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19. Dezember 2017
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In unserer schnelllebigen Onlinewelt mal den einen oder anderen Artikel zu verpassen, ist eher die Regel, als die Ausnahme. Während ich früher angepisst war, wenn meine Mitmenschen nicht jeden Furz verfolgten, den ich publizierte, sehe ich das Ganze inzwischen als das, was es ist: mein Job – und nicht die wichtigste Beschäftigung des Universums.

Wenn ich einmal drei Tage offline bin, weil ich Zeit mit meinen Freunden verbringe oder in ein Buch vertieft bin, komme ich zurück in dieses Internet und wundere mich über die Schlagzeilen, die an mir vorbeigezogen sind. Frei nach dem Motto: wie viel kann schon in drei Tagen passiert sein?

Aus genau diesem Grund dachte ich an eine kleine Text-Zusammenfassung meinerseits, die vor allem für jene gedacht ist, die nicht jeden Artikel in der Bio anklicken, sondern sich bewusst Zeit nehmen wollen, nachzulesen.

Arm und asozial my ass

Zugegeben, auf den ersten Blick ist es heute kaum noch zu erkennen, wer als Kind sozial schlechter gestellter Eltern zur Welt kam, und wer reich geboren wurde. Dank der Billigtextilproduktion in Ländern, in die niemand freiwillig in den Urlaub fährt, muss sich niemand mehr in peinliche Fishbone-Klamotten zwängen, sondern kann – zack, zack – mit hipper Hose und Samtshirt zum x-beliebigen Studi-Hipster mutieren.

Eine Errungenschaft, die eigentlich zu begrüßen ist. Wären da nicht gewisse Akademiker*innenkinder, die sich mit Attributen einer ihr fremden Gesellschaftsschicht schmücken.

Wie der Nicht-Like unsere Beziehungen beeinflusst

Ein Text, der nach einer Welle von beruflichen Enttäuschungen im Jahr 2016 entstand, für die ich eine Erklärung suchte – und fand. Solange wir in einer Gesellschaft leben, in der Likes, Retweets und Shares als Messlatte für unser eigenes Ego gelten, kann eines nicht ignoriert werden: der Nicht-Like. Obwohl man digital verbunden ist und sich gegenseitig folgt, wird nicht auf «Gefällt mir» oder das Herz-Symbol gedrückt. Nie. Niemals. Never. Nicht bei der Beförderung, nicht beim Urlaubsfoto, nicht beim Umzug. Alles Zufall?

Warum ich mir toxische Freundschaften nicht mehr antue

Seit November 2017 schreibe ich für Refinery29 Essays über die großen und kleinen Freuden, Enttäuschungen und Einsichten des Alltags und kann dort meinem Hang zur Überlänge freien Lauf lassen. Das Stück über toxische Freundschaften war für den 22. Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb nominiert und hat sehr viele private Nachrichten nach sich gezogen, die mir Mut gaben, weiterhin ehrlich über Gefühle zu schreiben, die jeder kennt, aber nur wenige aussprechen.

Über die politische Dimension einer Namensänderung

Ich habe 2017 einen für mich wichtigen bürokratischen Schritt gemacht: den slowakischen Nachnamen meiner Mutter anzunehmen. Als ich das erste Mal den Wunsch nach einer Namensänderung äußerte, beruhten die Gegenargumente meiner Verwandten auf diskriminierenden Vorannahmen, denen sie sich selbst ausgesetzt fühlten. „Willst du wirklich einen polnisch-slowakischen Nachnamen haben?“ Ja, ich will. „Willst du, dass die Leute denken, du wärst Polin?“ – als ob es etwas Schlimmes wäre, polnisch zu sein. Slowakisch zu sein. Sie verleugneten damit gleichzeitig auf schmerzhafte Weise ihre osteuropäische Identität und machten sich – berechtigterweise – Sorgen, dass ich bald diskriminierende Erfahrungen aufgrund meines Nachnamens machen würde. Nadine Erovic-Abdelaziz hat mich dafür auch für das BIBER Magazin interviewt.

Die Utopie von Safer Sex

Als ich dieses Text schrieb, kam ich gerade von der Abholung meiner letzten HIV-Testergebnisse. Ich habe das Virus nicht. Nicht, dass ich dachte, ich hätte es. Also, nicht wirklich. Zumindest nicht bis wenige Stunden vor dem Test, den ich als Routineuntersuchung bei meinem Hausarzt in Berlin durchführe. Der Assistenzarzt traf meine Vene nicht, wir lachten kurz darüber. Es war einfach noch zu früh, 8:30 Uhr an einem Freitagmorgen. Ich dachte: so fühlt sich kein Test an, dessen Ergebnis fatale Aussagen über meine gesundheitliche Zukunft treffen könnte.

Warum der digitale Schwanzvergleich nicht glücklich macht

Wo zieht man die Grenze zwischen Angeberei, Selbsttäuschung und intrinsischer Motivation, wenn im Eifer des Postens keine Zeit für die Reflexion bleibt? Wo hört Freiheit auf, wenn man akribisch dabei ist, diese zu dokumentieren? Wenn man nicht mehr wirklich – aber dank permanenter Onlinepräsenz auch nie mehr gar nicht arbeitet?

Unhappy Birthday to Me 

Ich weiß, ganz rational betrachtet, dass es keinen Unterschied macht, ob mir jemand gratuliert oder nicht. Die Person mag mich deshalb nicht mehr oder weniger, genauso wie eine romantische Geste umgekehrt geheucheltes Interesse überdecken kann. Und trotzdem schleicht sich an dem Tag, der früher so wichtig war dieses ekelige Gefühl an, dass nichts mehr so leicht ist, wie damals.

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Wenn ich mir diese Auswahl ansehe, stelle ich fest, dass mein Interessenschwerpunkt irgendwo an der Schnittstelle zwischen Modern Work Life und digitalen Gefühlen angesiedelt ist. Ich schreibe nach wie vor unfassbar gerne über das große Überthema Arbeit, zum Beispiel hier in meiner kleinen Schreiben für Geld-Kolumne für Freischreiber*innen. Am wichtigsten war mir hierbei 1) der Text Emotional Labour im Journalismus, weil er die psychische Belastung, die mit dem Autorinnen-Dasein einhergeht, zusammenfasst und 2) der Text über den leidigen Umgang mit Freien.

Auf ein ruhiges 2018, in dem wir uns nicht ausschließlich vom 24/7-Rhythmus der Nachrichtenredaktionen lenken lassen und auch mal wieder Zeit finden für die anderen Dinge im Leben: Essen, Sex und Filme, zum Beispiel.

Danke für das tolle und lehrreiche Jahr 2017!

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  1. This Article was mentioned on groschenphilosophin.at

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