(Kurze Info zu Beginn: Ich habe mein Buch „Potenziell furchtbare Tage“ (Haymon Verlag) über Anti-Work als nicht-geoutete Autistin geschrieben.)

Wo soll ich anfangen? Der Hauptgrund, warum ich meine Autismus-Diagnose 10 Jahre (!) nicht öffentlich gemacht habe, liegt genau in dieser Aussage. Autismus sei ja gar keine „richtige Störung“, sagen Linke wie Rechte zugleich. Nein, Autismus bedeute einfach „nur Menschsein“, wie der Deutschlandfunk Kultur in seiner aktuellen Story „Wenn Menschsein zur Störung wird“ titelte.

„Die Begriffe ADHS und ASS ließen sich oft einfach durch ‚Menschsein‘ ersetzen“, zitiert der DFK den Autor Padberg, der in seinem Leben scheinbar noch nie einen Meltdown nach Überstimulation, aufgebissene Lippen vom Stimming und kilometerlange Gedankenschleifen nach einer missverständlich formulierten E-Mail hatte.

Komisch irgendwie, dass ich als Autistin sehr oft nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Problem behandelt werde.

Dass mir meine Antwort auf Geräusch-Sensitivität (Kopfhörer) als Arroganz und fehlende Teamfähigkeit ausgelegt wird, meine ungefilterte Ehrlichkeit als „Frechheit“ und meine fehlende Anpassungsfähigkeit an schlechtes Management als „Culture-Mismatch“.

Dass ich ins Nebenzimmer zitiert werde, wenn ich nachfrage, warum es verboten ist während einer 8-Stunden-Schicht an der Buchhandlungs-Kasse zwischendurch zu sitzen. Und dass ich immer wieder realisieren muss, dass der Boss am Ende recht behält – egal, mit welcher Begründung.

Wenn Menschsein also bedeutet, systematisch kleingehalten, als Problem markiert, pathologisiert oder bagatellisiert, für meine Bedürfnisse bestraft, in Machtgefällen von Job, Schule und Medizin unterlegen gemacht, ständig falsch gelesen („arrogant“, „frech“, „unkooperativ“) und durch Gaslighting entwertet zu werden, dann bedeutet Autismus ganz einfach „Menschsein“, ja. Ansonsten würde ich sagen, Autismus ließe sich besser durch „Danke, heute leider nicht“ oder „Wenn du das nächste Mal freundlich lächelst, gerne“ ersetzen.

Trotzdem steckt in der Aussage „Autismus ist keine Störung“ tatsächlich auch etwas Wahres. Natürlich ist mein Autismus in meiner häuslichen Umgebung, in meinem engsten Umfeld kein so großes Problem wie am Flughafen Tokyo oder im Großraumbüro.

Man könnte auch sagen, mein Autismus wirkt wie eine angemessene Reaktion auf ein krankes System, in dem wir leben und arbeiten müssen – und ist deshalb keine Störung per se. Ich hab einfach das System gecracked! JACKPOT!

Schön wär’s.

Denn warum kann ausgerechnet ich mich nicht an dieses menschengeschaffene System anpassen, Holger oder Lisa oder Steffen aber schon? Sind sie etwa mehr Mensch als ich? Bessere Menschen, vielleicht? Gesündere, leistungsfähigere?

Wieso bekomme ich alle Nachteile ab, wenn Autismus „nur Menschsein“ bedeutet?

Zur Störung und Behinderung wird mein Autismus automatisch, ohne, dass ich etwas dazu beitrage. Immer dort, wo mich Menschen mit ihrer indirekten, aufgesetzten Art und Sprache irritieren; dort, wo ich so tun muss, als „würde ich mich heute freuen, dabei zu sein“; immer dort, wo mir Respekt abverlangt wird, ohne welchen zurückzubekommen. Dort streike ich, streiken mein Körper und meine Psyche noch mehr.

Mein Autismus behindert mich, weil andere scheinbar besser sind, in diesem vielzitierten „Menschsein“, für das sie die Verhaltensregeln beherrschen.

Zur Störung und Behinderung wird mein Autismus dort, wo er mir von Menschen abgesprochen wird, die gar nicht betroffen sind. Dann, wenn Journalisten wie in obigem Artikel so tun, als ob Autismus, ADHS und AuDHS gar nicht existierte. Wenn sie die Wissenschaft verneinen, so tun, als ob es keine neuronale Komponente gäbe. Als ob man sich diese Sensitivität und fehlende Anpassungsfähigkeit irgendwie antrainieren und einbilden würde, um „special“ zu sein.

Dass ich nicht lache.
Wenn DAS Menschsein bedeutet, wenn DAS eure Definition davon ist, dann wünsch ich euch viel Spaß beim Leben.

Ich habe mein Buch „Potenziell furchtbare Tage“ (Haymon Verlag) als nicht-geoutete Autistin geschrieben, aber wer zwischen den Zeilen lesen kann, wird viele Kapitel bereits mit der passenden Brille lesen. I mean, ein Kapitel heißt literally Meltdown Moments ;) Und: gewisse Komorbiditäten sind bei Autismus „leider“ normal. 

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