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19. Dezember 2017
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Es ist mal wieder passiert: nach meinem Erklärstück zu Emotional Labour auf ZEIT Online, das leider ohne weitere Rücksprache mit einer reißerischen Sexismus-Headline angeteasert wurde (das Problem hat sich mittlerweile erledigt, die Redaktion entschuldigt), trudelten die Mentions ab 7:30 morgens auf meinem Smartphone ein.

Ich sei „unreflektiert, manipulativ,“ und würde absichtlich ein Mann-Frau-Thema aufreißen, um „in die Irre“ zu führen. Ein schöner Morgen war das, irgendwo zwischen Schadensbegrenzung und Duschen. Ein Morgen, wie ich ihn schon oft erlebt habe.

Egal, ob es um feministische Anliegen oder die deutsche Klassenfrage geht: sobald ich einen Text zu einem brisanten Thema veröffentliche, stellt sich mir eine Frage: wie viel Arbeit und Energie möchte ich heute in die Verbreitung meiner Gedanken via Social Media stecken? Werde ich einen entspannten Abend mit Freunden verbringen, oder nebenbei alle achtzehn Sekunden mein Smartphone checken müssen? Meist wird der Prozess automatisiert, indem ich von Medienhäusern getaggt werde. Dann muss ich – im worst case natürlich – etwas ausbaden, weil die Headline falsch gewählt wurde.

Lesetipp: Dinge, die man als kritischer Rezipient über Online-Journalismus wissen sollte

Wie viel ist die Verbreitung eines Artikels wert? Wie viele Follower. Wie viele Likes. Wie viele Stunden meiner Lebenszeit, die der Akt nach sich zieht, weil ich die Flut an Meldungen selbst bearbeiten darf? Wie viele heimlich Mitlesende werde ich vor den Kopf stoßen, wie viele werden mir entfolgen, weil ich etwas gesagt habe, das nicht 100 % mit dem übereinstimmt, was die Masse denkt, oder was sie von mir denken – oder, andersrum: wie viele neue Menschen werden sich an mich wenden, weil ich etwas angesprochen habe, das schon länger in ihnen gärt? Es ist ein zweischneidiges Schwert: einerseits bin ich als Autorin von der öffentlichen Resonanz und der Sharebar- und Streitbarkeit meiner Artikel abhängig, weil es meinen Marktwert beeinflusst (Kritik dazu gibt es zB. auf niemanlab), andererseits ist Social Media höchstens ein Teilaspekt meines Jobs. Ich bin nicht dazu verpflichtet, anderen zu antworten oder zu gefallen. Schlecht wäre es allerdings nicht.

Die Anstrengung, Konsumenten nicht zu enttäuschen, Anforderungen gerecht zu werden und dabei einen guten Job zu machen, trägt einen Namen: Emotional Labour. 1983 prägte die US-amerikanischen Soziologieprofessorin Arlie Hochschild den Begriff, um die Arbeit von Flugassistentinnen und Fahrscheinkontrolleuren zu beschreiben, die ständig ihre eigenen Gefühle regulieren müssen, um zu funktionieren. Das Konzept Emotional Labour kommt genau zur richtigen Zeit, um unsichtbare, unbezahlte Arbeit zu benennen.

Social Media Manager üben ebenso Emotional Labour aus, um Fritz aus Gelsenkirchen ein gutes Gefühl bei seinem grenzwertigen Kommentar zu vermitteln wie Sekretärinnen, die mit bissigen Chefs und Patientinnen zu tun haben.

Nicht umsonst gibt es den Begriff der sozialen Rolle, die den Spielraum eines Individuums je nach Kontext definiert.

Emotionsarbeit im Journalismus wurde bislang aus unterschiedlichen Gründen kaum öffentlich thematisiert. Sie ist da, ganz klar, aber die wenigsten dürfen sie benennen – aus Angst, den Job oder das Gesicht zu verlieren. Auf meine Interview-Anfrage antwortet eine bekannte Größe der Berliner Journo-Szene, er fürchte, nichts sagen zu können. „Also zumindest nicht offiziell.“

Nicole Schöndorfer, Journalistin und Feministin in Wien, ist bereit, ein Statement abzugeben. Pro Artikel bringt sie meist mehrere Stunden auf, um auf Kommentare zu reagieren. „Wenn ein Artikel erst einmal gut geht, dann kann es auch sein, dass ich alle paar Minuten nachschaue, wen er so erreicht. Es gibt immer wieder Diskussionen und Debatten über Hass im Netz und Hatespeech, die Emotionsarbeit einbinden. Aber für sich alleine wird sie kaum behandelt“, sagt Schöndorfer. „Es ist wahrscheinlich ein klassisches Thema, über das nicht gerne gesprochen wird, weil es um Gefühle und um eventuelle Schwäche geht. Was ich für falsch halte.“ An der Fachhochschule für Journalistik hat Schöndorfer vor allem gehört, man „müsse mit Gegenwind umgehen lernen.“ Sie sagt: „Mich belastet vor allem, wenn mich jemand angeht, den ich kenne. Jemand, mit dem ich sogar einmal befreundet war. Da wird mir immer ein bisschen übel.

Lesetipp: Über die Angst, Texte unter dem eigenen Namen zu veröffentlichen 

Obwohl wir Journos und Social Media Manager (SMM) keine ausgebildeten Sozialarbeiter sind, arbeiten wir in Berufen, die ein hohes Maß an emotionaler Selbstregulierung verlangen. Als SMM kommentieren wir bei den größten Nachrichtenseiten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz mit und gegen Trolle, Realitätsverweigerer, Reichsbürger, Rechtsradikale, Linksradikale, Arbeitslose, Hochbegabte, Eliten und Vollzeitstudenten, ohne darauf vorbereitet zu sein, was es bedeutet, sich den ganzen Tag verstellen zu müssen, um andere zu beschwichtigen. Ohne darauf vorbereitet zu sein, was es bedeutet, als Migrantin freundlich und sachlich zu bleiben, obwohl der Kommentierende gerade gegen Migranten hetzt. Zu wissen, was es bedeutet, als Feministin mit Antifeminist*innen über die Notwendigkeit von gleichem Lohn für gleiche Arbeit oder sexuelle Selbstbestimmung zu diskutieren.

Es ist verdammt kräftezehrend, Tag für Tag in die Rolle der verständnisvollen, neutralen Redakteurin zu schlüpfen – besonders, wenn man es mit einer Leserschaft zu tun hat, die dich und deine Worte bloß zerreisen will“, sagt Allegra Wolff, Journalistin und Autorin zwischen Hamburg und Zürich. Das Gefühl, sich krampfhaft verstellen zu müssen, um den Ruf der Redaktion zu wahren, empfinde ich als unglaublich belastend“. Der Druck führte dazu, dass sie innerlich irgendwann abstumpfte. „Ich verlor meine kämpferische Leidenschaft, die mich in den Journalismus trieb, in großen Teilen. Auch die Lust, mich mit den Reaktionen der Leser*innen auseinanderzusetzen, erlosch nach einiger Zeit, weil keine Energie mehr übrig war, um mich für meine Meinung und meine Arbeit nach der Veröffentlichung des Artikels rechtfertigen oder erklären zu können. Das Schlimme ist doch, dass dich absolut niemand darauf vorbereitet, diese Art von emotionaler Arbeit auszuüben.“

Die Psychotherapeutin Dr. Nina Romanczuk-Seiferth warnt davor, dass es zu erhöhter Anstrengung führen kann, wenn „man eine starke Diskrepanz zwischen den von mir bei der Arbeit geforderten Verhaltensweisen und meiner emotionalen Verfassung“ wahrnimmt. Hierbei sei von einer gewissen Mehrbelastung durch die berufliche Tätigkeit auszugehen, insbesondere wenn bestimmte Aspekte der Tätigkeit als “gespielt” empfunden werden.

Journalist*innen sollen Informationen liefern, unbequeme Haltungen einnehmen und argumentieren – und gleichzeitig ruhig bleiben, wenn sie der 478 Mensch nach der vermeintlich ausländischen Herkunft fragt oder ihre Kompetenz anzweifelt. Journalist*innen und Journalistinnen müssen ihre Emotionen ständig regulieren. Wenn sie in Kommentaren oder Mails angegriffen werden, wenn sie ungewollt in den Mittelpunkt von Debatten gestellt werden, in Talkshows sitzen und danach Mails mit Drohungen bekommen. Aber auch, um brauchbares Feedback annehmen und letztlich umsetzen zu können.

Wieso wird diese Arbeit nicht in herkömmlichen Dienstverträgen erwähnt oder entlohnt? Wieso steht da nirgends, schwarz auf weiß: wenn sie in unser Unternehmen eintreten, werden sie zur Zielscheibe einer ganzen Menge von Leuten, die nichts lieber sehen würden als ihren Abgang. Auch Nicole Schöndorfer findet, Institutionen sollten Gegenstrategien während der Ausbildung zum Thema machen. Erklären, dass es ein paar Muster gibt, die es tatsächlich einfacher machen, mit unsachlicher Kritik umzugehen. Mittlerweile leidet sie nicht mehr unter den Reaktionen. „Das liegt auch am Zuspruch und an der Solidarität, die ich bekomme.“

Während die Rolle bei Politiker*innen relativ klar definiert zu sein scheint und jeder Landtagsabgeordnete weiß, dass es schwierige Wähler geben wird, habe ich während meines sechsjährigen Publizistik- und Kommunikationswissenschaftsstudium nicht einmal von den Praxiserfahrungen langjähriger Redakteure mit Emotionsarbeit gehört.

Ich bin da so reingeraten, ohne die geringste Ahnung zu haben, was neben meinem eigentlichen Job – dem Schreiben – auf mich zukommen würde. Es hat zwei Jahre gedauert, bis ich erkannt habe, wie ich mich auf Social Media verhalten kann, um den geringstmöglichen Schaden anzurichten. Allegra beschreibt ihre Erfahrung mit ähnlichen Worten:

„Du wirst einfach in den See aus Kommentaren, Reaktionen und Meinungen geschubst, in der Annahme, schon irgendwie schwimmen zu können.“

Es existieren sehr viele Berufe, in denen die Auseinandersetzung mit Gefühlen, den eigenen und jener fremder Menschen, zu einem wichtigen Teil des beruflichen Profils gehören. Klassisch denkt man hierbei an Seelsorger, Ärzte, Gesundheits- und Pflegeberufe, Einsatzkräfte aller Art. Dr. Nina Romanczuk-Seiferth sagt, dass es wichtig sei, diese Fähigkeiten und Anforderungen auch explizit als Teil der beruflichen Qualifikation zu sehen, also auch darüber aufzuklären, welche emotionalen Anforderungen zum Berufsbild gehören, die Arbeitsstrukturen entsprechend zu gestalten und auch gezielt dafür auszubilden.

So neu Social Media auch im Vergleich zur Presse ist: meiner Meinung nach wurde es vernachlässigt, die Auswirkungen der emotional schwierigen Aspekte ausreichend zu diskutieren, zu entlohnen und sie als integrale Jobanforderung einer Berufsgruppe zu definieren, die in ihrer Profession der Gnade einer Öffentlichkeit so ausgeliefert ist wie unsere.

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  1. This Article was mentioned on groschenphilosophin.at

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