Also hast du diese „milde Form“ von Autismus (nein)


FYI: Ich habe mein Buch „Potenziell furchtbare Tage“ (Haymon Verlag) über Anti-Work und Menstrual Health als nicht-geoutete Autistin geschrieben.
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„Also hast du diese ‚milde Form‘ von Autismus?“, fragt sie mich ein bisschen zu aufgesetzt interessiert. So, wie das viele machen, die sich nicht weiter mit dieser lästigen „Erfindung“ Neurodivergenz beschäftigen wollen.
Ich – ihr perfektes, begabtes Kind – kann auf keinen Fall krank, gestört oder behindert sein. Nicht, wo ich doch von ihr abstamme, obwohl ich seit Jahrzehnten vermute, dass auch sie neurodivers ist und es nicht wahrhaben möchte.
Was soll das sein, außer ein abgeschwächtes Adjektiv, das Menschen benutzen, die glauben, dass alle autistischen Menschen männlich, non-verbal und kognitiv eingeschränkt sind.
„Mild“ wird der Autismus derjenigen genannt, die sich stärker auf die Zunge beißen können, die für den Zusammenbruch 50 Minuten mit der Bahn nach Hause fahren und keine allzu große „Belastung“ sind.
Wenn mein Autismus als „mild“ wahrgenommen wird, dann nur, weil ich gelernt habe, das Grobe und Schwierige daran zu verbergen – nicht, weil er weniger da wäre.
Wie unmild sich der „milde“ Autismus in meinem Kopf an manchen Tagen anfühlt, ist unsichtbar. Nichts an meiner fehlenden Energie ist mild. Nichts an dem inneren Theater, dem Lärm, der Erschöpfung nach scheinbar banalen Gesprächen oder dem Gefühl, permanent gegen einen unsichtbaren Strom zu schwimmen.
„Mild“ beschreibt, wie wenig unbequem jemand für sein Umfeld ist. Wie gut jemand gelernt hat, neurotypische Erwartungen zu erfüllen, ohne zu sehr aufzufallen. Wie diszipliniert jemand sich selbst übergeht, damit niemand anders sich anpassen muss.
Der Begriff „milder Autismus“ ist keine präzise klinische Kategorie, sondern eine umgangssprachliche Vereinfachung. In aktuellen diagnostischen Systemen wie dem DSM-5 wird Autismus als Spektrum beschrieben, mit Unterstützungsgraden („Level 1–3“), die sich auf den Hilfebedarf beziehen – nicht auf das subjektive Leiden oder die „Schwere“ der neurologischen Abweichung.
Zudem zeigen Studien, dass sogenannte „hochfunktionale“ oder „milde“ Autist:innen häufig ähnlich hohe oder sogar höhere Belastungen berichten als Personen mit sichtbarerem Unterstützungsbedarf, insbesondere in Bezug auf Erschöpfung, Angststörungen, Depressionen und Burnout ((u.a. Hull et al., 2017).
Dass andere mehr Unterstützung brauchen, macht meine Erschöpfung nicht weniger real. Der eine Autismus ist also nicht mehr oder weniger „echt“ als der andere. Er ist nur anders lesbar. Und vor allem: anders erträglich für andere.
„Mild“ funktioniert wie ein Beruhigungswort, das nicht die betroffene Person beruhigt, sondern das Umfeld. Es signalisiert: „Hier besteht von eurer Seite kein Anpassungsbedarf! Diese Person ist nicht autistisch genug, um Support zu benötigen!“ Dabei hätte ich den durchaus nötig gehabt.
Meiner Erinnerung nach war ich nie stereotyp-„mild“ autistisch. Ich war schon in der Schulzeit verhaltensauffällig und „nicht normal“; ich hatte Meltdowns auf Klassenfahrten, Sportturnieren, im Unterricht und später auf der Tech-Konferenz re:publica. Ich musste Räume verlassen, um mich am Klo zu regulieren. Tage ausfallen lassen, um mich im Bett zu erholen.
Trotzdem sieht man mir meine Behinderung nicht sofort an. Ich spreche nicht „monoton-robotisch“ (auch hier wieder: stereotyp gedacht) und habe sogar Humor. Da schau einer her! Deshalb lesen mich viele Menschen falsch, wenn sie mich im Internet oder auf Bühnen kennenlernen.
Deshalb sind sie später verwundert, wenn ich nicht so „mild“ auf ihren Bullshit reagiere, wie sie es erst angenommen haben.
Ich habe mein Buch „Potenziell furchtbare Tage“ (Haymon Verlag) als nicht-geoutete Autistin geschrieben, aber wer zwischen den Zeilen lesen kann, wird viele Kapitel bereits mit der passenden Brille lesen. I mean, ein Kapitel heißt literally Meltdown Moments ;) Und: gewisse Komorbiditäten sind bei Autismus „leider“ normal.
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