„Dein Freund sieht aus wie eine Schwuchtel!“ Ich war 15, als ich diesen Satz zum ersten Mal hören sollte. Verliebt wie wir waren, machte es mir wenig aus. Trotzdem habe ich diese Anfeindung eines Klassenkollegen bis heute nicht vergessen.

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Dass es eine unveränderliche, wahre Männlichkeit gibt, ist massenkulturell fest verankertes Wunschdenken. Man kennt die Floskeln, mit denen einschlägige Magazine jeglichen Fortschritt in puncto Geschlechterfragen untergraben wollen: Von ,,richtigen“ Männern, und ,,natürlichen, männlichen Instinkten“ ist dann die Rede, die wahrscheinlich auch dafür verantwortlich sind, dass Männer sich naturgemäß nicht um Kinder kümmern können. Right? Es fällt auf, dass sich wahre Männlichkeit fast immer vom männlichen Körper ableitet, daher einem männlichen Körper innewohnt oder zumindest etwas über einen männlichen Körper ausdrückt. Der Körper bleibt die Ausgangslage für eine Reihe von Vorurteilen.

© Rae Grimm, Rochus Wolff, Beatrice Behn
© Rae Grimm, Rochus Wolff, Beatrice Behn

Dabei gibt es gar kein einziges, überall anzutreffendes Männlichkeitsmuster. Wir müssen nach Connell tatsächlich von ,,Männlichkeiten“ im Plural sprechen. In multikulturellen Gesellschaften wie der europäischen von heute, herrschen vielzählige Definition und Dynamiken von Männlichkeiten vor. Unterschiedliche Männlichkeiten reihen sich nicht Seite an Seite, es bestehen klar umrissene soziale Beziehungen zwischen ihnen. Während einige Männlichkeiten dominant sind, werden andere an den Rand gedrängt, verdrängt.

Es gibt sie, die ,,hegemoniale Form der Männlichkeit“ oder das, was heute als Spornosexual die Runden macht.

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© Rae Grimm, Rochus Wolff, Beatrice Behn

Es ist diejenige Form der Männlichkeit, die am anerkanntesten oder begehrtesten ist. Das schließt nicht mit ein, dass sie die bequemste oder unbedingt geläufigste Form der Männlichkeit sein muss. Ein früheres Beispiel dafür wären Sportidole, die die Gesellschaft als Prototypen hegemonialer Männlichkeit deklarierte. Das Nacheifern kann für Männer zur Zerreißprobe werden – das weiß jeder, der es mit der Beinpresse ab und an ein wenig zu wild treibt.

Wieso wird eigentlich davon ausgegangen, dass die meisten Frauen* figurtechnisch auf Channing Tatum stehen? Dass wir® starke Oberarme wollen, breite Schultern, durchtrainierte Bäuche und kurzrasierte Seiten?

In der 6. Staffel von The Big Bang Theory ringt Raj mit seiner – nicht besonders stark ausgeprägten – „männlichen“ Seite. „I wanted you to think I was more manly“ sagt er zu Lucy, als diese ihn auf sein merkwürdiges Mackerverhalten im Basketballshirt aufmerksam macht. Sie war sichtlich wenig begeistert.

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Ich spreche hier nicht nur für mich, sondern auch für all die anderen Frauen, die sich tendenziell eher zu Männern hingezogen fühlen, deren Habitus innerhalb der kritischen Männlichkeitsforschung einen ganz eigenen Terminus zugewiesen bekommen hat: „Straight Queer Masculinities“. Das Paradebeispiel für einen widersprüchlichen Männlichkeitstypus. Unter „uns“ gesagt: Meinen bevorzugten. Und ja, das an dieser Stelle zu sagen ist politisch, stehe ich damit – abseits von Abenden mit meinen schwulen Freunden – nämlich meist ziemlich alleine da und kann mir Sachen anhören wie:

„Findest du nicht, dass der viel zu dünn ist?“
„Ach, so ein Bubi! Da ist ja gar nichts dran an dem.“
„Bist du sicher, dass er nicht schwul ist, so wie der sich anzieht?“

Ich habe es so satt, dass ich es heute zum ersten Mal öffentlich als Thema platziere. Der Begriff wurde vom amerikanischen Soziologen Robert Heasley eingeführt und bezeichnet eine Form von abweichender Männlichkeit bei heterosexuellen Männern.

,,Many straight men experience and demonstrate ‘queer masculinity,’ defined here as ways of being masculine outside hetero-normative constructions of masculinity that disrupt, or have the potential to disrupt, traditional images of the hegemonic heterosexual masculine. The hegemonic heteromasculine is represented culturally in the icons of religion, sports, historical figures, economic and political leaders, and the entertainment industry. In these arenas, males are presumed to be straight and hold stereotypically masculine beliefs, attitudes, and values unless and until they present themselves as other.” (Heasley 2010: 310)

Heasley schreibt in „Queer Masculinities of Straight Men: A Typology“ über seine Erfahrungen als „straight queer masculinity“. Desöfteren wurde er von hetereosexuellen Männern gefragt, ob er homosexuell wäre. ,,I talk with my hands, my voice is not so deep, I care nothing about major sports, I am clearly a feminist and talk about gender, rape, violence, and I question male socialization.” (Heasley 2010: 312) Eben genannte Attribute wurden dabei als Indizien für seine Homosexualität genannt und zeigen dabei deutlich, wie Männlichkeit scheinbar nicht sein sollte.

Durch das Ziehen von sozialen Grenzen und der Feindseligkeit ,,normaler“ Männer gegenüber Schwulen definiert sich ,,richtige“ Männlichkeit als Abstand zu dem von ihr Geächteten.

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Wenn ihr mich (oder Connell, haha) fragt, sollten wir endlich damit aufhören, Männlichkeit oder Weiblichkeit krampfhaft als ein Objekt zu definieren. Ich für meinen Teil bin froh, dass es (auch) Männer gibt, die sich ausgefallen kleiden, nicht für Fußball interessieren und genügend Selbstbewusstsein entwickeln konnten, um sich von all den blöden Sprüchen nicht runterziehen zu lassen.

Video-Empfehlung: Walk Like A Man, Talk Like a Man von Rae Grimm, Rochus Wolff, Beatrice Behn

Literatur

Connell, Robert (2006): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. 3 Auflage. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

Heasley, Robert (2010): Queer Masculinities of Straight Men: A Typology. In: Men and Masculinities. Bd. 7