Wird Autismus mit dem Alter „schlimmer“?


„Wow, das ist aber mal ein Weihnachtsmarkt für AuDHSler“, sagt eine noch recht neue Freundin zu mir, als sie für ein paar Tage auf Besuch in Berlin ist. Wir befinden uns am Mittelalter-Markt am RAW-Gelände, und ich muss ihr zustimmen!
Statt penetrant lauter Popmusik a la Ariana Grande läuft leise, reduzierte Ambient-Musik im Christmas-Style. Es riecht nach ätherischen Ölen, aber nicht zu stark (ganz wichtig) – und die Massen scheinen bei diesem Wetter ausnahmsweise zuhause geblieben zu sein. Wir können uns sogar unterhalten, ohne ständig von äußeren Reizen aus dem Gespräch gerissen zu werden.
„Kommt es nur mir so vor, oder wird dein ADHS mit dem Alter auch schlimmer?“, frage ich sie, und sie bejaht; spricht davon, dass sie äußere Trigger vor zehn, zwanzig Jahren noch anders regulieren und für eine längere Weile ausblenden konnte.
Ich frage sie so direkt, weil mir genau das auch bei mir und meinem Autismus aufgefallen ist. Irgendetwas ist anders. Ich bin viel schneller dereguliert, möchte nach Hause oder schaffe es gar nicht erst auf ein größeres Event mit mehr als drei Personen. Ungefähr seit meinem 30. Lebensjahr kann ich meinen Autismus sehr viel schlechter „korrigieren“, mich zusammenreißen oder über meine Grenzen gehen. Das war in meiner Jugend und meinen frühen Zwanzigern definitiv noch anders.
Oder ich bilde es mir zumindest ein.
Wie das eben oft so ist, mit Erinnerungen, sind meine vermutlich auch verfälscht, nostalgisch verschönert und geradegebogen worden.
Im Alter von 18 bis 21 fuhr ich zum Beispiel jedes Jahr mit einer großen Gruppe auf Festivals, schleppte bei 30 Grad im Schatten alkoholische Getränke auf Felder und stand oft schon um 14 Uhr in der ersten Reihe, um meine liebsten Metalbands zu sehen. Am ersten Abend trank ich meist so viel, dass ich mich kaum daran erinnern konnte, wie ich ins Zelt gekommen bin.
War das diese Regulierung, von der meine Freundin sprach? War das Alkoholismus – oder, wie ich heute vermute – eine Mischung aus beidem?
Bin ich damals wirklich besser mit WGs, Festivals und Konzerten klargekommen, weil ich jung war – oder habe ich stärker kompensiert, weil ich jung war? Mit Alkohol, Ausschlafen, Kontrolle und Verantwortung abgeben?
Denn so toll es auch war, mit den besten Freunden wegzufahren und sich der elterlichen Obhut zu entziehen – es war auch schon damals mit jeder Menge Chaos und Unbequemlichkeiten verbunden. Chaos und Unbequemlichkeit, die ich unbewusst in Kauf genommen habe, um dazuzugehören.…
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