Es ist kurz vor sieben Uhr morgens, als ich mich aus dem Hochbett in Högdalen pelle, um zum Flughafen Arlanda zu fahren. Mein Freund liegt in einer verwinkelten, für mich nur bedingt nachahmungswürdigen Position auf dem Rücken und murmelt temporäre Abschiedsworte.

Etwa eine Stunde Fahrtzeit steht mir bevor, dann geht es wieder zurück nach Deutschland in unsere Wohnung, die ich zugegebenermaßen wie bei allen längeren Auslandsaufenthalten mit ihren quietschenden Dielen und knackenden Berliner Altbauleitungen vermisst habe.

 


Högdalen oder irgendeine Kleinstadt in Russland?

Knapp ein Grad Minus hat es draußen, als ich das Wohngebäude verlasse und die Straße zur U-Bahn-Station überquere. 4,50 Euro kostet das U-Bahn-Ticket bis T-Centralen, am Flughafen erwartet mich und alle anderen Fahrgäste genauso wie bei unserer Ankunft nochmal eine Extra-Gebühr von satten 12 Euro, um durch die Schranken zum Gate zu gelangen.

Das Wetter in Mittelschweden spielt die meiste Zeit über nicht anders als zuhause. Überhaupt war ich in den drei Monaten, die ich in den vergangenen zwölf Monaten in Stockholm verbracht habe, öfters mit der Frage konfrontiert, was denn nun „anders“ sei in oder an Schweden. Sind die Menschen netter? Lohnt es sich, hinzufliegen? Ist im hohen Norden wirklich alles besser? Bis heute habe ich keine befriedigenden Antworten gefunden. Dafür war mein Besuch wohl doch zu kurz, ich zu sicher in meiner Bekannten-Blase verankert und zudem nicht festangestellt, als Freelancerin, wodurch mir ein sicherlich spannender Einblick ins Arbeitsleben verwehrt blieb.

Stockholm birgt für mich einen ähnlichen Charme wie andere nordische Haupt- oder Großstädte. Es gibt zig Busse, drei U-Bahn-Linien und zwei lange S-Bahnen, die die dezentral gezogene Stadt mit dem Flughafen und Uppsala verbinden. Es gibt späti-ähnliche Kioske, in denen man bis spätnachts Getränke und Chips kaufen kann. Die Menschen auf den Straßen sind in dicken Mänteln eingepackt. Sie schauen meist grantig drein und reden wenig, außer, wenn sie freitagabends hart betrunken sind oder dir etwas verkaufen wollen. Es gibt schönere Ecken mit Kirchen und anderen alten Gebäuden (Östermalm, Södermalm, Djurgarden) und es gibt triste Vororte mit zehnstöckigen Plattenbauten, die an Wälder angrenzen und so beinahe einen Hauch von Soviet (ungefähr alle Stationen an den äußeren Enden der U-Bahn-Linien) versprühen.


Spaziergang im verschneiten Djurgården – meiner liebsten Gegend

Am Wochenende treffen wir uns schon um 18 Uhr bei irgendwem zuhause und trinken Bier oder Wein. Wir bestellen Pizza auf einer Lieferapp und zeigen später an der Bar unsere Ausweise vor, obwohl wir Ende Zwanzig sind, um hineingelassen zu werden.

Wir leben einen großstädtischen Mittelschichts-Alltag, der so oder so ähnlich mit seinen gelegentlichen Ausflügen in die Natur, Supermarkteinkäufen, Fußwegen und Barbesuchen überall anders stattfinden könnte.

Ich frage mich, ob mein Leben groß anders verlaufen wäre, wenn ich hier, statt in Wien aufgewachsen wäre. Vermutlich nicht. Es hätte mir genauso an nichts gefehlt, ich hätte wie jedes andere Suburbian-Kid eine Schule irgendwo am Stadtrand besucht und dann vermutlich in Stockholm an einer Universität Geisteswissenschaften studiert. Statt der Lobau, endlose Wälder vor der Haustür gehabt.

Abgesehen von den horrenden (Wohnungs)Preisen und der restriktiven Alkoholpolitik fallen die kulturellen Unterschiede für mich so gering aus, dass ich von dieser Feststellung gleichzeitig überrascht und gelangt bin. Es gibt ähnliche Standards und Benimmregeln wie in Wien. Statt einer Sachertorte, servieren sie dir eben Semla. Die Supermärkte bieten ein paar mehr vegetarische Tiefkühl-Alternativen an und außerdem diesen perversen Käse aus der Tube, aber ansonsten könnte man mich ohne große Probleme nach Schweden verpflanzen. Ich würde gut zurechtkommen.

Aber Liebe auf den ersten Blick war es nicht.

Die ganze Podcast-Episode gibt es hier nachzuhören.