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Dass es wahrlich linke Eltern gibt, merkte ich als Österreicherin erst, als ich nach Norddeutschland zog. Da, wo ich herkam, wählten die Eltern der Nullerjahre ÖVP, FPÖ oder BZÖ. Selten gab es auch mal ein Grünwähler-Ehepaar unter den Eltern meiner Klassenkameradinnen, was man an den habsburgisch-anmutenden Umgangsformen zwischen Tochter und Vater und der klassischen Hintergrundmusik beim Abendessen merkte, aber es war schon eher etwas Sonderbares, Peinliches.

Rechtssein hingegen war keine Schande, keine Abnormalität. Es war nichts, wofür man sich schämte bei der Grillparty.
Im Gegenteil.

Lange bevor es die AfD in die „Mitte der deutschen Gesellschaft“ schaffte, war Rechtssein in Österreich Status quo. Rechtssein ist „bei mir daheim“ keineswegs etwas Neues, ein durch präzise geplanten Aktivismus bezwingbares Randphänomen – sondern repräsentiert den politischen Kern der Gesellschaft wie kaum etwas anderes. Und so merkt man als Kind natürlich nicht, welche Ressentiments da wirklich geschürt werden, warum sich die Männer um einen herum eher im Keller (oder wahlweise der Scheune) ins Bein schießen würden als einmal Tofu zu probieren. Pfui!

Umso erstaunter war ich, als mir ein Exfreund vor ein paar Jahren erzählte, dass seine Berliner Mutter mit ihm als Baby für einige Zeit in einer WG wohnte. Sowas hätte im Österreich meiner Jugend quasi als Obdachlosigkeit gezählt. Dieselbe Story hörte ich fünf Jahre später noch einmal, diesmal von einer anderen Person.

Sie erzählten ihre frühesten Erinnerungen mit einer Selbstverständlichkeit, die mich erstaunte. Ich hörte Geschichten über Eltern, die sich aktiv gegen rechts engagierten, mit Geflüchteten Deutsch lernten, sie zeitweise sogar bei sich im Eigenheim wohnen ließen und sich parteipolitisch bei den Linken einbrachten. Ich lernte Männer ü60 kennen, die ein Problem mit anderen Boomer hatten.

Wo war ich da gelandet?

Hatte mein eigener sozialer Aufstieg dazu geführt, dass ich plötzlich nur noch Kinder linker Eltern kennenlernte? Sie bewegten sich mit einer Anmut durch die Welt, die nur daher rühren konnte als Kind mit einem Lastenfahrrad durch den Prenzlauer Berg geschoben worden zu sein; oder wahlweise Namen wie Josef, Julius oder Friedrich in die Geburtsurkunde eingetragen bekommen zu haben.

Die Kinder linker Eltern waren dann immer recht schockiert, wenn sie meine Eltern kennenlernten. Wie konnte ausgerechnet ich, diese aufstrebende Künstlerin nur von solch konservativen Menschen abstammen, die gegen die Rechte queerer Menschen waren, die die Pride verbieten wollten und gegen den Mindestlohn waren, weil das ja die Preise für alle erhöhen würde?

Ja, keine linken Eltern zu haben ist ein ganz eigener Schicksalsschlag

Es bedeutet, seine eigene Existenz vor jenen zu rechtfertigen, die sich eigentlich für einen freuen sollten. Stattdessen merkt man mit der Zeit, dass sie sich nur für das eigene Werk interessierten, solange es nicht ihren Grundwerten widersprach, das Patriarchat nicht zu stark herausforderte und Themen wie gewählte Kinderfreiheit, Abtreibung und queere Sexualität aussparte. Je linker ich wurde, desto mehr fiel mir das auf.
Dass es Dinge gab, über die man besser nicht sprach.

Manchmal habe ich mehr mit linken Eltern gemein, als mit ihren Kindern. Denn linke Eltern der Generation X waren oft selbst die Ersten ihrer Familie, die sich aktiv gegen Nationalstolz und rechte Ideologie aussprachen. Die, die es anders machen wollten.

Nur davon spüren ihre Kids nichts. Sie gehen durch die Welt und schreiben Portraits über ihre coolen Eltern, als ob es das Logischste der Welt wäre. Sie fragen dich, ob deine Eltern mit aufs Festival kommen, schließlich haben sie ja früher sicher auch mal gekifft hehe.

Sie nehmen an, dass alles, was du heute weißt, dem Wissen ihrer Bibliothek entstammt; gehen nicht davon aus, dass du dir dein kulturelles Kapital mühsam, Reclamheft für Reclamheft, Kanonliteratur für Kanonliteratur und Studienabschluss für Studienabschluss selbst erarbeitet hast.

Sie nennen dich „self made“, und respektieren dich auf eine Weise, wie es nur Akademikerkinder tun können, die die unteren gesellschaftlichen Klassen von RTL II zu kennen glauben. Sie betrachten dich mit derselben Ehrfurcht wie das Gemälde eines angesagten französischen Künstlers, ohne es sich leisten zu können. Denn dafür hätten sie wirklich auch mal selbst an sich arbeiten müssen.

Ich habe nichts gegen die Kinder linker Eltern.

Sie sind mir einfach nur ein bisschen fremd, weil ich es gewohnt bin, mit anderen vernachlässigten FPÖ/ÖVP-Kindern vor dem Computer zu sitzen und dabei Bacardi Cola zu trinken.

Was ich mir wünsche, ist, dass sich die Kinder linker Eltern zumindest ein klitzekleines Stück weit darüber bewusst wären, was für ein Privileg es ist, ohne patriarchale Grundannahmen über ihr künftiges Leben aufzuwachsen; einer Welt, in der Heirat optional ist und gleichgeschlechtlich.

Ich wünschte, sie würden andere sprechen lassen, wenn es mal wieder ein Panel über Gleichberechtigung im Journalismus oder „hier Branche einsetzen“ gäbe, statt sich das Honorar selbst einzustecken und dabei zu glauben, etwas Gutes für die Gesellschaft getan zu haben.

Ich wünschte, sie wüssten, dass ihr Fortkommen nichts Besonderes war, sondern: abzusehen. Der ganz normale, vorhergesehene Weg, von dem sie nie abkommen mussten, um zu überleben.

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