Du hast deine Schwester gefragt, ob es okay ist, wenn wir später bei ihr im Spital vorbeikommen, direkt nach der Geburt. Du und ich. „Kann sie auch mitkommen“, fragst du am Telefon, und ich war mir fast sicher, dass sie nein sagen würde, dass es diesen Spannerplatz nicht mehr für mich gäbe, dass nur der engste Kreis eingeladen sei, nur die engste Familie und dass ich da nicht mehr dazugehöre, war uns spätestens seit jetzt bewusst.

Doch sie sagt ja, zu meiner Überraschung schreibt sie dir, während wir Mittagessen sind; während du einen chicken bit in deinen Mund schiebst liest du mir ihre Nachricht vor, und ich freue mich innerlich ein bisschen, dass sie mich doch nicht hasst, ich meine, wer würde sein Neugeborenes einer Person zeigen, die er nicht ausstehen kann, außer Familie.

Also fahren wir da hin, ans andere Ende der Stadt, es hat 40 Grad draußen und drinnen im Auto, und wir haben uns den ganzen Tag mal wieder schlecht verstanden, du warst gar nicht richtig da und ich habe das gemerkt, dass du an eine andere denkst, was du mit ihr machen wirst, wenn ich nicht mehr da bin, du hast dir das Wochenende in meiner Wohnung schon ganz genau ausgemalt, und wann du sie abholen wirst auf die Stunde genau ausgemacht.

Immerhin werde ich dir das Auto wegnehmen, in dem wir jetzt sitzen und zu deiner Schwester fahren, als ob nichts wäre, vielleicht gäbe es einen besseren Zeitpunkt ihr zu sagen, dass das mit uns nichts mehr wird.

Ich spiele ein Lied, das wir beide mögen und fast ist es ein bisschen wie früher, ich mochte deine Stimme schon immer. Die Sonne ballert auf die Windschutzscheibe, es hat 40 Grad draußen und drinnen und wir haben viel zu lange Ärmel an, unsere Haare stehen in alle Richtungen, keiner hatte Zeit sich für dieses Ereignis zu kämmen. Es ist mir alles ein bisschen peinlich, aber ich möchte dieses Kind sehen, ich habe schon sehr lange kein Baby mehr gehalten.

Wir finden sofort einen Parkplatz, du fährst rückwärts in einem Ruck rein, wir steigen aus und im Nachhinein werde ich erkennen, dass das das letzte Mal war, wo ich dich in meinem Auto gesehen habe. Genau jetzt, wo du mit einem festen Druck auf den Autoschlüssel ein letztes Mal zusperrst, wirst auch du es vielleicht gewusst haben, dass wir nie wieder zusammen sein würden.

Aber wir müssen noch das Kind anschauen. Wir müssen uns zusammenreißen, vor ihnen, wir können nicht in einem Spital mit unserer Trennung ankommen, diese zwanzig Minuten Schauspiel schaffen wir noch, und eigentlich ist ja auch alles gar nicht so schlimm zwischen uns, eigentlich mögen wir uns ja, wir können immer noch nebeneinander in einem Bett schlafen und nichts sagen.

Nachts sind alle uns bevorstehenden Übel ausradiert, da gibt es nur deinen Körper und meinen, keine anderen und ich weiß nicht, wie ich jemals wieder ohne dich schlafen soll, das war diese eine Sache, die hat wirklich gut funktioniert.

Wir laufen die Gänge entlang und du fragst, Entschuldigung, wo geht es hier zur Neugeborenen-Station, Entschuldigung, wir finden den Gang nicht und dann sind wir plötzlich doch ganz schnell da, und müssen kurz vor dem Zimmer warten. Ich schaue dich an, und ich kenne dich so gut, und gleich werden sie uns da drinnen fragen, wann es denn bei uns soweit ist, und ich müsste ihnen dann die Wahrheit sagen, aber es ist deine Familie, und bei seiner eigenen Familie bekommt man das Wort zuerst.

Du wirst lachen und sagen, nein, so weit sind wir noch nicht und ich werde sagen, dass du in den nächsten Jahren kein Kind bekommen solltest, dass du dafür nicht bereit wärst. Und du wirst ein bisschen schockiert schauen, aber nur so, sodass ich es bemerke aber nicht die anderen, du wirst nicht widersprechen, du wirst dich der Schmach fügen und so tun, als ob dir das nichts ausmacht.

Die Tür geht auf und wir dürfen rein.

Du bist zum dritten Mal Onkel geworden, und du weißt trotzdem nicht, was du zu so einem Anlass mitnehmen sollst. Ich habe diese Aufgabe nicht für dich übernommen, wir stehen also da mit leeren Händen, aber weil es schon so spät ist, und weil deine Schwester müde ist, und weil dein Schwager glücklich ist, fällt es zum Glück niemanden auf, außerdem möchte uns dein Schwanger seine Business Pläne für die nächsten achtzehn Monate präsentieren, er hatte da ein paar geniale Ideen im Kreissaal, schau mal, er hat bereits eine Mind-Map angelegt, da fehlen nur noch ein paar klitzekleine Details, nächste Woche kann es losgehen und dann sagt er stolz, dass seine Frau ja die Organisation und Steuern für ihn übernimmt, da lässt es sich trotz Neugeborenem und zwei Kleinkindern ganz gut arbeiten und ich bin froh, dass ich nicht mehr zu dieser Familie gehöre, dass ich da raus bin, dass ich mir das Geschwätz nicht mehr anhören muss, dass sich mein Hals dabei nicht mehr zuschnürt, dass ich gehen kann, weg von dir und weg von dem allem.

Du musst vor mir gehen, weil du noch irgendetwas erledigen willst, das du mir nicht erzählst, also bleibe ich. Ich weiß, dass es das letzte Mal gewesen sein wird, dass ich deine Schwester gesehen habe, schon in diesem Moment weiß ich, dass ich ihrem Kind nicht beim Aufwachsen zusehen werde, es wird kein gemeinsames Weihnachten geben, von dem sie weiterhin spricht, als ob es kommen würde; ich weiß nicht, wie ich es ihr sagen soll, dass es mir leid tut, dass wir nicht enger waren, dass ich sie eigentlich ganz gerne mochte, dass ich ihr alles Gute wünsche, wirklich, auch, wenn sie mich nicht unbedingt herzlich empfangen haben, damals in diesem Haus an der Ostsee, dass mich alle gemustert haben wie eine Ausländerin, obwohl ich doch nur halbe Österreicherin bin, dass sie mir gesagt haben, dass ich ein falsches Deutsch spreche und unmöglich die Cola, statt das Cola sagen könne, ohne mich dabei als Mensch zweiter Klasse zu schämen.

Ich hätte gerne gesagt, dass sie ruhig auch mal bei uns hätten vorbeikommen können, dass es schon seltsam ist, diese Nähe vorzugaukeln ohne einmal zu sehen, wie wir wohnen; wie es sein kann, dass ihnen das nie aufgefallen ist, wie sie nur um sich selbst kreisen und immer zu spät anrufen, dann, wenn keiner mehr Lust hat, das Haus zu verlassen, um zu ihnen zu fahren. Mal wieder zu ihnen.

Aber ich lächle, denn es ist das letzte Mal und ich möchte einen guten, letzten Eindruck hinterlassen, wenn der erste schon so schlecht war, wieso ändern wir hier nicht die Regeln und drehen sie um. Deine Schwester fragt, ob wir kurz raus spazieren gehen möchten, also bin ich dabei, als wir die ersten Schritte an der frischen Luft mit deinem Neffen machen und du nicht; jetzt werden sie für immer denken, damals, als deine alte Freundin noch mit dabei war, wie hieß sie noch gleich, die war doch gar nicht so schlimm, die ist damals sogar eine halbe Stunde länger geblieben, als du.

Ich umarme deine Schwester, das letzte Mal und ich hoffe, sie weiß von nichts, aber vielleicht tut sie das längst, ich glaube, sie hat deine Neue bereits kennengelernt, aber wir sprechen nicht darüber. Du hast mich ins Krankenhaus mitgenommen und nicht sie, sie kann diesen Moment nicht ein zweites Mal erleben, auch, wenn sie den Kleinen zu Weihnachten sehen wird, und zum neuen Jahr und auch, wenn sie alle lieben werden, denn sie ist so nett hast du vorhin beim Mittagessen gesagt, sie ist einfach so nett.

Und da wusste ich, es war das letzte Mal, dass ich so mit mir umgehen lasse, dass ich mir das anhöre, dass ich eine weitere Nacht neben dir schlafe, nur wegen deinem guten Körper und ich bin nach dem Spital direkt nach Hause gefahren und ich habe meine Sachen gepackt und in mein Auto gegeben und du hast mich noch ein paar Mal angerufen, mich gefragt, ob wir uns sehen, aber ich hatte keine Zeit mehr für dich um diese Uhrzeit, ich wollte weg und deshalb bin ich gefahren und dieser Tag, im Krankenhaus, war das letzte Mal, dass ich dich gesehen habe.

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