Viele Kreative, Studierende und Selbstständige kennen den Gedanken:

„Ach, wenn ich doch eine nette Teilzeit-Stelle hätte, dann wäre das Finanzielle geregelt – und ich könnte mich total entspannt auf meine Herzensprojekte konzentrieren.“

Fühlst du dich ertappt? Sehr gut. Denn heute geht es um den “Mythos” Teilzeit – beziehungsweise den Mythos “Weniger arbeiten”, weil Teilzeit ja nur … Teilzeit ist.

Ich möchte schon lange eine Podcast-Episode darüber machen – allerdings nicht aus der (recht offensichtlich problematischen) finanziellen Perspektive. Sondern vielmehr von dem Gefühl, sich am Ende des Tages trotz Teilzeit nicht selbst gerecht zu werden.

Bevor ich zur Kritik am Modell Teilzeit komme, möchte ich mich bei meinen Hörerinnen für zugesandten Voice-Messages bedanken und noch ein paar grundlegende rechtliche Themen klären, die im Zusammenhang mit Teilzeit oft diskutiert und missverstanden werden.

Ich beziehe mich dabei auf deutsches Recht, da ich seit sechs Jahren in Deutschland lebe und deutsches Recht studiert habe.

Punkt 1: Also. Was bedeutet Teilzeit überhaupt?

Teilzeit bedeutet, dass ein Arbeitnehmer regelmäßig weniger Stunden in der Woche arbeitet, als im Arbeits- bzw. Tarifvertrag als volle Arbeitszeit vereinbart ist.

Dabei sind verschiedene Konstellationen möglich. Üblich ist, dass der Arbeitnehmer an einigen Tagen gar nicht anwesend ist oder jeden Tag früher geht (früher auch als „halbtags“ bekannt).

Die neue Arbeitszeit lässt sich also – wenn man Glück hat – recht flexibel aufteilen. Bei einer 80 % Stelle kann man dann entweder jeden Tag früher gehen, oder einen Tag ganz frei machen. Soweit, so einfach.

Punkt 2: Wer kann Teilzeit verlangen?

Grundsätzlich hat nach § 8 Abs. 1 Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) jeder Arbeitnehmer das Recht, von seinem Arbeitgeber die Minderung der Arbeitszeit zu verlangen, sobald das Arbeitsverhältnis länger als sechs Monate bestanden hat.

Gemäß Absatz 2 muss der Arbeitnehmer die Verringerung seiner Arbeitszeit und den Umfang der Verringerung spätestens drei Monate vor dem Beginn in Textform geltend machen. Er soll dabei auch gleich die gewünschte Verteilung der Arbeitszeit angeben.

Der juristische Ausdruck „Textform“ heißt: Es muss kein unterschriebenes Schriftstück sein. Eine E-Mail oder Textnachricht reichen aus. Der Antrag muss auch nicht begründet werden.

Einige Experten empfehlen, dem Arbeitgeber die Gründe trotzdem zu nennen. Denn so kann der Arbeitgeber theoretisch ein größeres Verständnis für die persönliche Situation aufbringen oder zumindest eine bessere Grundlage für die Verhandlung geschaffen werden.

Ich persönlich würde die Gründe nur dann nennen, wenn sie rechtlich relevant sind. Also, wenn man beispielsweise plant, zusätzlich auch selbstständig zu arbeiten und ein Wettbewerbsverbot im Arbeitsvertrag steht. Die meisten Arbeitgeber sehen das nicht so gerne, und die Nebentätigkeit könnte – falls sie rauskommt – zu Problemen wie der Überschreitung der wöchentlichen Arbeitszeit oder einer fristlosen Kündigung führen.

Anyhow.

Für die Bewilligung der Teilzeittätigkeit müssen 3 Voraussetzungen in jedem Falle erfüllt sein:

  • Das Arbeitsverhältnis besteht seit mindestens sechs Monaten.
  • Es arbeiten mindestens 15 Arbeitnehmer im Betrieb. Azubis und Praktikanten werden dabei nicht mitgerechnet, Mini-Jobber hingegen schon.
  • Falls du schon in der Vergangenheit einen Antrag auf Teilzeitarbeit gestellt hast, müssen mindestens zwei Jahre nach der Bewilligung oder rechtmäßigen Ablehnung des letzten Antrags auf Teilzeit vergangen sein.

Wenn alle drei Punkte zutreffen, stehen die Chancen sehr gut. Der Arbeitgeber muss dem Antrag grundsätzlich zustimmen und kann nur im Ausnahmefall seine Zustimmung verweigern. Er muss sich dafür auf betriebliche Gründe berufen können. Solche liegen insbesondere vor, wenn durch die Arbeitszeitverkürzung die Organisation, der Arbeitsablauf oder die Sicherheit im Betrieb wesentlich beeinträchtigt werden.

Wenn der Arbeitgeber den Teilzeit-Antrag des Arbeitnehmers ablehnt, kann letzterer dagegen vor dem Arbeitsgericht klagen. Dann überprüft das Gericht die Gründe für die Ablehnung. Der Arbeitgeber muss dann beweisen, warum die Teilzeit aus betrieblichen Gründen angeblich nicht möglich ist.

Wieviel verdient man in Teilzeit?

Der Bruttolohn reduziert sich anteilig mit den gestrichenen Stunden. Wenn man 20 Stunden statt 40 arbeitet, erhält man logischerweise nur die Hälfte des ursprünglichen Bruttogehalts.

Allerdings gilt der Grundsatz der Steuerprogression: Mehr Lohn = mehr Steuern. Das heißt umgekehrt, dass die Einbußen beim Nettolohn weniger gravierend sind. Das bedeutet allerdings auch, dass man weniger in die Renten- und Arbeitslosenversicherung einzahlt – und dementsprechend später weniger Rente beziehungsweise Pension bezieht.

Es gibt unzählige Beiträge darüber, warum Frauen mit Kindern Teilzeit arbeiten und deswegen später stärker von Altersarmut betroffen sind. Im Jahr 2019 lag die Teilzeitquote von erwerbstätigen Frauen mit minderjährigen Kindern laut Statista (Quelle) bei 66,2 Prozent, wohingegen sie bei erwerbstätigen Männern im gleichen Jahr bei 6,4 Prozent lag. Also: Ja, das ist ein Problem.

Aber wisst ihr, was noch welche sind?

Aus eigener Erfahrung kann ich versprechen, dass es gar nicht so leicht ist, kreative selbstständige Tätigkeiten oder Uni-Hausarbeiten mit einer 60 oder 80 Prozent TZ-Stelle zu kombinieren. Schließlich heißt das: Anwesenheit an 3 oder 4 Tagen einer 5-Tages-Woche. Das als “Teilzeit” zu beschönigen, grenzt an einen Scherz.

Ich hatte in den vergangenen fünf Jahren Selbstständigkeit immer wieder auch kurzfristige TZ-Beschäftigungen, weil ich dachte, dass es keinen großen Unterschied zu einem festen Freelance-Retainer-Vertrag macht. Also: Einem Vertrag zwischen Freelancer und einem Unternehmen, bei dem ein fixer monatlicher Betrag aufs Konto überwiesen wird.

Turns out: es macht einen riesengroßen Unterschied, ob man als Freelancer dabei ist, oder wieder festangestellt.

Diese drei unterschätzten Probleme sind mir bei der Teilzeit-Arbeit besonders aufgefallen.

1. Der Mental-Load

Eine Beschäftigung in Deutschland kommt immer mit einem Riesenpäckchen Bürokratie und Hierarchie daher. Egal, ob du 15 oder 40 Stunden dabei bist.

Meiner Erfahrung nach ist der Mental Load bei einer TZ-Stelle meist genauso hoch, wie beim 5-Tage-Äquivalent. Man bekommt Mails, Orga-Stuff, Machtkämpfe, neue Regelungen, awkwarde Zoom-Weihnachtsfeiern ja trotzdem komplett mit, und nicht nur „Teilzeit“. E-Mails, die in der eigenen Abwesenheit geschickt werden, sind am nächsten Tag trotzdem da. Es gibt keine Mail-Sperre für die Tage, an denen man nicht arbeitet. Meist gelten zudem dieselben Deadlines, wie für Vollzeitarbeitende.

Ein weiterer Trugschluss: Man denkt am Wochenende nicht weniger an den Job, nur, weil er TZ ist. Außerdem kann es leicht passieren, dass man trotz einer 4-Tages-Woche mit 5-Tages-Tasks zugepackt wird, was im Endeffekt weniger Lohn und mehr Stress bedeutet.

Auch ich kann mich an Wochen erinnern, in denen ich versucht habe alles an vier Tagen fertigzubekommen, während andere dafür fünf Tage Zeit hatten.

Pausemachen bei Teilzeit? Geht sich meistens eher nicht aus.

2. Die Rechtfertigungen

„Ich dachte, dass du dann bald auf Vollzeit umstellst, Bianca“, sagte mir meine Chefin bei einem random Nachmittags-Call. Den Satz habe ich übrigens nicht nur einmal, und nicht nur von ihr gehört. Was soll eins darauf antworten, ohne sich zu rechtfertigen?

Gerade bei Conservatives und der Boomer-Generation ist es völlig unerhört, dass junge Menschen keine Lust mehr haben, 5 von 7 Tagen einem anonymen Unternehmen zu opfern, um dann 40 Jahre später in der Rente auf Balkonien billiges Lagerbier zu schlürfen. Wer jung ist – so das Motto in Deutschland – soll doch bitte auch gefälligst “voll” dabei sein. Weil’s … immer schon so gewesen ist. Und man sonst kein vollwertiges Mitglied des Unternehmens ist.

Und dann wäre da noch die seltsame Vorstellung, man könne nur TZ arbeiten, wenn man Kinder hat oder Kinder möchte.

Mona schreibt mir auf Instagram:

Genau das ist auch mein Punkt. Diejenigen, die sich aus finanzieller Perspektive Teilzeit leisten könnten, es sich aber nicht leisten wollen, sind (gefühlt) neidisch auf diejenigen, die dem Faktor Zeit in ihrem Leben mehr Beachtung schenken. Und Boomer, die jüngere Arbeitnehmer dafür shamen, keine 5 Tage zu arbeiten, wünschen sich vermutlich auch ein bisschen Lebenszeit zurück, die sie in sterilen Arbeitsumgebungen zwischen Kaffeeküche und Drucker verbracht haben.

Absichtlich weniger zu lohnarbeiten ist definitiv ein politisches Statement geworden, das man sich besser nicht in zu großen Lettern aufs T-Shirt druckt.

Gerade in einer Zeit wie heute, in der sich kaum ein junger Mensch durch Lohnarbeit Immobilien anschaffen kann und keine sichere Lebensgrundlage in der Zukunft auf uns wartet, findet ein Wandel weg vom “stumpfen Geldschaffen” hin zum Glück in der Freizeit statt.

Klingt zynisch, aber dann wohnt man eben bis 80 in der Platte, hat dafür aber regelmäßig seine Nachmittage im Park oder am See verbracht. ¯\_(ツ)_/¯

Ja, auch deshalb arbeiten Menschen Teilzeit. Und es ist nichts, wofür sie sich schämen sollten. Teilzeit kann eine persönliche Entscheidung sein.

3. Die Rechnung: Teilzeit-Arbeiten = Kopffrei-haben geht nicht auf

Als Person, die immer schon zu viele Projekte gleichzeitig auf dem Tisch hatte, habe ich mir von meinen TZ-Stellen Komplexitätsreduzierung und Entschleunigung erwartet – um so am Donnerstag oder Freitagnachmittag auch mal Zeit für eigene Ideen zu haben. Frei von finanziellen Sorgen – so die Idee – könnte ich dann endlich ein neues Buch schreiben, YouTube-Videos machen oder Kitesurfen lernen.

Das Problem dabei: Wenn ich 80 % der Woche in einem Corporate Job sitze, habe ich an meinen freien Tagen weder Nerven für ausufernde Recherchen, noch Sport. Vielleicht schaffe ich es, zu kochen oder eine kleine Runde joggen zu gehen – ein richtiger Side Hustle mit Leidenschaft ist allerdings nicht mehr drin. Von Freelance-Aufträgen ganz zu schweigen. Es sei denn, man steht auf Sonntagsarbeit.

Falls man es doch versucht, die eigene Leidenschaft auf hohem Niveau auszuführen, dann stresst man sich zu seiner 80 % Stelle auch noch mit 40 weiteren % Nebentätigkeit, was dann in 50 bis 70 h Wochen resultiert.

Auch das habe ich bereits hinter mir. Es gab Wochen, in denen hatte ich Freelance-Aufträge, diesen Podcast, die Redaktion mit fünf weiteren Menschen, Uni-Prüfungen und eine 80-Prozent-Stelle. Klingt nach Hölle? War es auch.

Die Teilzeit-Arbeit war in meinem Leben so präsent wie eine Vollzeitstelle und beanspruchte große Teile meiner Aufmerksamkeit und Planungstätigkeit. Von wegen “nur” Teilzeit arbeiten! 80 % Teilzeit hat bei vielen Kreativen und Selbstständigen nichts mit Teilzeit zu tun. Der eine Tag, der dann pro Woche übrig bleibt, wird für lebenserhaltende Funktionen benötigt und verschafft zumindest mir nicht das Gefühl von Freiheit, denn am nächsten Tag geht es ja auch gleich wieder fröhlich weiter.

Letztendlich habe ich mich wieder gegen die Teilzeit-Stelle entschieden. Weil ich es nicht geschafft habe, alles unter einen Hut zu bekommen. Mich um mich selbst, meine Herzensprojekte und meine mentale Gesundheit zu kümmern. Von der körperlichen mal ganz abgesehen, die sowieso seit zehn Jahren einfach mitlaufen muss.

Fazit

Würde ich anderen Kreativen also empfehlen, „nebenbei“ Teilzeit anzufangen?

Nur unter bestimmten Rahmenbedingungen.

1. Maximal 2 Tage pro Woche.

2. Am besten fachfremd, damit die eigenen Künste nicht für Corporate Bullshit missbraucht werden.

3. Und: befristet, zum Beispiel über den Winter, wo sowieso weniger Outdoor-Events, Märkte und Festivals stattfinden, die ja für einige Künstler auch eine Einnahmequelle darstellen.

Obwohl ich viel an TZ kritisiert habe, ist das “reduzierte” Modell für den nicht-side-hustlenden Bürger natürlich dennoch besser, als Vollzeit zu arbeiten. Allerdings nicht unbedingt für Kreative, die sich damit einen Gefallen tun wollen. Für uns gibt es soetwas wie Teilzeit schlichtweg nicht.

Auch gibt es keine Lohnarbeit, die man mal eben nebenbei 80 % seiner Woche ausführt, die einen gedanklich gar nicht tangiert und anstrengungslos von statten geht. Das Gehirn ist immer dabei. Egal, bei welcher noch so banalen Tätigkeit.

Die kreative Arbeit, die ich machen möchte, kann nicht an einem oder anderthalb Tagen die Woche erledigt werden. Ich brauche den Leerlauf, ich brauche die Spaziergänge dazwischen. Und wenn da die Teilzeitstelle mit massig Meetings, ärgerlichen Feedback-Schleifen und unnötigen Personal-Gesprächen reinfunkt, dann fühle ich mich genau darin behindert.

Denn Festanstellung heißt ja immer auch, fest für jemand anderes Ideale da zu sein.

Ist es schon dekadent, sich über TZ zu beschweren? Oder lediglich eine notwendige Weiterentwicklung der Debatte rund um die 5-Tages-Woche, die ja inzwischen wirklich von sehr vielen abgelehnt wird?

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