Freunde des Sommers, ihr könnt eure ausgeblasenen Luftmatratzen in den Händen halten und über den Herbst sagen, was ihr wollt – dass er dunkel ist und kalt, euch eurer Sommerkleider beraubt und die Endlichkeit des Tages offenbart – und doch: Es gibt keine andere Jahreszeit, in der das Licht perfekter auf seine Umgebung fällt und darin alles potenziell Hässliche wie mit einem Pinsel in ein schmeichelhaftes Licht taucht, als diese.

Der Herbst, mit seinen heruntergefallenen Kastanien und gelbbraunen, auf dem Gehsteig liegengebliebenen Blättern, die man zum Höhepunkt ihrer Jugend glasieren und am liebsten gar nicht aus dem Weg räumen würde, er gehört zur Standardausstattung eines erfolgreichen Nachmittagsspaziergangs dazu. Selbst die kahlste Vorstadtstrasse und der vernachlässigte Zaun um Nachbars Garten wirkt sonnentrunken liebevoll. Im Herbst, da wird alles und jeder leise, nachdem sich die Feierwütigen monatelang vollgesogen haben, mit Gerüchen und neuen Menschen samt ihrer Eigenheiten. Im Herbst heisst es Tiefgang und das, was kam, auf Langzeit testen.

Es reicht nicht, die Präferenz für die dunkle Hälfte des Jahres auf den Herbst allein zu schieben. Es ist ein charakterimmanentes Hingezogensein zur Melancholie und Brutalität nordischer Städte, ohne in ihnen verloren zu sein oder das, was anderen an ebendiesen Orten fehlt, zu missen.

Das Gefühl, erst in einem Mantel mit passenden Schuhen angezogen zu sein.
Die so oft wie möglich vermiedene Qual, bei Temperaturen um die 35 Grad touristischen Attraktionen in Südeuropa nachzueifern und der Zwang, dabei bis in die frühen Morgenstunden mit anderen lustig zu sein. Wer den Herbst wahrhaftig liebt, könnte selbst auf die Baderei verzichten, wenn er stattdessen Laub und eiskalte, saubere Luft vor seiner Haustür hätte.

Die, die sich schon ab Dezember auf den Sommer freuen, vergessen, dass sie spätestens im Juni mit schweissverklebten Oberschenkeln in viel zu vollen Verkehrsmitteln sitzen werden, und sich darüber beschweren. Beschweren, dass es heiss ist, beschweren, dass es stinkt. Dass die Trinkflasche zuhause vergessen wurde und der Durst Überhand nimmt, wenn man erst auf halbem Weg zum Schwimmbad ist. Dass alle Orte, die man so gerne hat, hoffnungslos überfüllt sind mit Touristen in Flip-Flops mit Chips.

Der Sommer, er hat trotz seiner nicht zu verneinenden Höhepunkte dieses treibende, hastige Element, das eine Panik verbreitet, als ob es für alle Beteiligten der letzte ihres Lebens wäre. Schnell, schnell, noch ein letztes Mal ins Schwimmbad, noch ein letztes Mal Eisessen, ein letztes Mal ins Sommer-Open-Air-Kino – kurz nachdem man gemerkt hat, dass es überhaupt offen ist. Die Eventbranche hat einen Narren an ihm gefressen. Der Sommer füllt die Kassen für die ereignisarmen Monate bis zur Weihnachtszeit, in der der rote Teppich für den Trubel aus einer neuen Perspektive ausgerollt wird.

Der Herbst wird gerne vernachlässigt mit Liebeserklärungen. Dabei gibt es vieles, das man ihm sagen könnte. Dass er die Ruhe nach Hause bringt, gemeinsam mit einer Kanne heisser Schokolade und uns endlich wieder erlaubt, abends nicht das Haus zu verlassen.

Er hat uns die Freiheit zurückgegeben, ohne uns dafür verantwortlich zu machen und den sozialen Druck aus Veranstaltungen genommen, zu denen wir nicht gehen wollten.
Er bringt Kürbisse und Kürbissuppen, orangefarbene Felder und sich im Licht räkelnde Baumspitzen. Wollsocken zurück in die oberste Schublade der Kommode und Spaziergänge mit den Liebsten, die in heimeligen Cafés und guten Gesprächen enden.

Der Herbst, er steht auch immer für einen Neuanfang der eigenen Geschichte, selbst wenn man schon längst nicht mehr zur Schule geht. Er ist die beste Zeit, um Sprachkurse und neue Hobbys für sich zu entdecken und in den noch leeren Kalender einzutragen. Er ist die Zeit, um wieder mit dem Sport anzufangen, den man in seiner Jugend aufgegeben hat und er ist auch die Zeit, in der sich das getriebene Herz nach all den Auf und Abs, Enttäuschungen und Klagen bei Freundinnen festlegen kann, auf jemanden, der genauso gerne gemeinsam morgens aufwacht wie abends schlafengeht.

Der Herbst könnte ruhig das halbe Jahr dauern und dem Sommer ein paar dieser Tage stehlen, an denen man vor Hitze geplagt auf dem Sofa liegt und wie ein gemeuchelter Hund mit ausgestreckter Zunge nach Atem hechelt. Ein paar dieser Tage, an denen man insgeheim schon auf Abkühlung hofft, ohne den anderen mit dieser vorlauten Äusserung den Tag zu verderben.

Der Herbst ist der heimliche Sieger unter den Jahreszeiten, wenn es einen Wettkampf gebe; der, der langsam aufholt und dann kommt, wenn man schon gar nicht mehr mit ihm gerechnet hätte. Und dann ist er da. Der Moment, in dem man merkt, dass man abends eine dünne Jacke brauchen wird und die Sandalen gemeinsam mit den guten Erinnerungen an die Hitzemonate zurück in den Keller packen kann.

Wer den Herbst liebt, bevorzugt das, wofür er von anderen gefürchtet wird und erkennt die Schönheit in einer Art, die nicht für jeden offensichtlich ist.

Herbst, wie habe ich dich vermisst.