Alter: 18

Ich arbeite als studentische Hilfskraft bei einem Steuerberater.
Ich beobachte, wie der 65-jährige Patriarch seine ausschließlich weiblichen Mitarbeiterinnen behandelt, und kann mich seinen Launen nicht unterwerfen.

Ich werde nach einem Monat während der Weihnachtsferien per Einschreiben gekündigt. Angeblich sei ich „mit den Aufgaben überfordert“.

Alter: 19

Ich arbeite in einem Fitnesscenter als Rezeptionistin.

Nach 3 Wochen wird mir gekündigt, weil ich um 5 Uhr morgens nicht freundlich genug grüße und den Kunden kein warmes Gefühl gebe.

Alter: 24

Ich arbeite als Journalistin bei einem der bekanntesten Nachrichtenmagazine des Landes.

Meine Texte „provozieren“, gehen viral, ich bekomme Angebote als freie Journalistin, mein Instagram wächst. In der Redaktion werde ich gemieden, von Mittagessen im Team ausgeschlossen. Es wird über meine Art, meinen POV und mein Aussehen hergezogen. Männliche Kollegen sagen mir, ich solle mich auf Twitter zusammenreißen. Keinen interessiert der Hass im Netz gegen mich.

Als es darum geht, den Vertrag zu verlängern, sage ich, dass ich hier nicht arbeiten möchte und nach 12 Monaten aufhören werde. Ich schreibe mein erstes Buch über die toxische Arbeitskultur im Journalismus (Das Millennial-Manifest, Rowohlt).

Alter: 28

Ich arbeite in Teilzeit als Content-Creator für eine Berliner Parfüm-Manufaktur.

Als ich herausfinde, dass die Firma gar keine „Manufaktur“ ist und ihr Parfum eben nicht selbst herstellt (obwohl sie es auf der Website so anpreisen), google ich bis zum Umfallen und finde den Lieferanten, der ihnen das „Luxus-Parfum“ in 2-Liter-Flaschen für 5 Euro verkauft.

Ich kündige.

Alter: 30

Ich arbeite im Consulting als Change Managerin. Als ein Kunde während der Corona-Pandemie einen Workshop in Präsenz vorschlägt, erwähne ich die dazu geltenden gesetzlichen Bestimmungen und äußere meine Bedenken.

Hinterher wird mir dieses Verhalten als unprofessionell und kundenunfreundlich angekreidet.

Mein Vertrag wird zum Ende der Probezeit nicht verlängert.

Ich wollte schon sooo lange über das Thema Arbeitslosigkeit und Autismus sprechen. Einerseits, weil es mich selbst oft betraf, andererseits, weil ich mich jetzt in meiner Karriere als Autorin sicher genug fühle, um darüber zu schreiben. Die Scham, als Arbeitnehmerin „versagt zu haben“, hält sich aktuell in Grenzen. Ich habe etwas gefunden, das mein Bedürfnis nach Rückzug, Ausdruck und intellektueller Stimulation perfekt vereint, und hoffe, dass ich wirklich bis zu meinem Tod in diesem Beruf arbeiten darf.

Ich bin Autistin, und habe vier Universitätsabschlüsse. Von Political Science (BA) bis zu einem LLM in Immaterialgüterrecht ist vieles dabei. Geschützt? Haben mich meine kognitiven Fähigkeiten trotzdem nicht.

Trotz überdurchschnittlicher Bildung ist die Arbeitslosigkeit bei Menschen mit ASD deutlich höher – fünfmal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung (ASD: 25,2 %; allgemein: 5,2 %). Unfreiwillige Phasen ohne Job dauern im Schnitt 23 Monate, meist wegen zwischenmenschlicher Schwierigkeiten. Bildung schützt also nicht (!) vor Arbeitslosigkeit – die besonderen sozialen Herausforderungen bei Autismus spielen eine entscheidende Rolle.

Auch ich bin nie wegen fehlender intellektueller Fähigkeiten gekündigt worden. Es lag meist am Zwischenmenschlichen. An meinem fehlenden Lächeln; an meiner unweiblichen, wenig „fürsorglichen“ Art – und manchmal auch daran, dass ich Bullshit einfach schneller gesmelled habe, als es mir lieb war. Habe ich den Scam einmal gecheckt, konnte ich nicht wieder so tun, als ob ich nichts bemerkt hätte. Wer kennt’s?

Die Daten der Studie unterstreichen jedenfalls die Notwendigkeit, sowohl spezifische Maßnahmen zur Beschäftigungsförderung für Menschen mit ASD als auch geeignete Strategien zur Sensibilisierung zu entwickeln und zu verbreiten. Genau DAS möchte ich mit meiner Kündigungsberatung für Arbeitnehmer @thxbye.de bald angehen.

Ich möchte unbedingt Unternehmen beraten, wie sie die Arbeitsbedingungen für uns Autistinnen und AuDHSler verbessern können.

Damit am Ende auch der Bundeskanzler stolz auf uns sein kann!

Quelle: Espelöer et.al. Alarmingly large unemployment gap despite of above-average education in adults with ASD without intellectual disability in Germany: a cross-sectional study. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci. 2023 Apr; 273(3):731-738. doi: 10.1007/s00406-022-01424-6.

 

 

+ posts