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12. September 2018
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Ich kam gerade von einer Recherche in Friedrichshain und war gutgelaunt auf dem Weg zurück nach Hause, als eine DM in mein Postfach eintrudelte. Es war diese Sorte DM, die ich in letzter Zeit schon einmal zu oft bekommen hatte. Kein Dickpic, aber ihr Sichten hatte tatsächlich einen ähnlichen Effekt auf meine Nerven.

Ab hier scheiden sich die Geister. Während die einen eine „ganz normale Frage“ einer Userin sehen, sehen die anderen das bewusste Auslagern der eigenen Verantwortung, das Aussaugen einer kritischen, öffentlich tätigen Frau (in diesem Falle: mir), die ihr Wissen ohnehin schon den ganzen Tag kostenlos ins Internet verbrät – noch dazu inspiriert von einer Funktion („Ask me anything“), die normalerweise dazu da wäre, andere nach ihrem Lieblingstier zu fragen. Zumindest hatte ich genau das erwartet! Ich wollte Spaß haben, neben all der Arbeit auf Instagram und mir für einen Abend nicht den Kopf über die Auswirkungen von Public Relations auf den Journalismus zerbrechen oder Ähnliches, womit ich mich tagsüber gerade für einen neuen Kurs beschäftige.

Wie kam die Person auf die Idee, mich als fachlich Unqualifizierte für Recherchezwecke zu missbrauchen, die sie ganz einfach selbst hätte tätigen könnte? Wie kam sie auf die Idee, anzunehmen, dass ich neben Auftragsarbeiten, Buchprojekten, Workshops und Lesungen Zeit hätte, ihre Uni-Arbeit zu erledigen? Und das auch noch kostenlos? Denn – unter uns – wer im Master noch immer nicht weiß, wie er an gute Literatur kommt, hat etwas falsch gemacht. Als Fachfremde müsste ich mich selbst erstmal drei Stunden in das Thema einlesen, das klar im Fachbereich der Linguistik und nicht der Publizistik angeordnet ist, um danach ein Urteil fällen zu können. Wer mich kennt, weiß, dass dieses Verhalten weniger mit fehlender Hilfsbereitschaft, als mit Prioritäten zu tun hat.

Was ich erlebte, war ein klassischer instagram-induzierter Rollenkonflikt: Du postest, also bist du da. Immer. Für jeden. Ansprechpartner in crime.

Instagram erzeugt wie kein anderes Medium eine meines Erachtens gefährliche Nähe, die in der Realität gar nicht gegeben ist und erschwert es, sich sowohl aus Sicht der Produzentin, als auch der Lage der Konsumentin, abzugrenzen. Oder warum hatte ich dieses Problem noch nie via E-Mail? Wieso bekomme ich diese Nachrichten nur und zwar ausschließlich auf Insta?

„Wer bezahlt mich für das? Wer dankt es mir nicht einmal mit einem Steady-Abo? Geht selbst recherchieren! Lest! Ich bin nicht eure kostenlose Ideen-Fabrik. I studied for this, I worked my ass off. PS: buy my book. Or google shit“, kommentierte ich die Anfrage öffentlich. Zur Einordnung: Steady ist eine Crowdfunding-Plattform, mit der Medienmacherinnen verlässlich online Geld verdienen können – ohne Werbefinanzierung. Dafür soll ein Teil des Publikums Mitglied werden, das monatlich oder jährlich einen fixen Betrag (meist ab 2,50 im Monat) zahlt, weil es die Publikation unterstützen oder Zugang zu exklusiven Inhalten möchte.

Danach waren meine Umfragewerte erstmal im Keller – zumindest bei jenen, die bis dato dachten, ich sei ihre Wissens-Privatentertainerin. Als “unverschämt” bezeichneten sie mich anstelle jener, die mir täglich solche Nachrichten sandten. Ich konnte im Minutentakt verfolgen, wie mich Accounts verließen, die ich die letzten Monate mit meinem konsistenten Feed und meinen Netflix-Reviews, meinen kritischen Buchauszügen über das Wellness-Syndrom und Erklärstücken zu Neid in der Geflüchtetendebatte angefüttert habe. Sobald ich über meine Arbeitsbedingungen sprach, war bei vielen Schluss mit Unterstützung. Frei nach dem Motto: “Sowas kann man doch nicht auf Insta bringen! Wir wollen uns doch gut fühlen und liebhaben.”

Die Entfolgten wollten meinen Content – bis dahin – waren aber nicht bereit zu reflektieren, was ihre teils übergriffigen Handlungen für mich am anderen Ende des Bildschirms bedeuteten (Stichwort: Emotional Labour im Journalismus). Es war das erste Mal, dass ich so öffentlich darüber sprach, Geld zu brauchen, um meinen Blog und mein Insta in der qualitativ hochwertigen Art weiterführen zu können, was pro Woche locker 10 Stunden verschlingt.

Meine klare Haltung, dass Content im Internet eben nicht automatisch gratis sein sollte, nur „weil es dieses Social Media“ ist, dass ich Geld für meine unbezahlte Vermittlungsarbeit (die mir sehr viel Spaß macht) brauche, hat viele in einen moralischen Konflikt geführt.

„Es herrscht ein krankes Verhältnis dazu, seine Schulden zu begleichen, oder für etwas, was man kostenlos bekommt, ständig kostenlos konsumiert, Geld zu zahlen, obwohl es eigentlich richtig wäre“, sagt mir die kluge Lydia Herms via Sprachnachricht. „Jemand der kostenlos deinen Newsletter abonniert, und deine Storys liebt und deine Texte teilt und sich fühlt wie ein Fan, oder profitiert von deinem Mut, sollte im Prinzip zumindest dankbar dafür sein (lacht). Die Konfrontation deinerseits dafür Geld zu verlangen, damit es diesen Service weiter gibt, hat Menschen da getroffen, wo es wehtut.“


“Natürlich hab ich ad hoc Zeit, mal schnell in meinen
50000 Unterlagen zu kramen für dich, während ich im Bademantel im Flur stehe, Lisa!”

„Sie haben gedacht, sie könnten deine Kreativität, deine Texte, deine Wut, deinen Witz – was du ihnen alles so bietest, oder was sie von deinem Profil ziehen für sich – sie könnten das für immer kostenlos beziehen und du stellst ihnen jetzt ein Ultimatum: Das ist nicht so kostenlos, ich kann mir das nicht leisten auf Dauer. Das ist Teil meiner Existenz, meines Lebens, meines Selbstverständnis von Arbeit und du hast sie damit konfrontiert und in die Bredouille gebracht. Und dann haben sie sich gedacht: ne, für soetwas bezahl ich nicht, dann entfolge ich ihr eben. Sie könnten auch selbstbewusst sein, und dir trotzdem folgen, aber davor haben sie Schiss. Weil sie ganz genau wissen: sie können es sich wahrscheinlich doch leisten. Aber sie wollen es nicht.“

Diese Ungerechtigkeit schienen dann doch auch ein paar andere gespürt zu haben. Mein E-Mail-Posteingang hörte gar nicht mehr auf, zu klingeln. Für zwei „Entfolgungen“ bekam ich einen zahlenden Abonnenten dazu. Für zwei Menschen, die meinten, das “könne ich doch nicht machen”, kam einer dazu, der verstand, dass Groschenphilosophin.at kein Hobby ist, sondern verdammt nochmal Kraft, Hirn und Zeit kostet. Und dafür bin ich sehr dankbar, denn Studien zeigen, dass zwei Drittel derer, die sich im Internet über Politik informieren, grundsätzlich nicht bereit sind, zu zahlen. Das zeigen Ergebnisse einer Untersuchung aus dem Jahre 2016 des Allensbacher Instituts für Demoskopie. Einem knappen Drittel der repräsentativ Befragten sei dabei übrigens klar, dass den Verlagen durch das kostenlose Angebot von Artikeln im Internet Geld fehlt, um guten Content zu finanzieren.

Um noch einmal zurückzukommen: Was mich an der Situation am meisten störte, war das bewusste Übertreten einer Grenze, das auf Instagram immer wieder passiert, das hinterher als „Oh sorry, war doch nur eine ganz normale Frage“ kaschiert wird. Erst sonntags kam eine andere DM rein, in der mir jemand sein Herz ausschütten wollte, und meinte, dass „wir das gerne auch via Sprachnachricht machen könnten“. Bin ich Oprah oder was?

Habe ich irgendwo auf meiner Website geschrieben, dass ich kostenlose Coachings und Beratungen anbiete? Hättest du dieselbe Frage auch einem Mann gestellt? Es war Sonntag, ich gerade auf dem Weg zum #berlinliest-Literaturfestival mit einer Bekannten, um Zeit mit genau dieser verbringen.

Und hier kommen wir zum entscheidenden Punkt: Ich bin durchaus gewillt, mir diese Angelegenheiten von meinen Freunden anzuhören und sofort darauf einzugehen. Aber nur, weil ich eine öffentliche Person bin, die guten Content macht, macht mich das noch nicht zum Wissens-Punching-Bag, den man vollmüllen und zulabern kann um jede Uhrzeit des Tages. Ich bin nicht mehr Studentin, ich bin Professional. „Wir müssen holen, was uns zusteht, wir müssen verstehen, was uns genommen wird“, schreibt Charlotte Roche in ihrer SZ-Kolumne. Wir sollen nicht denken: Es ist unsexy, geldgeil zu sein. Wir sollen denken: „Meine Arbeit ist geil, du willst mich, du brauchst mich und du bezahlst gerne dafür.“ Mit Geld kann man sich in unserer Gesellschaft nun mal eine Wohnung leisten und das bisschen Freiheit, das an einem guten Tag nach fünfzig E-Mails übrig bleibt.

Inzwischen habe ich knapp 220 von 400 Euro beisammen – und mein Steady-Einkommen innerhalb einer Nacht verdoppelt.

My heart will go on – für genau diese Menschen. Und auch für jene, die mit mir chatten wollen zum Clinch zwischen Nicki Minaj und Cardi B beim Abendessen.

PS: Kauft mein Buch. Wirklich. Da steht auf knappen 100 Seiten (Kapitel 2) genau das und vieles mehr, was ich hier über die digitale Arbeitsgesellschaft predige. Und lest den Stuff, der schon draußen ist (und meine FAQs). Ich betreibe dieses Baby nicht erst seit gestern.

Danke für die Aufmerksamkeit, die Abos, den Hate.
Ich halte das aus. Since 1991.

Eure
Bianca

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