„But it’s just politics. Can’t we just agree to disagree?“ (nope)


Jedes Mal wenn ich diesen Satz höre, sterben zehn meiner noch übrigen Eizellen. Weil Menschen fundamental missverstehen, was diese „Politics“ eigentlich sind. Was deine Politics formt, was sie nährt, was sie rechtfertigt – das ist am Ende des Tages der Kern deines Selbst, dein Wertefundament.
Wenn wir uns bei Infrastruktur oder Subventionsfragen nicht einig sind, fühlt sich eine Beziehung vielleicht noch „rettbar“ an. Aber wenn wir uns nicht einig sind, ob bestimmte Menschen Rechte haben, ob ihre Ehen gültig sind, ob ihre Körper ihnen gehören – dann wird es schnell unlustig. Denn dann reden wir über persönliche Moral, Würde und Existenz.
Gerade jetzt wird im deutschen Bundestag über reproduktive Gerechtigkeit gestritten. Die Linke fordert in ihrem Antrag 21/4299, Schwangerschaftsabbrüche aus dem Strafgesetzbuch zu streichen und die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen im Fünften Sozialgesetzgesetzbuch zu regeln – inklusive Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung.

Es geht um das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, um die Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft und um die Frage, ob ein Leben mit Kindern sicher und würdevoll möglich ist. In zahlreichen deutschen Regionen besteht bereits heute eine unzureichende Versorgung mit wohnortnahen Angeboten zur Beratung und Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen
Außerdem prangert Die Linke an, dass die Kostenübernahme für eine künstliche Befruchtung durch die gesetzliche Krankenversicherung unverheiratete Paare, lesbische Frauen sowie Personen, die ohne dauerhafte Partnerschaft schwanger werden können diskriminiert.
Faktisch fördert die Gesetzgebung so wohlhabende, heterosexuelle Elternschaft in Ehe.
Hier geht es nicht um eine abstrakte „Meinungsverschiedenheit“. Hier geht es um die Frage, ob Frauen und andere Menschen mit Uterus vollumfänglich über ihre Körper bestimmen dürfen – oder ob der Staat sich das letzte Wort vorbehält.
Ob Selbstbestimmung ein Grundrecht ist – oder eine Verhandlungssache.
Wenn jemand Parteien unterstützt, die reproduktive Rechte einschränken, das Selbstbestimmungsgesetz rückabwickeln oder queere Existenzen delegitimieren wollen, dann ist das keine „andere Meinung“. Dann ist das eine politische Haltung, die darüber entscheidet, wessen Leben autonom ist – und wessen nicht.
Politik ist nicht dieser abstrakte Talkshow-Diskurs im Fernsehen. Politik strukturiert unseren Alltag. Sie entscheidet, wer Zugang zu medizinischer Versorgung hat. Wer vor Gewalt geschützt und wer ernstgenommen wird. Sie bestimmt, welche Träume für wen realisierbar sind – und welche systematisch verhindert werden.
Menschen, die sagen, man solle seine Politics nicht in seine Beziehungen reinbringen, sind oft die, die am meisten vom Status quo profitieren. Die, deren Rechte nie zur Debatte stehen. Die nie Angst haben müssen, dass ihre Ehe, ihr Körper oder ihre Existenz politisch verhandelbar wird.
„It’s just politics“ klingt nach Deeskalation. Nach einer Brücke, die geschlagen werden kann, damit man auch wieder mit seinen Trump- oder Merz-wählenden Eltern am Tisch sitzen kann.
In Wahrheit ist es ein Versuch, strukturelle Macht als bloße Meinungsverschiedenheit zu framen. Als etwas lächerlich Kleines, etwas Nebensächliches.
Aber wenn deine Politics darüber entscheiden, ob mein Körper mir gehört, dann ist das nicht nebensächlich.
Dann ist das nicht „Diskussionskultur“.
Dann ist das meine Würde – und die ist eben nicht verhandelbar.
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