Meine besten Kolumnen beginnen mit einer leicht problematischen These, die nur in genau dieser Kürze funktioniert. In diesem Fall, einer Note über meinen Vater.

If women date their fathers, what does it mean I only ever truly loved gay/bisexual men

– fuckgirl

Weiterlesen auf Substack

Ich schreibe sehr selten über meinen Vater, dabei empfinde ich nach längerer Zeit aktuell sogar wieder Sympathien für ihn. Vor allem, wenn ich darüber nachdenke, in welcher crazy Zeit ich groß wurde: den Neunzigern in der Wiener Vorstadt. Während die meisten anderen Väter um 8 Uhr bereits in ihren Büros hockten und Sekretärinnen schikanierten, spielte mein Vater jeden Morgen vor dem Kindergarten mit mir auf dem Teppichboden im Wohnzimmer.

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn bildhaft vor mir, wie er geduldig mit mir Pferdchen, Barbie und Polly Pocket spielt. Wir tobten, kuschelten und hatten die tiefsten Gespräche, die zwischen einem 36-Jährigen und einer Vierjährigen eben so stattfinden können.

Heute würde ich sagen, mein Dad war ein soft male. Er war sich (anders als meine Mutter btw) nicht zu schade, Stimmen zu imitieren, mit mir die Pappmaschee-Krokodile aus Art Attack nachzubauen (obwohl wir immer den falschen Kleber hatten) und Handball zu üben. Er war derjenige, der sich wirklich für meine Freuden interessierte, die sich nicht direkt in Form von guten Schulnoten verwerten ließen. Mit ihm konnte ich einfach Kind sein.

Ja, er symbolisierte eine leise, fast unspektakuläre Form von Männlichkeit, die in den Neunzigern noch nicht mal einen Namen hatte. Heute würde man wahrscheinlich sagen: „emotional verfügbar“, „zugewandt“, oder „unbedrohlich“. Damals war das einfach mein Papa, der mit mir auf dem Teppich lag und Plastikpferde kämmte.

Vielleicht ist die eigentliche Frage aus meiner Note also gar nicht, ob mein Vater „gay“ ist. Sie ist ehrlich gesagt auch ein bisschen zu billig für das, worum es mir eigentlich geht. Denn was mich interessiert, ist weniger seine Sexualität (I mean, who cares?) als die Art, wie er sich mir gegenüber verhalten hat – und was das mit meinem heutigen Begehren zu tun haben könnte.

Freud lässt grüßen

Es gibt diese alte, etwas angestaubte Erzählung, dass Frauen sich am Ende doch wieder den Vater „aussuchen“. Meist wird das mit einem Verweis auf Sigmund Freud erledigt, einmal kurz tiefenpsychologisch gedeutet und als tiefsitzende „Daddy Issues“ abgenickt um sich dann kann wieder wichtigeren Dingen zuzuwenden. Aber so einfach funktioniert es natürlich nicht.

Niemand verliebt sich nach einem 08/15-Schema. Und trotzdem: Wir lernen früh, was sich richtig anfühlt. Nicht „logisch richtig“, sondern körperlich.

Mein damals mittelalter Vater war kein Mann, vor dem man sich behaupten musste. Er war keiner, der Nähe dosierte wie ein knappes Gut. Bei ihm gab es keine Prüfung, kein „Du musst dir meine Zuneigung erst verdienen“. Er war in meinen jüngsten Jahren einfach da. Und zwar nicht nur physisch, sondern mit einer Aufmerksamkeit, die aus heutiger Perspektive fast schon radikal wirkt. Er hat sich für Dinge interessiert, die kein…

+ posts