-sozialisierung aufgezwungen wurde, für sie (und alle anderen, die mich länger als drei Jahre kennen) einfach nur lächerlich klingen.

Das Schönste an Ostern ist immer noch eine Familie, die sich nicht die Bohne für deinen Beruf interessiert. Du wirst immer die sein, der man rät, Schlapfen zu tragen, damit sie sich nicht verkühlt. Die, die vorsichtig sein soll, der man abends noch Brötchen schmieren möchte und Tee warmstellt. Niemand weiß, was die re:publica ist, oder was ich eigentlich sonst so in meiner Freizeit „in diesem Internet“ mache. Ich bin und bleibe dreizehn. Es ist geil.

Montag
Ich möchte nachhause. Ich möchte mein iPhone einschalten und meine Zeit mit ihm (IHM!??!?!) verbringen. Gelesen habe ich die letzten Tage, immerhin 180 Seiten Bukowski, aber das reicht mir nicht, ich möchte meine mentions checken, wieder ein bisschen ranten, mich selbst inszenieren, retuschieren, Freunde anrufen und Sprachnachrichten hineinsprechen, in das gute alte Gerät, das beim Abspielen hängt.

14:53. Sara Hassan folgt dir jetzt.

Verpasst habe ich: erstaunlich wenig. Kann man alles noch die Woche erledigen.

Ob ich diese kurze, smartphonefreie Zeit empfehlen würde? Muss nicht sein. Also nein. Man denkt ohnehin daran, man wird die Nachrichten später lesen und ob man sie nun gleich liest, oder dann, macht für mich persönlich keinen Unterschied.