Es ist an sich schon skurril genug, dass sich unsere Gesellschaft in allerlei Bereichen messen und miteinander vergleichen möchte. Angefangen beim Sport, den Jahreszeugnissen in der Schule bis hin zur benötigten Studiendauer. So wunderte es mich wenig, dass es auch Titel wie jenen des „Praktikanten des Jahres“ zu gewinnen gibt. Firmen dürfen in Deutschland besonders gute Hospitanten für die Wahl vorschlagen.

Wie definiert man eigentlich „besonders gut“?

Siegerin des fragwürdigen Wettbewerbs ist die 21-jährige BWL-Studentin Rebecca Simmet, die als Praktikantin im Personalwesen der Zwiesel Kristallglas AG gearbeitet hat. Matthias Kohlmaier von der Süddeutschen hat ein Interview mit der Studentin geführt, das mich beim Lesen aufgewühlt hat. Bevor ich dazu übergehe, mich über die Anworten von Simmet auszulassen, muss ich ein wenig ausholen.

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Ich wage nicht von „meiner Generation“ zu sprechen, und doch scheint sich in ebendieser eine wenig hinterfragte Vorgehensweise zum erfolgreichen Berufseinstieg etabliert zu haben: Studiere und mache nebenher so viele Praktika wie möglich. Praktika sind der berüchtigte Fuß in der Tür, den du benötigst, danach kennst du die „richtigen Leute“, du kannst es in deinen säuberlich formatierten Lebenslauf einarbeiten und überhaupt, wer kein Praktikum macht, wird nicht ernstgenommen, geschweige denn jemals vor seinem 35. Geburtstag zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen.

Jahrelang war ich aufgrund dieser schwachsinnigen Doktrin der Überzeugung, mit mir würde etwas nicht stimmen. Ich bin generell keine Freundin von autoritären und hierarchischen Strukturen, weshalb ich mich in vorgegebene Gesellschaftsstrukturen nur langsam einfügen konnte. Ich verstand nicht, warum ich im Arbeitsleben – sei es bei Sekretariatsjobs oder dem Aushelfen in einem Fitnesscenter – so grob behandelt wurde. Oft fehlte es meinen Chefs an Nachsicht und ja, wie soll man es nennen, dem gewissen Interesse an dem Menschen per se.

Ich war nichts weiter als eine Ware mit zwei Händen und Beinen, ich verkaufte meine Arbeitskraft für ungefähr 6 Euro die Stunde. Wenn Überstunden anfielen, musste ich sie unbezahlt absitzen, sonst würde mir gekündigt. Jeder Tag, an dem ich arbeiten musste, war eine Qual. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie sich dieser Zustand jemals ändern sollte, auch nicht im Erwachsenenalter. Besser ich würde mich anpassen, akzeptieren, dass ich nichts daran ändern kann, wenn der Chef mir nicht glaubt, weil er ein von mir geführtes Telefongespräch nicht im Nachhinein „überprüfen“ kann oder mich vor Kunden bloßstellt. Es war meine Schuld, es konnte gar nicht anders sein. Wie falsch ich lag.

Bei Praktika änderte sich zumindest der Grad an Respekt, der mir entgegengebracht wurde. Das ist traurig, denn bis auf meinen Studienabschluss war alles gleich geblieben. Selbst, wenn ich nichts zu tun hatte – den ganzen Tag nicht, weil man mir zwei Wochen vor dem Ende keine Arbeit mehr zumuten wollte – musste ich so tun, als ob ich als vollwertiges Teammitglied in die Arbeitsprozesse eingebunden wäre. Praktika waren eine lästige Zwischenstation, unangenehm für alle Beteiligten. All das fühlte sich falsch an, vom morgendlichen Smalltalk bis hin zum gemeinschaftlichen Nachmittagskaffee. Ich fühlte mich oft unterfordert. Wenn ich Aufträge zügig erledigte, erntete ich nicht mehr als ein erstauntes Nanu. Der Gedanke, dass nach mir der oder die nächste kommen würde, war ständig präsent.

Und trotzdem, hier kommt der schönste Teil der Geschichte. Knappe sieben Jahre nach meinem allerersten Ferialjob habe ich tatsächlich zwei (bescheiden aber immerhin) bezahlte Jobs, die all die Dinge vereinen, die ich mir für meine berufliche Zukunft vorgestellt hatte und die nichts mit meinen grauenhaften Erfahrungen zu tun haben. Ich möchte nicht noch weiter ausholen, sondern lediglich allen, die momentan an ihrer Situation verzweifeln zeigen, warum es nicht an mir lag, dass ich in der „Arbeitswelt“ unglücklich wurde. Warum es nicht an euch liegt.

Lasst uns die Antworten von Simmet gemeinsam durchgehen.

F: War Ihr Praktikum vergütet?
A: Ja, mit 350 Euro monatlich.

WOW! Ihr Praktikum war mit 350 Euro vergütet. 350 Euro, ich muss niemandem erklären, dass man davon nicht leben kann. Ja ja, ich weiß doch! Darum geht es ja auch gar nicht, man kann nämlich soooo viel lernen. Für das richtige Leben! Nach 6 Semestern Studium ist man gerne bereit, klassische Praktikantenarbeiten zu machen, wie Protokolle anfertigen oder investigative Beiträge für die Mitarbeiterzeitschrift zu verfassen. Das höchste der Gefühle war für Simmet die Überarbeitung eines Beurteilungsformulars für Mitarbeitergespräche mit Azubis. Der Personalleiter hat sogar bei einem Rollenspiel mitgemacht, das war „schon ein Highlight“. So viel Eigenverantwortung, ich fange gleich an zu weinen.

F: Durch den Mindestlohn für Praktikanten wäre das heute ertragreicher. Vielen kleineren, aber auch mittelständischen Unternehmen ist es jedoch kaum noch möglich, Praktika anzubieten, weil sie sich das nicht mehr leisten können.

A: Das finde ich sehr schade. Ich denke: Geld ist erst mal egal, wenn man wirklich etwas lernen und Erfahrung sammeln will.

Simmet ist es gleichgültig, dass sie so wenig verdient und sich erstmal als angepasster Teil des gerade zusammenbrechenden Systems zurücklehnen kann. Toll, wenn man Eltern hat, die einem jeden Monat die Miete zahlen. Andere haben eben Pech gehabt, es kann leider nicht jeder wertvolle „Erfahrungen“ im Papierzusammenheften oder Telefonabheben sammeln, die auch rückblickend betrachtet besonders ertragreich für die eigenen Persönlichkeitsbildung sein würden.

Es erfolgt eine pseudo-natürliche Selektion, die die Spreu vom Weizen trennen und dabei zeigen soll, wer wirklich für diesen oder jenen Beruf geeignet scheint. Dabei liegt es zu großen Stücken am Vorhandensein eines familiären Rückhalts, der den quasi-gratis arbeitenden PraktikantInnen das Annehmen solch einer Stelle überhaupt erst ermöglicht.

Wie bereits Marx feststellte, ist der Arbeitstag bestimmbar aber an und für sich unbestimmt (Vgl. Marx 1967, S. 246). Im vorliegenden Fall haben wir es also mit einer Praktikantin zu tun, die sich im Sinne der abgesessenen Stunden nicht einmal selber reproduzieren kann, ein Augenschmaus für das Großkapital. Abseits von Mehrarbeit, die aus Frau Simmet rausgepresst wird, erfüllt der vorliegende „Arbeitsplatz“ also keinerlei Funktion außer bourgeoiser „toter Arbeit“.
Eine zehnminütige Lektüre Marxens reicht aus, um sich beim Konzept Praktikum die Haare zu raufen. Eine genauere theoretische Abhandlung des praktikaimmanenten Problems kann erfolgen, wenn sich jemand in den Kommentaren zu seinem Interesse bekennen möchte.

F: Welchen Rat würden Sie als “Praktikantin des Jahres 2014” anderen geben, die sich vielleicht gerade um ein Praktikum bemühen?

Simmet denkt, dass man „sehr offen“ sein sollte, ohne das genauer zu erläutern. Ich kann nur vermuten: Man soll offen dafür sein, unter seiner Qualifikation zu arbeiten, die Dinge zu erledigen, auf die andere keine Lust haben um im Endeffekt mit einem Mäusefurz von Taschengeld für den Zeitaufwand “belohnt” zu werden.

A: Man soll die Ratschläge von Kollegen und Vorgesetzen wirklich annehmen – die wissen die meisten Dinge in dem Moment eben wirklich besser als man selbst.

Was, wenn nicht? Ach, sei doch lieber mal dankbar für diese Möglichkeit, Mädchen! Was wenn sie lediglich im Firmenwohl agieren? Was, wenn sie nicht weiter denken als bis zum nächsten Monatsabschluss? Kein Interesse an aktuellen wissenschaftlichen Thesen zu ihrem Arbeitsbereich haben?

Schade, wahrscheinlich hat es deshalb nie geklappt bei mir, mit der Nominierung zur besten Praktikantin des Jahres. Vielleicht hätte ich auch einfach öfter die Fresse halten sollen, wie es sich für eine ehrbare Mitarbeiterin gehört.

Bin ich weniger qualifiziert, weil ich mir nicht alles habe aufschwatzen und schönreden lassen? Weil ich nicht immer „Ja und Amen“ zu Aufgaben gesagt habe, die vollkommen zweckentfremdet waren und mich nur „ruhigstellen“ sollten?

Ich finde es falsch, jungen Menschen automatisch Unfähigkeit und fehlendes Urteilsvermögen zu unterstellen. Als ob das automatisch fortschreitende Alter an sich Heilmittel für jegliches menschliches Versagen wäre.

Simmet für das Partizipieren an ausbeuterischen Arbeitsprozessen zu verurteilen, wäre ebenfalls nicht richtig. Der Preis, der ihr verliehen wurde, ist nur die Spitze des Eisbergs. Und doch kann ich nicht anders, als wenigstens zu versuchen mit diesem Blogeintrag all jene wachzurütteln, die meinen „so funktioniere“ das eben. Man „müsse irgendwo anfangen“ und sowieso hätten es die anderen vor einem ja „auch schwergehabt“.

Ich für meinen Teil habe mit Praktika abgeschlossen.

Dieser Beitrag kann Spuren von Gabriel Wartinger enthalten.

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Studieren ohne doppelten Boden. Für Menschen, die während des Studiums nicht auf familiären Rückhalt zählen können, ist der Weg durch die Uni besonders hürdenreich.

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Seit meinen Großeltern bin ich die Erste, die einen Studienabschluss hat und die Erste in meiner Familie, die ihn in Deutschland gemacht hat.