Was die Aussage „Aber es kann ja jetzt nicht jeder ADHS/Autismus haben“ mit dem Erhalt der Wirtschaftsnation zu tun hat


(Kurze Info zu Beginn: Ich habe mein Buch „Potenziell furchtbare Tage“ (Haymon Verlag) über Anti-Work als nicht-geoutete Autistin geschrieben.)
Die deutschsprachige Medienberichterstattung geht gerne vom „Trend ADHS/Autismus“ aus (mehr hier); Journos beschweren sich darüber, wo wir denn hin kämen, wenn jetzt jEdEr autistisch sei oder ADHS habe; ja, was ist das für eine neue Volkskrankheit? Früher™ gab‘s das auch nicht, seltsame Probleme im Kopf!?
An genau diese Leute hätte ich ein paar Gegenfragen.
Denn nehmen wir diese angebliche „Katastrophe“ einmal ernst:
Was wäre wirklich schlimm daran, wenn viele Menschen neurodivers wären?
Wäre es so furchtbar für euch, wenn Arbeitsplätze weniger auf Dauerbeschallung, Dauerstress und Überforderung ausgelegt wären? Wenn Großraumbüros nicht mehr als modern gelten würden, sondern als das, was sie sind: ein täglicher sensorischer Alptraum für viele?
Wäre es nicht im Gegenteil für alle besser, wenn Meetings kürzer und klarer wären, wenn Pausen am Handy oder mit Stimming-Toys nicht als Faulheit gelten würden? Wenn Lärmschutz und Rückzugsräume Standard wären?
Dieses „Es kann doch jetzt nicht jeder eine Diagnose haben“ verrät vor allem eins:
Keine Sorge um eine medizinische Genauigkeit, sondern die Angst davor, dass die bequeme Erzählung vom „normal funktionierenden Menschen“ bröckelt. Also die Vorstellung, dass es einen „richtigen“, leistungsfähigen, belastbaren Menschen gibt.
Das ist im Kern Ableismus. Ableismus zeigt sich nicht nur in offenen Beleidigungen, sondern genau in solchen Sätzen: „Jetzt hat aber jeder was.“
Er kommt meist von Menschen, die entweder von der Ausbeutung anderer profitieren, oder ihre Bedürfnisse selbst seit Jahrzehnten verleugnen und keine Lust haben, dass es jüngeren Generationen besser gehen könnte, als ihnen.
Wenn 2026 plötzlich viele Menschen sagen: „So wie das hier läuft, ist es für mich leider nicht machbar“, dann kann man das nicht mehr als individuelles Versagen abtun oooopsi.
Es mÜsStE sich etwas ändern. Und genau davor fürchten sich die CEOs der deutschen DAX Unternehmen viel mehr als vor jeder vermeintlichen „Mode-Diagnose“. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als den Erhalt des Systems Kapitalismus.
Es geht darum, Menschen mit einer Diagnose zu beschämen; und jene, die noch keine offizielle erhalten haben, zu verunsichern („Alles Einbildung!“, „Häng nicht so viel auf Social Media“). Es ist im Grunde eine Problemverschiebung: Weg vom Kapitalismus, hin zur Frage nach der Legitimität der eigenen Wahrnehmung.
Nochmal: es geht nicht darum, ob „zu viele“ ADHS oder Autismus haben. Ob sie „korrekt“ diagnostiziert sind, oder nicht (zu der Debatte: an anderer Stelle mehr). Es geht darum, dass Strukturen menschenfeindlich sind und das auch bleiben, für den Profit weniger.
In dem Sinne hoffe ich, dass noch viel mehr Menschen anfangen, zu ihrer Neurodiversität zu stehen.
Neurodiversität bedeutet Rebellion.
Ich habe mein Buch „Potenziell furchtbare Tage“ (Haymon Verlag) als nicht-geoutete Autistin geschrieben, aber wer zwischen den Zeilen lesen kann, wird viele Kapitel bereits mit der passenden Brille lesen. I mean, ein Kapitel heißt literally Meltdown Moments ;) Und: gewisse Komorbiditäten sind bei Autismus „leider“ normal.
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