Darker Dark Romance: Wenn Gewalt an Frauen ein neues, lukratives Genre wird


Ich betrete gemeinsam mit einigen 13-jährigen Mädchen einen der vielen Dark-Romance-Stände auf der Leipziger Buchmesse und fühle mich an ein schäbiges Puff am Wiener Gürtel erinnert. Samtböden treffen auf Vorhänge in Lila-Tönen, an der Kasse stehen auftrainierte Männer mit Pestmasken.
Meine Eileiter ziehen sich zusammen. Ist das wirklich der feuchte Traum meiner Geschlechtsgenossinnen, dem ich mal wieder nichts abgewinnen kann?
Ein paar Meter weiter lande ich bei einem „Darker Dark Romance“-Stand. Frei nach dem Motto: Schlimmer geht immer. Auch hier wieder: Jede Menge mäusiger Mädchen mit langen, glatten, ungefärbten Haaren. Sie sind keine 15 Jahre alt, und ziehen leicht beschämt Bücher aus einem Regal mit der Überschrift „Mafia Romance“ heraus.

Ich nehme ein Buch mit dem Titel „Russian Blood – dein Schwarzes Feuer“ von Don Both und Maria O’Hara in die Hand. Mein allererster Gedanke: Was für eine hässliche Font. Ich dachte, Scriptina hätten wir 2008 gemeinsam mit den Wandtattoos hinter uns gelassen.
Der zweite Gedanke: Endlich wieder Stereotype über die russische Bevölkerung – das hat mir noch in meiner Büchersammlung gefehlt! Aber um anti-slawischen Rassismus, den sowieso keiner sieht geschweige denn ernstnimmt, soll es heute nicht schon wieder gehen.
Wir können uns stattdessen gerne auf die anderen problematischen Aspekte von Dark Romance fokussieren. Zum Beispiel, dass die Protagonistin wie hier in „Russian Blood“ schon auf der Rückseite in literarisch billiger Weise manipuliert wird.

Ah okay! Wird da gerade auf einen potenziellen Femizid hingewiesen, oder hab ich das einfach nur … falsch verstanden? Habe ich die WAHRE Intention hinter Dark Romance nicht gecheckt, die ja bekanntermaßen lautet: „Frauen haben eben nun mal gewisse Fantasien, daran ist per se nichts Schlechtes, du Kampflebse!
Wait …. but what if doch?
Was, wenn wir uns ausnahmsweise mal der Medienwirkungsforschung zuwenden würden, die belegt, dass schwierige Inhalte sehr wohl Einfluss auf ihre Leserinnen nehmen?
Aktuelle Forschung zur Verarbeitung fiktionaler Inhalte zeigt, dass medial dargestellte, romantisierte Annäherungsverhaltensweisen die Wahrnehmung sozialer Normen beeinflussen können. Insbesondere kann die Darstellung von aufdringlichem oder grenzüberschreitendem Verhalten als Teil „normaler“ romantischer Interaktion zu einer erhöhten Akzeptanz von stalkingnahen Verhaltensweisen führen (Gander et al., 2023). Dies deutet darauf hin, dass fiktionale Narrative nicht nur Einstellungen zu Beziehungen formen, sondern auch normative Bewertungen problematischer Verhaltensweisen verschieben können.
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